Deutschland und China

Bertelsmann-Studie zu Chinas Einkaufstour "Schon bei Anteilskäufen von zehn Prozent eingreifen"

Stand: 22.05.2018, 10:31 Uhr

Deutsche Technologiefirmen bleiben das begehrte Ziel chinesischer Investoren. Schon macht die Angst vor einem Ausverkauf die Runde. Nun empfiehlt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, den Chinesen die Einkaufstour zu erschweren - zumindest bei sicherheitsrelevanten Branchen.

Glaubt man der China-Expertin der Bertelsmann-Stiftung, Cora Jungbluth, verfolgt China den Plan, mit massiven staatlichen Subventionen die Technologielücke zu westlichen Firmen zu schließen und selbst Weltmarktführer wie Samsung, Siemens oder Sony hervorzubringen. Dazu sollen Produktionsanlagen modernisiert und ausländische Technologieexporte durch eigene Innovationen ersetzt werden. Pünktlich bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik, soll das Land dann zu einer industriellen Supermacht aufsteigen.

Bertelsmann Stiftung

Bertelsmann Stiftung. | Bildquelle: picture alliance / Kai Pohlkamp/dpa

Um dieses Ziel zu erreichen, kaufen die Chinesen gezielt Technologiefirmen im Ausland auf oder gehen Beteiligungen ein. Die finden sie vor allem im deutschen Mittelstand bei den sogenannten Hidden Champions – in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Unternehmen, die in ihrem Segment jedoch Marktführer sind, wie der Augsburger Roboterhersteller Kuka.

Besonders großes Interesse zeigten Käufer aus China der Untersuchung zufolge an Unternehmen, die sich mit "energiesparenden Autos und Autos mit alternativer Antriebstechnik" (21 Prozent), "Energiesystemen" (19 Prozent), "Biomedizin" (16 Prozent) sowie "Maschinen mit computergestützter numerischer Steuerung und Robotern" (15 Prozent) beschäftigen.

Keine Beziehungen auf Augenhöhe

Von 175 Übernahmen oder Beteiligungen im Ausland im Zeitraum von 2014 bis 2017 entfallen demnach 112 auf Branchen, die China mit seiner Strategie "Made in China 2025" besonders stark ausbauen will. Jüngstes Beispiel ist der erneute Versuch des chinesischen Stromnetzbetreibers State Grid Corporation of China (SGCC), sich einen 20-Prozent-Anteil des Berliner Höchstnetzbetreibers 50Hertz zu sichern.

Geely-Chef Li Shufu

Geely-Chef Li Shufu. | Bildquelle: picture alliance / Photox/Imaginechina/dpa

Problematisch bei der Einkaufstour ist, laut Studien-Autorin Cora Jungbluth, dass es auch 17 Jahre nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation "keine Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe" gebe. Während chinesischen Investoren hierzulande freier Marktzugang geboten werde, schütze die chinesische Regierung strategische Industrien bewusst vor ausländischem Zugriff. Dagegen hätten weder Deutschland noch die EU der industriepolitischen Strategie Chinas momentan etwas entgegenzusetzen, so das Ergebnis der Studie. Wenn staatlicher Einfluss den Wettbewerb verzerre oder eine Ungleichbehandlung von Unternehmen erfolge, sollten die Europäer mit einer Stimme intervenieren.

Prüfverfahren bereits früher

Ein wichtiger Schritt für fairen Wettbewerb sei der Abschluss eines bilateralen Investitionsabkommens zwischen der EU und China, das bereits seit 2014 verhandelt wird. Für Deutschland schlägt Jungbluth zudem vor, dass die Regierung künftig bei sicherheitsrelevanten Sektoren mit einem Prüfverfahren schon bei Anteilskäufen von zehn Prozent eingreifen kann, statt wie aktuell ab 25 Prozent.

Ein Drache mit der Aufschrift

China im Aufwind. | Bildquelle: (c) dpa / MAXPPP

Die China-Expertin will die chinesischen Investitionen nicht verteufeln, schaffen sie doch Arbeitsplätze und bringen Geld ins Land. Doch sie verweist auch auf eine Reihe durchaus kritischer Faktoren. Dazu gehört die Unsicherheit über den staatlichen Einfluss: Die Eigentumsstrukturen chinesischer Unternehmen seien intransparent und für Außenstehende eine Black Box.

Baden-Württemberg ganz vorn

Hinzu komme in China eine Vielzahl informeller Verflechtungen zwischen Staat und Wirtschaft. Auch chinesische Privatunternehmen könnten daher nicht vorbehaltlos als Wirtschaftsakteure gelten, die ausschließlich ökonomische Motive verfolgen, so Jungbluth. Insbesondere der wachsende Einfluss von Unternehmen, die direkt der chinesischen Regierung unterstehen, lasse aufhorchen: Während zwischen 2003 und 2013 insgesamt zehn dieser Unternehmen an Übernahmen in Deutschland beteiligt waren, waren es über einen sehr viel kürzeren Zeitraum von nur drei Jahren zwischen 2014 und 2016 ebenfalls zehn.

Der Großteil der relevanten chinesischen Beteiligungen verteilt sich nach der Studie auf nur drei Bundesländer: Baden-Württemberg (23 Prozent), Nordrhein-Westfalen (20 Prozent) und Bayern (16 Prozent), was demnach genau die Regionen sind, in denen auch die Mehrheit der "Hidden Champions", also Deutschlands technologische Weltmarktführer, angesiedelt sind.

lg

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Kion
2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

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