Gigabell-Chef Daniel David

Pleite vor 20 Jahren: Gigabell Neuer Markt: Der Anfang vom Ende

Stand: 15.09.2020, 11:47 Uhr

Die Dotcom-Blase hatte schon Luft gelassen als die erste Pleite am Neuen Markt dann wirklich eintrat: Der Telekom-Dienstleister Gigabell, gegründet vom ehemaligen Schlagersänger Daniel David, meldete vor 20 Jahren Insolenz an. Ihm sollten noch viele Firmen folgen.

Bei Beobachtern der arg schnell aus dem Boden gestampften Tech-Firmen des Neuen Marktes hatte Gigabell schon seit längerem auf "Todeslisten" auf Rang eins gestanden. Die Pleite am 15. September 2000 war damit keine große Überraschung. Aber sie war einer der Sargnägel des neuen Wachstumssegments der Deutschen Börse - in den den folgenden Monaten in Serie gehen sollten.

Der Nemax All Share, der alle Unternemen an diesem Wachstumssegment umfasste, war bis zu diesem Zeitpunkt bereits auf 5.491 Punkte gefallen, ein Rückgang um ein Drittel nach dem Allzeithoch im März 2000.

600 Millionen Börsenwert

Gigabell, das sich wie viele neue Firmen am Neuen Markt mit der Erbringung von Telekom-Dienstleistungen und dem Handel von Hard- und Software an die Börse gewagt hatte, war im August 1999 an die Börse gegangen. Beim IPO nahm das Unternehmen rund 43 Millionen Euro ein. In der Spitze kam Gigaball auf einen Börsenwert von mehr als 600 Millionen Euro. Der Aktienkurs kletterte von 38 auf mehr als 100 Euro. Dabei hatte das Unternehmen schon drei Monate nach dem IPO seine Ertragsprognosen nach unten korrigiert, wohlgemerkt in der Minuszone.

Missmanagement und undurchsichtiges Geschäftsgebaren hatten die Pleite eingeleitet. Einige Analysten und Finanzmedien verwiesen in den folgenden Wochen noch stärker auf eine massive Überbewertung von jungen börsennotierten Unternehmen, besonders aus dem Internet- und Telekomsektor, andere Experten hielten Pleiten wie die von Gigaball aber nur für eine Marktbereinigung, auf die wieder eine Erholung des Gesamtmarktes folgen würde - es kam anders.

Börsenbriefe und TV-Sendungen

Die zweite Pleite folgte bereits im November mit der Team Information Management. In den folgenden Monaten folgten staatsanwaltliche Ermittlungen auch gegen Börsen-Medien und -Experten wie Bernd Förtsch oder Sascha Opel, die TV-Sendung 3Sat Börse geriet in die Kritik, weil dort Aktien aus dem Neuen Markt empfohlen wurden, die dann prompt heftig stiegen.

Anfang Dezember gerieten dann auch die Flaggschiffe des Neuen Marktes nach Gewinnwarnungen wie EM.TV, Mobilcom oder Intershop in schwere Bedrängnis. Die Aktienkurse fielen immer tiefer, auch viele Privatanleger mussten dramatische Verluste hinnehmen. Die Technologiebörsen brachen weltweit dramatisch ein - die Dotcom-Blase war geplatzt.

Kann sich die Geschichte wiederholen?

Ob es eine Art Blasenbildung im Technologie-Sektor 20 Jahre danach erneut gibt, wird derzeit stark diskutiert. Rapide Tagesverluste an der Nasdaq gaben Anfang September dazu neuen Anlass. Erneut sind viele der Tech-Firmen hoch bewertet. Marktbeobachter, die dieser These von der Blase 2.0 widersprechen, verweisen auf die hohe Liquidität vieler der großen Tech-Konzerne. Anders als um die Jahrtausendwende haben Apple, Microsoft oder Facebook viele Milliarden an Rücklagen, ihre finanzielle Position sieht also grundlegend anders aus als zur "Dotcom-Zeit".

Die fundamentalen Chancen für die Techs werden im Jahr 2020 zudem deutlich besser begründet als vor zwei Jahrzehnten. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft steht vor einem weiteren Sprung. Elektro-Mobilität wird in den kommenden Jahren vom Nischenphänomen zum Mainstream werden. Vielleicht bleibt es ja 2020 bei einigen "gesunden" Korrekturen an den Technologiebörsen, anders als 20 Jahre zuvor.

AB