Rückzug von der Börse Rocket Internet: Was Anleger jetzt tun können

Stand: 23.09.2020, 14:24 Uhr

Die für morgen anberaumte Hauptversammlung der Start-up-Schmiede Rocket Internet dürfte den angekündigten Rückzug von der Börse beschließen. Was das für Anleger bedeutet und was sie tun können, lesen Sie hier.

Auch wenn die Vertreter von Privatanlegern toben und das bescheidene Angebot von 18,57 Euro je Rocket-Aktie als "bodenlose Frechheit" und "Schlag gegen die Aktienkultur" bezeichnen, wie es Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) im "Manager-Magazin" getan hat: Der Preis, zu dem Rocket Internet von der Börse gehen will, ist nicht zu gering.

Er entspreche dem gesetzlichen Mindestpreis, der sich aus dem volumengewichteten Durchschnittskurs der letzten sechs Monate errechne, bescheinigte kürzlich die Finanzaufsicht BaFin. Auch wenn die Corona-Krise den Kurs im März auf 16 Euro hat einbrechen lassen, und das den Durchschnitt nach unten gedrückt hat.

Auf gesetzlicher Grundlage

Folglich wird Rocket den angebotenen Preis wohl nicht erhöhen. Dass das Management um Gründer Oliver Samwer doch noch eine Schippe drauflegen könnte, wie einige Anleger anfangs gehofft hatten, gilt als unwahrscheinlich, nachdem sich der Aktienkurs in etwa auf der Höhe des geplanten Kaufangebots eingependelt hat.

Tatsächlich setzt das Berliner Unternehmen lediglich um, was gesetzlich jeder börsennotierten Aktiengesellschaft gestattet ist. Grundlage für einen auch mit dem englischen Begriff "Delisting" bezeichneten Rückzug von der Börse ist ein Gesetz aus dem Jahr 2015. Danach muss den Anteilseignern zuvor ein Angebot für ihre Papiere gemacht werden, zu einem Preis, der aus dem volumengewichteten Durchschnittskurs der Aktie in den vergangenen sechs Monaten ergibt. Im Fall von Rocket liegt diese Summe bei 18,56 Euro – genau ein Cent weniger also, als Rocket jetzt als Abfindung anbietet.

Rocket begründet den Rückzug damit, dass der Konzern kein Geld vom Kapitalmarkt mehr brauche. "Die Finanzierungsmöglichkeit als wesentlicher Grund einer Börsennotierung ist nicht mehr erforderlich."

Der für morgen erwartete Beschluss auf einer außerordentlichen Hauptversammlung dürfte reine Formsache sein, denn auf Hauptversammlungen ist oft nur ein geringer Teil der Aktionäre präsent. Somit dürfte es für die Samwer-Brüder mit ihren 49,6 Prozent ein leichtes Spiel sein, den Beschluss mit einer einfachen Mehrheit durchzusetzen.

Anleger müssen Angebot nicht annehmen

Verkaufen müssen die Anleger, die das Angebot nicht annehmen, dennoch nicht. Sie bleiben bis auf Weiteres Rocket-Aktionäre - auch wenn ihnen die depotführende Bank mitgeteilt hat, dass das Unternehmen vom Börsenzettel verschwinden wird.

Allerdings hat Rocket die Möglichkeit, die Zulassung zum Börsenhandel zu widerrufen. Dann wären die Papiere wahrscheinlich nicht mehr über die üblichen Handelsplattformen der Deutschen Börse wie Xetra oder Tradegate handelbar, sondern nur noch an Nebenschauplätzen wie der Börse Hamburg.

Hier haben bereits andere Aktien, die "delisted" wurden, Zuflucht gefunden. Darunter sind Namen wie Axel Springer, Kabel Deutschland, Stada oder McKesson Europe (früher Celesio). Der Nachteil solcher Regionalbörsen ist der teils äußerst geringe Handel. Mitunter gehen täglich nur wenige Stücke um, oder es findet an manchen Tagen gar kein Handel statt.

Ist Rocket mehr wert?

Das bedeutet: Verkäufer müssen sich mitunter gedulden, wenn sie einen Käufer finden wollen. Oftmals sind auch höhere Gebühren fällig als beim Handel über liquide Plattformen wie Xetra. Viele Anleger sind sauer, weil der Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate nichts mit dem eigentlichen Wert der Gesellschaft zu tun habe.

Sie fühlen sich deshalb übers Ohr gehauen und verweisen auf die Bewertungen der Analysten. So rieten noch Anfang Juni die Experten der Deutschen Bank und von JPMorgan zum Kauf der Rocket-Aktie - und bewerteten sie mit 24 bis 27 Euro. Andere Analysten kommen gar auf einen fairen Wert von 32 Euro. Dass die Aktie von ihrem Hamburger Exil aus zu einem neuen Höhenflug ansetzt, halten die meisten Marktexperten auch angesichts des veränderten Geschäftsmodells von Rocket Internet, hin zu einem Wagniskapitalgeber, für eher unwahrscheinlich.

lg