Nokia Forschungszentrum in Ulm

Im Visier der Amerikaner? Nokia: Neue Übernahmefantasie

Stand: 17.04.2020, 14:31 Uhr

Erneute Übernahmefantasien um den finnischen Netzwerkausrüster haben die Nokia-Aktie zeitweise in die Höhe schnellen lassen. Am Markt werden verschiedene Kauf- und Fusionsszenarien durchgespielt.

Medienberichten zufolge steht Nokia offenbar vor einer Übernahme, möglicherweise durch einen US-Telekomausrüster wie Cisco. Dazu sollen die Finnen die US-Investmentbank Citigroup angeheuert haben, um sich dagegen zu schützen. Das Unternehmen wollte sich zu den Gerüchten nicht äußern. Anfängliche Kursgewinne bröckelten rasch wieder ab.

Dennoch gilt Nokia in dem heiß umkämpften Markt für Netzwerkausrüstung - Stichwort 5G - seit Wochen als Kaufkandidat. Denn die Finnen agierten zuletzt glücklos, schlossen das vergangene Jahr mit einem mageren Gewinn von sieben Millionen Euro ab - nach einem Verlust von 340 Millionen Euro 2018.

Geschäft heiß umkämpft

Eine deutliche Verbesserung hat das Management erst für das kommende Jahr in Aussicht gestellt. Konzernchef Rajeev Suri räumte Anfang Februar ein, dass sein Unternehmen vor großen Herausforderungen bei der Cash-Generierung stehe. Das Unternehmen nahm seine Prognose zurück und setzte die Dividende aus. Eine verheerende Botschaft, die den Aktienkurs binnen weniger Monate um die Hälfte einbrechen ließ. Nach einer Prognosesenkung im Oktober verlor das Unternehmen an einem Tag fast ein Viertel seines Werts.

Das Netzausrüster-Geschäft ist derzeit heiß umkämpft. Die beiden großen europäischen Anbieter Ericsson und Nokia spüren den Preisdruck der chinesischen Konkurrenten Huawei und ZTE. Anfang März verkündete Nokia einen überraschenden Chefwechsel. Danach soll Rajeev Suri zum 1. September von Pekka Lundmark abgelöst werden. Lundmark leitet derzeit den Versorger Fortum, ist aber ein Nokia-Rückkehrer: Er war einst unter anderem für die Strategie in der Netzwerk-Sparte verantwortlich.

Übernahme durch Cisco oder Apple?

Die Agentur Bloomberg berichtete bereits vor Wochen, dass Nokia derzeit mehrere strategische Optionen prüfe, die von potenziellen Verkäufen von Unternehmensteilen bis hin zu Fusionen mit Konkurrenten reichten. Dazu gehöre auch ein möglicher Zusammenschluss mit dem schwedischen Konkurrenten Ericsson.

Auch eine Übernahme von Nokia durch US-Konzerne wie Cisco oder Adtran wollen Insider nicht ausschließen. Adtran hatte im Dezember 2011 das Geschäft mit Ausrüstung für Festnetz-Breitband von Nokia Siemens Networks gekauft. Im Markt der Ausrüster für die neue 5G-Technologie spielen US-Firmen aber nur eine untergeordnete Rolle. Der US-Anbieter Lucent Technologies fusionierte im Jahr 2006 mit der französischen Alcatel. Das Gemeinschaftsunternehmen landete später bei Nokia. Allein schon deshalb könnten große US-Telekomfirmen ein Interesse an Nokia haben. Laut JPMorgan dürfte auch Apple an einer teilweisen Übernahme des Nokia-Geschäfts interessiert sein.

Amerika soll helfen

Ob es Nokia gelingt, die aktuelle Flaute zu überstehen und Übernahmen abzuwehren, hängt nach Ansicht von Experten auch davon ab, welche Rolle Huawei beim Ausbau der 5G-Netze in Europa spielen werde. Allerdings ist Nokia auch von Aufträgen aus China abhängig. Die Finnen erhielten zuletzt 5G-Aufträge im Wert von 2,2 Milliarden Dollar von den drei größten chinesischen Betreibern China Mobile, China Telecom und China Unicom.

Derweil forderte US-Justizminister William Barr bereits im Februar, Amerika solle die europäischen Netzwerkausrüster im Kampf gegen Huawei unterstützen und seine "finanziellen Muskeln" spielen lassen. Noch ist offen, wie das Rennen ausgeht, doch möglicherweise steht Nokia vor großen Veränderungen - wieder einmal.

lg