Ryanair-Gründer Michael O'Leary mit einem Flugzeugmodell

Drohen sonst neue Streiks? O'Leary setzt sich an den Verhandlungstisch

von von Jule Zentek

Stand: 05.01.2018, 08:21 Uhr

Hauptsache günstig – mit dieser Devise fährt Ryanair-Chef Michael O'Leary schon immer eine klare Linie. Die Billig-Airline will heute erstmals mit der Gewerkschaft Cockpit sprechen – dieser Schritt dürfte Sparfuchs O'Leary schwer fallen.

Bislang hatte Ryanair die Gewerkschaften und ihre Forderungen gekonnt ignoriert. Für O'Leary galten sie nicht als Vertreter der Beschäftigten. Der Konzernchef drohte den Angestellten, sie mit schlechten Arbeitszeiten und ausbleibenden Bonusleistungen zu bestrafen, wenn sie jemals streiken würden.

 Passagiere am Check-In am Flughafen Hahn im Hunsrück

Passagiere am Flughafen Hahn. | Bildquelle: picture alliance / Thomas Frey/dpa

Und so hatte es in der 30-jährigen Firmengeschichte der irischen Airline bislang keinen Streik gegeben – bis vor wenigen Wochen. Kurz vor Weihnachten hatte die Vereinigung Cockpit (VC) zum Streik aufgerufen. An den deutschen Flughäfen blieben 20 Flüge am Boden - 3.000 Passagiere waren betroffen. Es kam zu Verspätungen, doch das große Chaos blieb aus.

Zuvor waren erste Gespräche zwischen der VC und dem Unternehmen gescheitert, ehe sie beginnen konnten: Ryanair hatte zwei der fünf Kommissionsmitglieder von Cockpit abgelehnt. Die VC sah die "gewerkschaftliche Autonomie" klar missachtet. Dabei war der erste Austausch über einen einheitlichen Tarifvertrag geplant gewesen.

Alles nur ein PR-Gag?

Als neuer Starttermin für die Verhandlungen war der erste Freitag im neuen Jahr im Gespräch. Eine Delegation des Unternehmens werde am Freitagnachmittag in Frankfurt erwartet, so ein Sprecher der Gewerkschaft. Von Seiten der Fluglinie blieb es still. Gegenüber boerse.ARD.de teilte Robin Kiely, Head of Communications bei Ryanair, mit: "Wir kommentieren keine Verhandlungen mit unseren Piloten." Dabei sollte sich endlich etwas tun - denn die Probleme bei der Airline häuften sich in den vergangenen Monaten.

Ryanair-Maschinen am Flughafen Weeze

Ryanair. | Bildquelle: picture alliance / Arnulf Stoffel/dpa

Im September sorgte die Airline für Aufsehen, als sie kurzfristig den Ausfall von rund 20.000 Flügen bis März bekannt gab – insgesamt waren rund 700.000 Passagiere betroffen. O'Leary nannte fehlerhafte Planungen beim Jahresurlaub als Grund: Die irische Luftverkehrsaufsicht IAA hätte verlangt, dass Piloten ihren Jahresurlaub innerhalb des Kalenderjahres und nicht im Geschäftsjahr nehmen, das bei Ryanair bis Ende März geht. Der Ausfall kostet Ryanair 25 Millionen Euro.

In Wahrheit hätten zahlreiche Mitarbeiter wegen der schlechten Arbeitsbedingungen das Handtuch geschmissen, so die Pilotengewerkschaft Cockpit. Sie wirft der Airline seit Langem „systematisches Sozialdumping“ vor.

Der erste Schritt zur Einsicht

Kurz danach gab sich O’Leary mitarbeiternah und kündigte eine Erhöhung der Gehälter von rund 20 Prozent an. Außerdem versprach er bessere Karrierechancen, Einsatzpläne und größere Arbeitsplatzsicherheit.

Das Angebot würde die jährlichen Kosten der Fluggesellschaft um 100 Millionen Euro erhöhen. Das sollte Ryanair im Übrigen nicht besonders schmerzen: Die Airline sparte bislang nicht nur bei den Gehältern, sondern auch bei den Landegebühren und den Flugzeugwartungen. Selbst wenn die Gehaltsrechnung um 50 Prozent steigen würde, bliebe die Gewinnmarge vor Abzug von Steuern, laut Berechnungen von Bloomberg, bei 17 Prozent. Im Vergleich: Bei Easyjet seien es nur acht Prozent.

Doch Michael O’Leary ist bekannt dafür ein Sparfuchs zu sein. Ihn muss das Angebot zur Gehaltserhöhung einiges an Überwältigungskraft gekostet haben.

O’Leary teilt gerne aus - kann er auch einstecken?

Ryanair-Chef Michael O'Leary mit Narrenkappe

Michael O'Leary. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Seit 24 Jahren steht der 56-Jährige an der Spitze von Ryanair – und ist damit der fünft dienstälteste Konzernchef in Europa. Außerdem gehören ihm vier Prozent der Aktien. Bekannt ist er für sein loses Mundwerk, mit dem er gern harsche Kritik an der Konkurrenz übt und irrsinnige Sparideen vorschlägt.

