Hingucker der Woche

Berichtssaison auf dem Höhepunkt Mit bangem Blick auf die Zahlenflut

von Robert Minde

Stand: 26.04.2020, 15:45 Uhr

Die Anleger dürfen eine wahrlich ereignisreiche Woche erwarten. Zahlreiche Dickschiffe aus dem In- und Ausland legen ihre Bilanzen vor und sorgen für eine wahre Zahlenflut. Da dürfte zwischen den Terminen kaum Zeit zum Luft holen bleiben.

Eigentlich sind es erfahrene Marktteilnehmer ja gewohnt, wenn zu bestimmten Zeiten im Jahr sich eine wahre Flut von Quartalsergebnissen der Unternehmen über die Börse ergießt, oftmals sogar auch noch zum genau gleichen Termin. Aber normal ist in Corona-Zeiten eben dieses Mal nichts, das Geschehen der kommenden Woche wird natürlich ganz im Zeichen der Krise stehen.

Eine bittere Bilanz

Und es wird Bilanz gezogen werden was das Virus angerichtet hat, seit es ab Februar von China übergesprungen und eine ganze Volkswirtschaft von 100 auf Null abggebremst hat. Viele Unternehmen haben bereits ihre Jahresausblicke gestrichen, teilweise auch die Dividende einbehalten. Bitte für viele Aktionäre, die ihren Gewinnanteil an einem guten Geschäftsjahr 2019 nun nicht bekommen.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11.560,51
Differenz relativ
-4,17%

Ein bisher beispielloser Vorgang, für den es keine Blaupause gibt. Selbst die staatlichen Rettungsaktionen für die Finanzbranche 2008/2009 sind mit dieser flächendeckenden Katastrophe nicht vergleichbar. Entsprechend düster fallen die Prognosen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute derzeit aus und das wird sich wohl auch bei den Ausblicken durch die Unternehmensbilanzen wie ein roter Faden ziehen. Das Schlimme dabei ist, dass keiner weiß, wann der Spuk zumindest einigermaßen beherrschbar wird - denn dass das Virus schnell besiegt wird, glauben mittlerweile wohl nur noch die Wenigsten.

"Der erste Schock des wirtschaftlichen Lockdowns mag vielleicht verarbeitet sein. Was der zeitlich wohl lang ausgedehnte Stillstand des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aber anrichtet, findet jetzt erst allmählich durch den Ölpreis-Crash und schlechte Quartalszahlen der Unternehmen Eingang ins Bewusstsein der Anleger", warnt Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Anleger sollten sich durch die starke Kurserholung nicht blenden lassen.

Schaukelbörse geht weiter

Anders ausgedrückt, der Markt wird weiter nichts für schwache Nerven bleiben. Schaukelbörse nennen das die Experten. "Es braucht in diesen Tagen nicht viel, um die Anleger wieder aus der Ruhe zu bringen", warnt Marktanalyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus AxiTrader. Der Dax hat immerhin rund 2.000 Punkte gut gemacht seit dem März-Tief. Für mehr schient aber die Kraft zu fehlen, zumal bei diesen fundamentalen Perspektiven. Technisch bleibt die Marke von 10.300 Punkten im Blick der Anleger, die eine markante Unterstützungsmarke darstellt und bisher zumindest gehalten hat.

Zahlen ohne Ende

Auch für die Unternehmen wird das erste Quartal 2020 wohl einschneidend bleiben. Weder Bayer, BASF, Adidas, die Autobauer, Triebwerksbauer MTU oder zuletzt auch die Lufthansa hätten wohl im Traum daran gedacht, einen solchen Absturz zu erleben. Für die Kranichairline, die tief in den roten Zahlen steckt, wird es eine besonders wichtige Woche - geht es doch darum, in welcher Form der Staat einsteigt, um den Untergang aufzuhalten. Nicht nur der Lufthansa, der ganzen Branche sind weltweit die Einnahmen nahezu komplett weggebrochen. Selbst margen- oder eigenkapitalstärkere Branchen hätten da ihre Probleme, siehe Adidas.

Bleiben da noch die Banken. Diese sind unter dem Corona-Radar fast ein bisschen durchgerutscht. Dabei müssen sie wegen der Krise mit deutlichen Wertberichtigungen auf ihre Kreditbücher rechnen, wie die US-Häuser bereits vorgemacht haben.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 3 Monate
Kurs
7,76
Differenz relativ
-1,91%

In Nullzinszeiten, wo die Margen eh gering sind, eine doppelte Belastung. Ängste vor einer neuen Finanzkrise stehen bereits drohend im Raum. Verhindert wurde dies bisher durch den milliardenschweren Einsatz von öffentlichen Mitteln. Auch diese Rechnung wird den Steuerzahlern aber irgendwann präsentiert werden. Die Deutsche Bank und all die anderen Dax-Größen legen im Wochenverlauf ihre Q1-Zahlen vor.

US-Börse in Hochform

Aber nicht nur hierzulande legen viele Schwergewichte ihre Zahlen vor, auch in Amerika steht so Einiges auf der Agenda. Allen voran die großen Tech-Unternehmen wie Alphabet, Microsoft, Facebook oder Apple, die alle ihre Zahlen vorlegen. Aber auch Firmen wie der gebeutelte Flugzeugbauer Boeing oder Pharmagrößen wie Merck & Co. und Pfizer legen Zahlen vor.

Von den großen Ölfirmen wie Chevron und ExxonMobil ganz zu schweigen. Die Coronakrise hat schließlich auch den Ölpreis zerstört, denn trotz Kürzungen der Opec+-Staaten bliebt das Angebot immer noch viel zu hoch. Öl ist schließlich auch immer ein Politikum und der Persische Golf immer im Hinterkopf. Säbelrasseln am Golf in Corona-Zeiten, auch das ist nicht ausgeschlossen derzeit.

Was bleibt da den Bullen, angesichts so vieler Krisenherde? Vor allem das Hoffen auf ein Medikamnt oder eine andere Art medizinischer Fortschritt. Mindestens aber ein Rückgang der Neuinfektionen und ein vorsichtiger Übergang in die Normalität. Immerhin gibt es dafür Zeichen, so beginnen die Autobauer etwa wieder mit der Produktion.

Zu beachten ist, dass die Börsen in London und New York am 1. Mai geöffnet sind, während auf dem Kontinent die meisten Handelsplätze geschlossen bleiben. Die japanische Börse ist am Mittwoch geschlossen.

Notenbanken kommen zusammen

Zudem warten Börsianer gespannt auf die vorläufigen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Euro-Zone (Donnerstag) und den USA (Mittwoch). In beiden Fällen rechnen Experten mit deutlichen Rückgängen. Größere Kursrückschläge seien deswegen aber nicht zu erwarten, sagt Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. "Die Messlatte liegt so niedrig, dass die Anleger nichts wirklich verschrecken kann."

Mit einem Auge schielen Investoren zudem auf die Beratungen der US-Notenbank (Fed) am Mittwoch und der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag. Zwar haben beide bereits billionenschwere Wertpapierkäufe angekündigt, um der Konjunktur unter die Arme zu greifen. Experten halten es aber nicht für ausgeschlossen, dass die Notenbanker noch einmal nachlegen. In Amerika werden zudem am Dienstag das April-Verbrauchervertrauen und am Freitag der ISM-Index erwartet.