Zentrale der Bayer AG in Leverkusen

Auf Glyphosat folgt Dicamba Neue Klagefront für Bayer?

Stand: 27.02.2020, 06:45 Uhr

Der Pharma- und Chemiekonzern ringt weiter mit einer Prozess-Lawine in den USA wegen des Unkrautvernichters Glyphosat bei der Tochter Monsanto. Und zumindest ein weiteres Produkt des Konzerns könnte die nächste Klagewelle auslösen.

Ein Landwirt bringt das Pflanzenschutzmittel Glyphosat auf einem Feld aus

Glyphosat. | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon

Ein erster verlorener Prozess, eine erste Strafe: Auch mit dem Unkrautvernichter Dicamba hat Bayer ein nicht zu unterschätzendes Risiko in der Produktpalette seiner Pflanzenchemie-Sparte. Ein Gericht in den USA hatte Bayer und BASF vor rund einer Woche zu insgesamt 265 Millionen Dollar Zahlung an einen Pfirsichbauern aus Missouri verurteilt. Diese teilt sich in 15 Millionen Schadenersatz sowie zusätzlich 250 Millionen Dollar Strafe auf. Bayer kündigte Berufung gegen das Urteil an. Dicamba sei für die Ernteverluste nicht verantwortlich. Auch die US-Umweltschutzbehörde EPA habe darauf hingewiesen, dass die Produkte kein unangemessenes Risiko darstellten, wenn sie gemäß der Anweisungen verwendet würden.

Der Bauer beschuldigt Bayer und BASF, dass er durch den Einsatz von Dicamba auf benachbarten Feldern Ernteverluste erlitten habe, da Teile des Unkrautvernichters auf seine Plantagen geweht worden seien. Den Schaden bezifferte er auf 21 Millionen Dollar.

Das Erbe von Monsanto

Dicamba wurde, genau wie Glyphosat, von Monsanto entwickelt, dem Konzern den Bayer 2018 übernommen hat. Wegen angeblicher Krebsrisiken von Monsantos Unkrautvernichter Glyphosat sieht sich Bayer in den USA tausenden Klagen ausgesetzt.

Bayer hat bereits kündigte Berufung gegen das Dicamba-Urteil angekündigt. Dicamba sei für die Ernteverluste nicht verantwortlich. Auch die US-Umweltschutzbehörde EPA habe darauf hingewiesen, dass die Produkte kein unangemessenes Risiko darstellten, wenn sie gemäß der Anwendungsbeschreibung eingesetzt würden.

Angst vor Imageschaden

Hierin könnte für Bayer die Chance bestehen, ein ähnliches finanzielles Fiasko wie bei Glyphosat zu vermeiden. Denn zum einen geht es dabei nur um Ernteausfälle, nicht jedoch um Krankheiten, die zum Tod führen können. Zum anderen wird Dicamba nur von geschulten Fachkräften ausgebracht, die auf eine Reihe detailliert beschriebener Auflagen, wie Grenzabstände, achten müssen. Und nicht zuletzt macht das Mittel nur einen sehr kleinen Teil der Erlöse aus, die Bayer mit Herbiziden erwirtschaftet, das waren zuletzt etwa fünf Milliarden Euro.

Abgesehen von möglichen finanziellen Verlusten könnte laut Rechtsexperten der Imageschaden für Bayer durch Dicamba ein Problem werden. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" etwa zitierte jüngst Daniel Wuhrmann, Rechtsanwalt in der Kanzlei Reuschlaw mit der Einschätzung, dass der Fall Dicamba zu einem Glyphosat 2.0 werden könne, wenn das Unternehmen nicht schnell handle und "kommunikativ betreue": In den Vereinigten Staaten komme man nur schwer aus dem Sumpf heraus, wenn man einmal der böse Bube sei.

Rechtsstreitigkeiten auch in der Pharmasparte

Die Gefahr besteht auch deshalb, weil noch bei einem dritten Präparat aus dem Hause Bayer erste Strafen drohen. Dabei geht es ums Pharmageschäft und hier genau um ein Verfahren um Essure, ein Medizinprodukt, das eine permanente Verhütung sichern soll. Klagen von 32.000 Anwenderinnen in den USA liegen vor, die Gesundheitsschäden im Zusammenhang mit Essure geltend machen wollen. Bayer hatte den Verkauf des Mittels in den USA bereits eingestellt, weil es kaum noch Geschäft brachte. Im März nun könnten die ersten Essure-Prozesse in den USA starten.

Und wie viel Image und Geld der Fall Glyphosat den Bayer-Konzern am Ende kosten wird ist ebenfalls noch ungewiss. Nach letzten Medienberichten könnten die Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten möglicherweise für zehn Milliarden Euro beigelegt werden. Eine außergerichtliche Einigung mit den gut 40.000 Klägern dürfte für Bayer vorteilhafter sein, als jede einzelne Klage durchzufechten. Ein solches Vorgehen wäre zudem riskant und langwierig. Mit einem groß angelegten Vergleich wäre das Thema dagegen endlich vom Tisch.

An der Lösung des Glyphosat-Problems hängt möglicherweise auch die Zukunft von Vorstandschef Werner Baumann. Sollte der Manager das Thema nicht bis zur Hauptversammlung Ende April nicht entschärft haben, könnte sein Stuhl wackeln, so berichten Insider. Bereits 2019 hatten die Aktionäre dem Manager die Entlastung verweigert; ein einmaliger Vorgang für einen Dax-Konzern, der zunächst ohne direkte Folgen blieb.

AB