Netflix-Monitor spiegelt sich in einer Brille

Der Wettbewerb wird härter Netflix zwischen Hollywood und Disney

von Lothar Gries

Stand: 17.04.2019, 12:42 Uhr

Netflix hat in Hollywood den Ruf eines Totengräbers, der dem Kino den Gnadenstoß versetzen will. Ausgerechnet dieses Unternehmen steht nun vor dem Kauf des Egyptian Theatre, eines altehrwürdigen Kinosaals in Hollywood. Dabei muss sich Netflix weniger um Hollywood als um Disney sorgen.

Sicher ist: Mit dem Egyptian Theatre würde Netflix einen der geschichtsträchtigsten Orte Hollywoods erwerben. Dabei handelt es sich um ein 1922 eröffnetes Uraufführungskino, in dem der Film Robin Hood des Stummfilm-Stars Douglas Fairbanks gezeigt wurde. Zwar sind auch die großen Zeiten des einst über 2.000 Zuschauer fassenden Kinos vorbei, doch der Kauf könnte sich als geschickter Schachzug erweisen, weil Netflix in Hollywood immer noch als Paria betrachtet wird.

Ein Streamingdienst, der sehr viel Geld ausgibt, um mit den besten Kräften der Filmkunst und des Filmgeschäfts zusammenzuarbeiten und eine Herde von Überläufern an sich gebunden hat. Und der die Filme in die privaten Endgeräte "streamt", statt sie zunächst in einem Kino zu präsentieren. Kein Wunder also, dass Netflix besonders in Hollywood im Verdacht steht, dem Kino endgültig den Todesstoß versetzen zu wollen.

Vormachtstellung könnte wackeln

Dabei muss Netflix selbst um seine Vormachtstellung bangen. Denn mit Apple und vor allem Disney, die ebenfalls in das Streaminggeschäft einsteigen wollen, erwächst dem derzeitigen Platzhirsch Netflix mächtige Konkurrenz.

Laut Disney-Chef Bob Iger soll der Streamingdienst Disney+ ab dem 12. November in den USA starten. Damit könnte Netflix vor allem Disney-Fans unter seinen Abonnenten verlieren. Mit dem Start der neuen Streaming-Plattform werden den anderen Konzernen die Disney-Filmrechte entzogen. Das bedeutet, dass "Donald Duck", "Fluch der Karibik" oder "Monster AG" auf Netflix nicht mehr gezeigt werden dürfen.

Es wird teurer

Und nicht nur das, auch preislich macht Disney Konkurrenz. Für gerade mal 6,99 Dollar im Monat sollen die Nutzer alle Filme und Serien schauen und auch herunterladen können. Ein Jahresabo kostet 69,99 Dollar. Zum Vergleich: In Deutschland kostet das günstigste Abonnement von Netflix 7,99 Euro. Die mittlere Tarifstufe wird von 10,99 auf 11,99 Euro im Monat erhöht. Für den höchsten Tarif klettert der Preis sogar von 13,99 auf 15,99 Euro.

Bisher dominiert Netflix den Markt mit Serien wie "Orange is the New Black", "Stranger Things" oder "Narcos". Vergangenes Jahr steckte der Konzern 7,5 Milliarden Dollar in eigene Filme wie "Bird Box" mit Oscar-Preisträgerin Sandra Bullock und neue Serien. In diesem Jahr soll es noch mehr werden. Geschäftlich zahlen sich die Investitionen aus: So konnte Netflix im ersten Quartal seinen Gewinn um fast 19 Prozent auf 344 Millionen Dollar steigern. Der Umsatz zog sogar um 22 Prozent an auf 4,52 Milliarden Dollar.

Netflix-Chef gibt sich kämpferisch

Doch der Markt wächst langsamer als zuletzt. Voraussichtlich sollen im laufenden Quartal weltweit noch fünf Millionen zahlende Abonnenten hinzukommen - 450.000 weniger als im Vorjahreszeitraum, teilte das Unternehmen mit. Im ersten Quartal gewann der Marktführer noch 7,86 Millionen Neukunden hinzu.

Netflix-Gründer Reed Hastings

Netflix-Gründer Reed Hastings. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Netflix-Chef Reed Hastings ist sich im Klaren darüber, was auf sein Unternehmen zukommt, gibt sich jedoch kämpferisch. Im Brief an die Aktionäre bezeichnete er Apple und Disney als "Weltklasse-Marken", mit denen sich Netflix jedoch gerne messen wolle. Er gehe nicht davon aus, dass die neuen Kontrahenten das Wachstum von Netflix wesentlich beeinträchtigen. "Wir glauben, dass wir alle weiterwachsen werden, da wir mehr in Inhalte investieren und unsere Services verbessern", so Hastings. Der Top-Manager hatte bereits in der Vergangenheit betont, dass der Streaming-Markt groß genug für mehrere Wettbewerber sei.

Disney weiß, was gut ankommt

Doch Walt Disney ist nicht irgendein Konkurrent. Der Konzern weiß, wie man Mega-Blockbuster produziert. Zuletzt ist ihm mit "Captain Marvel" ein Riesenerfolg gelungen. Der Film mit Oscar-Preisträgerin Brie Larson in der Hauptrolle spielte in Kanada und den USA nach überwiegend positiven Kritiken am Startwochenende 153 Millionen Dollar ein. Kein Film mit einer Superhelden-Frontfrau habe zum Auftakt weltweit mehr eingespielt als Captain Marvel.

Captain Marvel ist ein weiterer Beweis für die Stärke von Walt Disney. Daneben gelten auch viele weitere Produktionen wie "Star Wars" oder "Frozen" als eine ausgezeichnete Basis für einen Erfolg des künftigen Streaming-Dienstes Disney+. Der gibt Disney die Möglichkeit, auf Grundlage der beliebten Filmfiguren Serien zu produzieren. Ein großes Risiko ginge Disney damit nicht ein – der Konzern weiß ja, welche Figuren im Kino besonders gut ankamen, urteilen Experten. Diesen Vorteil habe Netflix nicht.

Tuna N. Amobi, Medienanalyst bei CFRA, würde es deswegen auch nicht wundern, wenn Walt Disney mehr Abonnenten gewinnt als Pionier Netflix. Starker Tobak. Immerhin hat Netflix aktuell 150 Millionen Kunden und wächst weiter beachtlich. Doch Amobi ist begeistert von Disneys Content. "Allerdings", so der Analyst im Interview mit CNBC, "der Streaming-Markt hat Platz für viele Anbieter".