So kündigte er 2010 Stehplätze an Board an – das wurde von der US-Aufsichtsbehörde FAA aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Auch eine WC-Gebühr war im Gespräch. Außerdem plant er Gratisflüge anzubieten: Sie sollen sich durch den Verkauf von Konsumartikeln an Bord und die von Ryanair vermittelten Mietwagen und Hotels rechnen.

Was kurios klingen mag, passt zur Persönlichkeit des Iren. Bislang hat ihm seine Unternehmensführung scheinbar nicht geschadet: 2014 erhielt er O'Leary eine Vertragsverlängerung für weitere fünf Jahre.

Günstig, günstiger, am günstigsten

Maschinen von Ryanair auf dem Rollfeld des Flughafens in Dublin, Irland

Maschinen von Ryanair auf dem Rollfeld des Flughafens in Dublin, Irland. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Am Erfolg des Unternehmens lässt sich nicht rütteln: Binnen zweier Jahrzehnte machte er die Fluggesellschaft erfolgreich. Schon 2003 kündigte O'Leary an, die Airline werde einmal die größte Airline Europas. Vor einem Jahr erreichte Ryanair schließlich dieses Ziel: 2016 flogen 117 Millionen Passagiere mit dem irischen Billigflieger – nur knapp 110 Millionen entschieden sich für die etablierte Lufthansa.

Doch der Erfolg kommt eben nicht von ungefähr. Begonnen hat O'Leary mit dem Plan, die US-amerikanische Billigairline Southwest Airlines zu kopieren. Was 1985 als Flugroute zwischen Irland und Großbritannien startete, ist mittlerweile ein Konzern mit Flugrouten zwischen 33 Ländern – 2.000 Flüge gibt es täglich. Dafür setzt der Ire seit jeher auf die Low-Cost-Strategie: Die Kosten sollen also so niedrig wie möglich gehalten werden, während der Gewinn steigt.

Das geht auf Kosten der Mitarbeiter: Sie leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen. Viele Angestellte sind Leiharbeiter und über Subunternehmer bei Ryanair beschäftigt. Nur die Hälfte der Piloten ist bei der Airline festangestellt - beim Rivalen Easyjet sind es rund 95 Prozent.

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Gute Nachricht für die Verbraucher

Mit seinem Angebot schien O'Leary zunächst einmal die Wogen glätten zu wollen. Doch die Angestellten fordern nicht nur eine Gehalterhöhung, sondern einen unternehmensweiten Tarifvertrag, der in allen Ländern gilt. Dazu müsste O'Leary aber endlich eines tun: Die Gewerkschaften als Vertreter seiner Mitarbeiter anerkennen – und mit ihnen verhandeln.

Von den Kunden blieb der Arbeitskampf bislang unbeachtet: Für das laufende Geschäftsjahr erwartet O’Leary insgesamt eine Passagieranzahl von 129 Millionen und damit etwas weniger als erwartet. Doch den Zahlen vom Oktober zufolge verbuchte Ryanair in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres einen Gewinnanstieg von elf Prozent auf 1,29 Milliarden Euro. Die Ticketpreise sollen daher weiterhin sinken: O'Leary sprach von einer Vergünstigung um vier bis sechs Prozent, etwas weniger als bisher.

Aktie bekommt den Arbeitskampf zu spüren

Die Börse reagierte in den vergangenen Monaten hingegen kritischer. Die Aktie hat seit ihrem Hoch im August von über 19 Euro ordentlich Federn lassen müssen: Über 15 Prozent hat sie in den letzten sechs Monaten verloren.

Der Streit mit den Gewerkschaften im Dezember ließ den Kurs weiter sinken. Die Aktie fiel von 16,60 Euro Mitte Dezember um fast zwei Euro – und schwankt seitdem bei rund 15 Euro. Im direkten Vergleich mit dem Konkurrent Easyjet sieht es für Ryanair ebenfalls mau aus: Easyjet verbuchte im Einjahresvergleich ein Plus von über 47 Prozent – Ryanair kam auf vergleichsweise klägliche acht Prozent. Derzeit deutet wenig auf eine Trendumkehr hin.

Zunächst bleibt abzuwarten, ob O'Leary seinen Worten nun endlich Taten folgen lässt. Die Pilotenvereinigung Cockpit will sich nicht auf Zeitspielchen und Scheingespräche einlassen – weitere Streiks seien denkbar.

jz

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Michael O'Leary: 24 Jahre Ryanair
Michael O'Leary hat gerne mal einen frechen Spruch auf den Lippen. Bislang konnte ihm das in seiner Position als Chef bei Ryanair nicht schaden: Seit 24 Jahren sitzt er dort im Sattel - und er sitzt fest. 2014 wurde sein Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert. Statt neuer Sparstrategien bei der Billigairline wird er in nächster Zeit wohl mehr Zeit am Verhandlungstisch verbringen: Ryanair trifft sich erstmals mit Gewerkschaften, um über einheitliche Tarifverträge zu verhandeln.