Ein Mädchen spielt mit einem Game Boy

Nintendo: Google mischt den Konsolenmarkt auf 30 Jahre Game Boy - und was kommt jetzt?

von Thomas Spinnler

Stand: 17.04.2019, 06:45 Uhr

Vor 30 Jahren brachte Nintendo den Game Boy auf den Markt. Dann beendete das Smartphone den Siegeszug der tragbaren Spielekonsolen des japanischen Konzerns. Jetzt sagt Google der Heimkonsole den Kampf an. Die Zukunft könnte ein „Netflix für Spiele“ sein – was bedeutet das für Nintendo?

Daddeln auf dem Schulhof, Zocken in der U-Bahn, Spielen im Wartezimmer – die Nachfrage nach einer tragbaren Spielekonsole war so groß wie Nintendos Erfolg: Am 21. April 1989 brachte der japanische Spielekonzern den Game Boy auf den Markt. Jahrelang blieb er die meistverkaufte portable Spielkonsole der Welt. Fast 120 Millionen Mal wurde das Gerät verkauft.

Zunächst war der Game Boy nur mit dem Spiel Tetris erhältlich, das damit zu einem der erfolgreichsten Computerspiele aller Zeiten wurde. Aber auch Nintendo-Spiele wie die erste Pokémon-Serie, Legend of Zelda oder Super Mario haben Generationen von Zockern auf Trab gehalten und für flinke Finger gesorgt. Erfolgreicher als der Game Goy war nur der Nachfolger, die Nintendo DS, der sich mehr als 150 Millionen verkauften.

Ein Kind spielt Tetris auf einem Game Boy

Game Boy und Tetris: Ein dynamisches Duo. | Bildquelle: Imago

Der technische Fortschritt brachte dieses Geschäftsmodell Nintendos in Bedrängnis, denn heute trägt beinahe jeder seine portable Spielkonsole mit sich herum: das Smartphone. Dass Aktienkurse unternehmerische und wirtschaftliche Entwicklungen abbilden, lässt sich am Nintendo-Chart übrigens gut zeigen.      

Im laufenden Jahr sollen es weltweit rund 2,5 Milliarden Smartphone-Nutzer werden. Wozu also noch ein Extragerät? Denn das Telefon ist wohl das meistgenutzte Spielemedium - auch wenn die Handy-Spiele meist weniger komplex sind als auf dem Rechner und der Konsole und es eher um das Zocken nebenbei geht. Mit Pokémon Go gelang Nintendo auch auf dem Smartphone ein Renner.  

Nintendo-Chart 1.1.2000 bis 16.4.2019

Nintendo. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Spielekonsole – wie lange noch?

Und zum Glück hat das Unternehmen ja noch ein weiteres Standbein: Neben der Vielzahl exklusiver und besonders bei Kindern und Familien beliebter Spiele gab es schließlich noch die Nintendo-Heimkonsolen. In diesem Segment ist dem Konzern nach den relativ dürftigen Zeiten mit der Spielekonsole Wii U dank der Veröffentlichung der Switch im Jahr 2017 wieder ein großer Verkaufserfolg gelungen. Die Switch lässt sich sowohl am heimischen TV als auch als tragbare Konsole für unterwegs verwenden.  

Aber die Entwicklungen im Gaming-Markt könnten schon bald die nächste Stufe erreichen. Nintendo muss sich ernsthaft und grundsätzlich Gedanken machen um die Zukunft der Heimkonsole - das gilt auch für die Konkurrenten Microsoft und Sony, die mit X-Box und Playstation diesen Markt bedienen.

Nintendo Switch-Spieler

Nintendo Switch. | Bildquelle: Imago

Kommt das Netflix für Spiele?

Denn einer der mächtigsten und finanzstärksten globalen Konzerne setzt sich jetzt daran, die Branche aufzumischen. Unlängst verkündete Google den Einstieg in den Videospiele-Bereich. Der Internet-Riese will die Ära der Spielekonsolen beenden. Nutzer sollen mit dem Streaming-Dienst „Stadia“ direkt und sofort online Spiele zocken können. Die hohen technischen Anforderungen werden mit dem Aufbau eines 5G-Netzes gerade geschaffen.

Die Rechnerleistung wird von Google in der Cloud bereitgestellt, besondere Hardware ist nicht erforderlich. Wer ein Smartphone oder ein Tablet, ein TV-Gerät oder irgendeinen Rechner hat, kann sofort loszocken. Die Spiele werden auf den Rechnern der Google-Datenzentren laufen und von dort aus auf die Plattform gestreamt werden. Noch in diesem Jahr soll Stadia in den USA, Kanada, Großbritannien und einigen europäische Länder starten.

Die Idee ist deshalb so bestechend, weil es dann praktisch keine Einstiegshürden für ein insgesamt nicht ganz billiges Hobby gibt. Niemand muss sich für teures Geld einen spieletauglichen Rechner zusammenstellen, Spiele lokal installieren oder eine Konsole kaufen. So könnte sich für Google ein gigantischer Markt öffnen: Gerade in Schwellenländern, wo die Finanzkraft der Verbraucher geringer ist, aber viele ein Smartphone besitzen, könnte man hunderte Millionen Menschen erreichen.

Google Stadia

Google Stadia. | Bildquelle: Unternehmen

Nintendo-Inhalte heiß begehrt

Das wirft die Frage nach der Bezahlung auf. Noch ist darüber nichts bekannt, aber die meisten Experten gehen wohl von einen Abo-Modell aus, welches im TV-Streaming-Markt von Anbietern wie Amazon Prime oder Netflix bereits praktiziert wird. Zwar bieten alle Konsolenhersteller bereits Abomodelle mit Pauschalpreisen an, aber sie sind nicht so praktisch wie das Stadia-System: Man kann dort den Spielstand speichern und einfach vom Smartphone im Bus auf TV-Gerät daheim wechseln - und da weiterspielen, wo man aufgehört hat.

Ähnlich wie beim TV-Streaming wird es letztlich um die Inhalte gehen, die ein System attraktiv machen, oder eben nicht. Der Chef der Xbox-Marketing-Abteilung von Microsoft, Mike Nichols, scheint sich keine Sorgen zu machen, da es Google an Content fehle: Aufstrebende Wettbewerber wie Google hätten zwar eine Cloud-Infrastruktur, eine Community mit Youtube, aber keine Inhalte.

Nintendo-Spiel Super Mario Odyssey

Super Mario. | Bildquelle: Nintendo

Das könnte tatsächlich ein Punkt sein, der besonders für Nintendo spricht. Der japanische Spielekonzern hat über Jahrzehnte eine Vielzahl von Spiele-Reihen aufgebaut. Noch immer ist Super Mario eine erfolgreiche Marke. Ob diese Spiele dann gestreamt oder auf irgendeiner Art von Konsole gespielt werden – wer weiß? Nintendo hat in der langen Unternehmensgeschichte bewiesen, dass es fähig ist, sich zu verändern. Eins ist aber sicher: Die Game Boy-Zeiten sind endgültig Geschichte.

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Japanische Spielkarten Hanafuda (Blumenkarten)

Im Jahr 1889 beginnt Fusajiro Yamauchi in Kyoto mit der Herstellung von "Hanafuda" (Blumen-Karten), japanischen Spielkarten. 1902 werden in Japan die ersten Spielkarten nach westlicher Art für den Export produziert.