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"Disruptiv" oder reine Fantasie? Naga und die endlose Hoffnung

Stand: 15.06.2018, 16:13 Uhr

Das Fintech-Unternehmen Naga Group ist im vergangenen Jahr angetreten, um den Finanzmarkt zu revolutionieren. Ein Börsengang und ein "Token Sale" spülten dem Unternehmen Millionen in die Kasse. Die sichtbaren Erfolge lassen aber auf sich warten.

Eigentlich wollte das Unternehmen mit Sitz in Hamburg bereits im Mai seine Jahresbilanz im Detail vorstellen. Den Termin konnte oder wollte man allerdings nicht einhalten. Im Finanzkalender auf der Investor-Relations-Seite der Naga Group wurde Anfang Juni kurzerhand der aktuelle Monat als Veröffentlichungstermin "umgetragen". Eine offizielle Information über die Terminverschiebung gab es nicht, nun bleiben noch zwei Wochen, um den neuen Termin zu halten.

Zu berichten gäbe es dabei viel bei dem Startup-Unternehmen, das erst 2015 gegründet wurde und bereits zwei Jahre später einen grandiosen Börsengang in das Nachwuchssegment der Deutschen Börse, Scale, geschafft hatte. Zum Beispiel, wie es um die Geschäftsentwicklung der beiden Standbeine des Unternehmens steht, die im Fintech-Sektor den Markt und die Konkurrenz ordentlich aufmischen sollten.

Wer tradet mit dem Naga Trader?

Die Trading-App Naga Trader (vorher: Swipestox) bezeichnet Naga als "das weltweit schnellst wachsende soziale Netzwerk für Börsenhändler", bei dem man als Kunde zudem "vom Wissen der weltweit besten Trader" profitieren könne. Die Plattform bietet den Handel von CFDs (Contracts for Difference) auf Basiswerte wie Aktien, Indizes, Währungen, Rohstoffe und auch Kryptowährungen an. Die Social-Trading-Funktion soll es Anlegern ermöglichen, erfolgreiche Trades von Trading-Profis mit einem Mausklick, oder "Wisch" auf dem Smartphone-Display ins eigene Depot zu kopieren.

Laut Naga wird auf dem Trader, dessen Partnerbroker die Hanseatic Brokerage mit Sitz in Malta ist, inzwischen ein monatliches Handelsvolumen von fünf Milliarden Euro erreicht. Mit einem Gesamtumsatz von rund 2,7 Millionen Euro waren der Januar und Februar 2018 absolute Rekordmonate. Die Anzahl der neu eröffneten Echtgeld-Handelskonten habe sich in den ersten beiden Monaten "um satte 306 Prozent" erhöht. Auf welcher Basis diese Erhöhung stattgefunden hat, sagt Naga nicht. Ebenso wenig ist über die Erträge zu lesen, die Naga mit seiner Trading-App erzielt.

Wer sich beim Naga Trader registriert, ist zumindest beim Blick auf die "Profis", die kopiert werden können, enttäuscht. Ein anonym wirkendes "Leaderboard" mit zumeist kryptischen Nutzernamen lädt nicht wirklich zum Traden oder Kopieren ein. Ein Klick auf die Trader-Profile zeigt zumeist "null Aktivität". Eine Handelshistorie der "Top-Trader" oder eine Selbstbeschreibung etwa des Handelsansatzes ist ebenfalls nicht vorhanden.

Bislang nur heiße Luft mit "virtuellen Gütern"

Auch über das zweite Standbein des Unternehmens "Naga Virtual" (zuvor: Switex) sind keine harten Zahlen im Umlauf. Über eine offene Schnittstelle bietet Naga hier eine Handelsplattform für "virtuelle Güter" an. Diese sollen von einzelnen Gamern, aber auch ganzen Unternehmen wie etwa Spiele-Herstellern, auf einer gemeinsamen Plattform handelbar gemacht werden. Das Geschäft, bei dem sogar die Deutsche Börse als Partner gewonnen wurde, sollte bereits Anfang 2017 starten. Im Juni 2018 gab Naga das Rebranding von Switex auf Naga Virtual bekannt. Im Dezember hatte Naga dann eine Partnerschaft mit dem "führenden" japanischen Spieleanbieter Asobimo angekündigt. Die erste Live-Transaktion von virtuellen Gütern sei "im ersten Quartal 2018 geplant", hieß es damals dazu. Im März 2018 dann der Hinweis, man werde nun eine "Beta-Version" der Handelsplattform "launchen".

Naga Group AG-Vorstand Yasin Sebastian Qureshi

NAGA Group AG-Vorstand Yasin Sebastian Qureshi. | Bildquelle: NAGA Group AG

Umso erstaunlicher, dass das Naga-Team bereits schwarze Zahlen schreiben will. "Wir freuen uns sagen zu können, dass wir in unserem operativen Geschäft profitabel sind“, so Yasin Sebastian Qureshi, Gründer und Vorstand von Naga, im März. Details oder Belege auch hier noch nicht vorhanden. Nach vorläufigen Jahreszahlen hat man 2017 einen Umsatz von 12,6 Millionen und einen Verlust von 1,5 Millionen Euro geschrieben.

ICO macht Millionen flott

Dass Unternehmen und Management im vergangenen Dreivierteljahr viel Geld eingesammelt haben, daran besteht kein Zweifel. Im Juli vergangenen Jahres ging Naga spektakulär an die Börse. Der Kurs der zu 2,60 Euro ausgegebenen Aktien raste binnen weniger Tage auf 20 Euro nach oben. Eine Bewegung, die sogar die Börsenaufsicht BaFin zu einer routinemäßigen Untersuchung wegen Marktmanipulation veranlasste.

Genauso spektakulär das ICO (Initial Coin Offering), das dem IPO folgte: Mit der Emission einer eigenen Kryptowährung, dem Naga Coin, nahm man rund 42 Millionen Euro ein, 63.000 Anleger sollen sich an dem "Token Sale" beteiligt haben, der diesen Anlegern allerdings keinerlei Unternehmens- oder Gewinnbeteiligung bietet.

Aktie und Token im Tiefflug

Weder auf dem Börsenparkett noch in der Welt der Kryptowährungen hat sich Naga Mitte 2018 aber besonders gut geschlagen. Die Aktie hat allein im laufenden Jahr rund 60 Prozent an Wert verloren. Negativwerbung auch für die Deutsche Börse, die mit Scale eigentlich nachhaltig profitablen Nachwuchsunternehmen eine Plattform schaffen wollte.

Und der Naga Coin? Der sollte sich eigentlich binnen eines Jahres von einem auf zwei Dollar verdoppeln, bis 2022 sogar acht Dollar wert sein. Gut ein halbes Jahr nach der Emission haben Anleger aber nur noch einen Wert von 0,34 Dollar in ihrem Kryptowallet. Zwei Drittel des Einsatzes sind damit verpufft. Es sei denn, die wolkigen Hoffnungen von Unternehmen und Investoren werden doch noch durch harte Wachstumszahlen untermauert.

AB