Nestlé-Logo vor der Zentrale in Vevey
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Wachstumsdynamik flaut weiter ab Nestlé liefert nur Magerkost

Stand: 15.02.2018, 16:36 Uhr

Wann findet Nestlé wieder zu alter Stärke zurück? Auch im ersten Jahr unter dem neuen Chef Mark Schneider wuchs der Nahrungsmittelriese aus der Schweiz weniger stark als erhofft. Für 2018 verspricht Schneider Besserung.

Im laufenden Jahr will der Hersteller von bekannten Marken wie Nescafé, Mövenpick und Kitkat organisch um zwei bis vier Prozent zulegen. Die bereinigte operative Rendite soll sich ebenfalls verbessern. Bis 2020 peilt Nestlé-Chef Schneider wieder ein mittleres einstelliges Wachstum an. Der frühere Fresenius-Chef wurde als Hoffnungsträger an den Genfer See gelockt, um den trägen Nahrungsmittelriesen wieder in Schwung zu bringen. Das sei, als ob man einen Lauf absolviert und gleichzeitig Diät halten muss, sagte der Pfälzer kürzlich in der Presse.

Wachstum im Schlussquartal unter zwei Prozent

Im vergangenen Jahr ließ der "Schneider-Effekt" noch auf sich warten. Das organische Wachstum lag bei lediglich 2,4 Prozent. Im vierten Quartal konnte nicht einmal mehr die Zwei vor dem Komma gehalten werden. Der weltgrößte Nahrungsmittelhersteller legte im Zeitraum von Oktober bis Ende Dezember nur um 1,9 Prozent zu. 2016 war Nestlé noch um 3,2 Prozent gewachsen.

"Das vierte Quartal war schwächer als erwartet", räumte Schneider ein. Als Grund nannte er maue Süßwaren- und Eisgeschäfte in den Vereinigten Staaten und den Preisdruck bei Milchprodukten in Brasilien. "Ich erwarte, dass das vorübergehende Dinge sind", erklärte Schneider. 2018 werde sich hier der Konzern verbessern.

Hautpflegesparte drückt Gewinn

Der Umsatz stieg leicht auf 89,8 Milliarden Franken. Beim Gewinn musste Nestlé gar abspecken. Der Überschuss schrumpfte unter dem Strich um 15,8 Prozent auf 7,2 Milliarden Franken und verfehlte die Schätzungen der Analysten. Grund war eine Abschreibung für die Hautpflegesparte Nestlé Skin Health. Die Aktionäre sollen dennoch eine höhere Dividende von 2,35 Franken je Aktie erhalten. Das sind fünf Rappen mehr als im Vorjahr.

Nestlé-Chef Schneider hat erkannt, dass die Kunden weltweit zunehmend Fertignahrung und Süßigkeiten links liegen lassen und "zu gesünderen hochwertigeren und besseren Lebensmitteln" greifen. Um sich diesem Trend anzupassen, verkauft Nestle schlecht laufende Bereiche und stößt etwa das US-Süßigkeitengeschäft an den Nutella-Hersteller Ferrero ab. Zudem soll der Zucker- und Fettgehalt von Nestlé-Produkten reduziert werden.

Umbau des Konzerns wird forciert

Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider

Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider. | Bildquelle: Nesté

Andere Segmente wie Baby- und Tiernahrung, Wasser und Kaffee will das Unternehmen dagegen ausbauen - auch über Zukäufe. Das Kaffee-Geschäft in den USA hat er bereits mit zwei kleineren Zukäufen gestärkt und der zuletzt nur langsam wachsenden Säuglingsnahrungs-Sparte eine neue Führungsstruktur verpasst. Zudem will Schneider das Gesundheits-Geschäft als neues Standbein etablieren. So hat Nestlé kürzlich die Übernahme des kanadischen Vitamin- und Nahrungsmittelzusatz-Herstellers Atrium Innovations für 2,3 Milliarden Dollar angekündigt.

"Viele dieser Deals bringen wir gerade zum Abschluss", sagte Schneider. Bis sie sich positiv niederschlagen würde, könne es etwas dauern. Auch im laufenden Jahr will Nestlé vor allem kleinere und mittelgroße Firmen kaufen.

Keine Erhöhung des L'Oréal-Anteils

Für die rund 23-prozentige Beteiligung am französischen Kosmetikkonzern L'Oreal hält sich Nestlé alle Optionen offen. Das Ende März auslaufende Aktionärsabkommen mit der Eigentümerfamilie Bettencourt soll nicht verlängert werden. Damit sei jedoch noch keine Entscheidung über die Zukunft der Beteiligung gefallen, sagte Schneider. Diese bleibe eine wichtige Anlage. Der aktivistische Investor Third Point, der im Vorjahr mit mehr als einem Prozent bei Nestlé eingestiegen war, hatte einen Verkauf des Anteils gefordert. Ebenso verlangt er schnellere Veränderungen und mehr Profitabilität bei Nestlé.

Die Anleger reagieren ernüchtert auf die Nestlé-Zahlen. Die Aktien fallen am Donnerstag um über zwei Prozent. Auf Ein-Jahres-Sicht hat der Kurs leicht nachgegeben. Seit Dezember befinden sich die Aktien auf Talfahrt. Analyst Cédric Besnard von der Citigroup sieht nun Nestlé-Chef unter zunehmendem Druck. Er sei nun erst recht in der Pflicht, mit den Portfolio-Anpassungen fortzufahren, meinte er.

nb

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Vom Wohltäter zum Lebensmittel-Multi Die Nestlé-Geschichte

Unternehmensgründer Henri Nestlé

Unternehmensgründer Henri Nestlé: Der eigentliche Gründungsvater des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns war… ein Deutscher. Der Frankfurter Apotheker Heinrich Nestle wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts in die Schweiz aus. In Vevey am Genfer See tüftelte er an einem Mittel für Säuglinge, die nicht gestillt werden konnten. So erfand er das "farine lactée", das so genannte Kindermehl, eine Kombination aus Kuhmilch, Weizenmehl und Zucker.