Nintendo-Spiel

Stundenhotels, Staubsauger, Liebes-Tester Nintendo und das Glück des Himmels

von Thomas Spinnler

Stand: 23.09.2019, 09:00 Uhr

Ohne Nintendo wäre die moderne Spiele-Industrie undenkbar. Aber in den vergangenen 130 Jahren haben sich skurrile Geschichten, Fehlschläge und Misserfolge angesammelt, an die es sich ebenfalls zu erinnern lohnt.

Die Anfänge des heutigen digitalen Spielegiganten Nintendo liegen natürlich in der analogen Welt. Gegründet wurde der Konzern vor 130 Jahren am 23. September 1889 von Fusajiro Yamauchi. Yamauchi begann sein Geschäft mit der Herstellung von "Hanafuda"-Spielkarten – bunte, handgemalte Karten mit Blumenmotiven. "Lege das Glück in die Hände des Himmels", lautet die poetisch klingende Übersetzung des Unternehmensnamens Nin-ten-do. Wer beim Kartenspielen sein Glück machen will, kann die Hilfe des Himmels immer gebrauchen.

Erster Nintendo-Hauptsitz 1889 in Kyoto

Erster Nintendo-Hauptsitz 1889 in Kyoto. | Bildquelle: Omake Books

"Heitere Miene zum schlechten Spiel"

Für den Denker Arthur Schopenhauer war das Kartenspiel eher ein Vorgeschmack auf die Hölle: In allen Ländern sei die Hauptbeschäftigung aller Gesellschaft das Kartenspiel geworden, schrieb der Philosoph, der es als den "deklarierten Bankrott an allen Gedanken" bezeichnete. "Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen."  

Zur Entschuldigung könne man allenfalls anführen, es sei eine Vorübung zum Welt- und Geschäftsleben, meinte Schopenhauer, der sein Leben in Deutschlands Börsenhauptstadt Frankfurt zubrachte: "Sofern man dadurch lerne, die vom Zufall unabänderlich gegebenen Umstände klug zu benutzen, um daraus was immer angeht zu machen, zu welchem Zwecke man sich dann auch gewöhnt, Contenance zuhalten, indem man zum schlechten Spiel eine heitere Miene aufsetzt."

"Corriger la fortune?"

Natürlich wollte sich Nintendo im Geschäftsleben kaum auf die Umstände des Zufalls verlassen. Wer Karten spielt, kann verlieren - wer die Karten herstellt, nimmt den Käufern in jedem Fall ein paar Gulden ab.

Auf das andere Geschäftsmodell, das beim Kartenspiel Gewinner produziert, hat sich dagegen die japanische Mafia konzentriert. Hanafuda-Karten sollen der Überlieferung nach besonders bei der Yakuza beliebt gewesen sein, die den Kartensatz in ihren Spielsalons nutzten. Deshalb bestellten sie Fusajiro Yamauchi regelmäßig Nachschub und hielten so sein Geschäft am Laufen.

Japanische Yakuza-Gangster

Japanische Yakuza-Gangster: Hat jemand Lust auf eine gepflegte Partie Hanafuda? . | Bildquelle: picture alliance/CPA Media

Die Yakuza müssen echte Kartenexperten gewesen sein, denn der Name Ya-ku-za ist einem Kartenspiel entlehnt. Er bedeutet "8-9-3", eine Zahlenkombination, die in einem anderen japanischen Kartenspiel als wertlos gilt. Ob die "Wertlosen" der japanischen Gesellschaft sich beim Spielen auf günstige Zufälle verließen? Oder kannten sie andere Methoden, um nach ein paar Spielchen eine heitere Miene aufzusetzen? Wer sich mit den Yakuza eingelassen hat, war erwachsen genug, um seine Chancen selbst zu beurteilen.

Eine Chance für die Liebe

Nintendo blieb während der ersten Jahrzehnte des Bestehens im Grunde ein Kartenhersteller. Aber irgendwann gerät ein Erfolgsmodell an Grenzen: "Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern", schreibt Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Sizilien-Roman "Der Leopard". Unternehmen müssen sich wandeln, wenn sie nicht verschwinden wollen.

Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen hatte Nintendo auch Fehlschläge zu verkraften. Bis in die 60erJahre verfolgte das Unternehmen den Ansatz der Erwachsenenunterhaltung weiter. Das Management gründete zu dieser Zeit eine Kette von "Love Hotels", also Etablissements, die man hierzulande Stundenhotel nennen würde. Das klingt anrüchig und war es vermutlich auch, weil die Hotels von Prostituierten genutzt werden konnten. Aber auch Liebende auf der Suche nach einem stillen Plätzchen kehrten ein. Zukunftsweisend war die Idee nicht.

Das

Kabukichō-Distrikt in Tokio: That's Entertainment!. | Bildquelle: Imago

Saugen per Fernsteuerung

In die richtige Richtung deuteten für Nintendo schließlich Erfindungen, die praktischen Nutzen, Entertainment und moderne Technologie verbinden sollten. Die Liebe blieb dabei Thema. Das Unternehmen entwickelte 1969 den "Love Tester", ein skurriles Gerät. Paare mussten zwei Sensoren umgreifen, auf einem Display zeigte eine Skala, die bis hundert reichte, die Lage der Dinge an. Die Höchstpunktzahl dürfte vermutlich als klare Heiratsempfehlung zu interpretieren gewesen sein. Es war das erste elektronische Gerät von Nintendo und eines der wenigen, die damals auch außerhalb Japans vertrieben wurden.

Wenn es mit Liebe und Hochzeit funktioniert hat, wird der Haushalt ein wichtiges Thema. In der Geschichte des Staubsaugers hat Nintendo mit einem Saugroboter bedeutende Spuren hinterlassen. 1979 erblickte "Chiritorie" das Licht der Welt. Man konnte es sich in einem Sessel bequem machen und den Sauger mit einer Fernsteuerung durch die Wohnung dirigieren. Dass es zu ähnlichen Streitereien wie beim Kampf um die TV-Fernbedienung kam, ist nicht anzunehmen. Einem Staubsauger bei der Arbeit zuzusehen ist langweilig, und man lässt dem Partner vermutlich gerne den Vortritt. Etwas mehr Unterhaltung wäre also wünschenswert, wenn man den Kunden für die eigenen Produkte begeistern möchte.   

Wie man wird, was man ist

Und so wurde Nintendo dann zum heute bekannten Milliardenunternehmen. Bereits zuvor hatte der Konzern sich mit Unterhaltungselektronik versucht. Mitte der 70er Jahre begann die Technikabteilung Videospielsysteme für zu Hause zu entwickeln, erste Modelle kamen auf den Markt. Auch Münzautomaten wurden damals hergestellt und vertrieben. Der Spielautomat "Donkey Kong" wurde ein Welterfolg und nach Angaben von Nintendo zum bestverkauften Münzspielautomaten der gesamten Branche.

Raus aus der Spielhalle, rein in die Familien, das war für Nintendo ein folgerichtiger Schritt. Mit der NES-Konsole Mitte der 80er Jahre begann eine Entwicklung, die über den berühmten Gameboy bis zur aktuellen erfolgreichen Switch-Konsole führt, die eine Kombination aus tragbarem Spielgerät und Heimkonsole ist.

Nintendo Spielautomat Donkey Kong

Nintendo Spielautomat Donkey Kong: Bankrotterklärung des denkenden Menschen?. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Für Kulturpessimisten wie Arthur Schopenhauer wäre das Zocken vor der Glotze gewiss eine weitere Bankrotterklärung für denkende Menschen– oder ist man nicht vielleicht doch nur da ganz Mensch, wo man spielt?

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Nintendos erste 130 Jahre Vom Kartenspiel zum Computergame

Japanische Spielkarten Hanafuda (Blumenkarten)

Im Jahr 1889 beginnt Fusajiro Yamauchi in Kyoto mit der Herstellung von "Hanafuda" (Blumen-Karten), japanischen Spielkarten. 1902 werden in Japan die ersten Spielkarten nach westlicher Art für den Export produziert.