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350 Jahre Merck Der älteste Pharmakonzern der Welt

von von Notker Blechner

Stand: 24.08.2018, 06:45 Uhr

Vor 350 Jahren übernahm Friedrich Jakob Merck eine Apotheke im Darmstädter Schlossgraben. Daraus entstand ein Pharma- und Chemiekonzern mit 15 Milliarden Euro Umsatz. Bis heute hält die Familie die Mehrheit am Unternehmen. Tradition spielt eine große Rolle.

Wenn die historische Engel-Figur auf der "Engel-Apotheke" reden könnte, hätte sie viel zu erzählen. Sie hat die napoleonische Herrschaft, die Industrie-Revolution, zwei Weltkriege und mehrere Währungsreformen überlebt. Die "Engel-Apotheke" ist die Keimzelle des Merck-Familienkonzerns und zeugt von einer langen Geschichte.

Mit 350 Jahren zählt Merck zu den ältesten deutschen Unternehmen. Nicht einmal Siemens und BASF können auf eine solch lange Tradition zurückblicken. Weltweit ist Merck gar der älteste Pharma- und Chemiekonzern. Zum Vergleich: Bayer ist mit 155 Jahren nicht einmal halb so alt.

Unternehmergeist "made in Germany"

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich beim Jubiläumsfestakt Anfang Mai in Darmstadt beeindruckt. Der von Merck gelebte Forscher- und Unternehmergeist stehe beispielhaft für "made in Germany", lobte sie.

Bis Merck allerdings von der kleinen Familienapotheke zum Weltkonzern aufstieg, dauerte es fast zwei Jahrhunderte. Den Grundstein legte der aus Schweinfurt stammende Apotheker Friedrich Jakob Merck, der 1668 die Genehmigung von Hessen-Darmstadts Landgraf Ludwig VI bekam, die so genannte zweite Stadtapotheke, die spätere "Engel-Apotheke" zu übernehmen.

Durchbruch im 19. Jahrhundert

Erst Emanuel Merck trieb den Wandel von der kleinen Apotheke zum forschenden Industrieunternehmen voran. Er isolierte in seinem Labor Alkaloide - Naturstoffverbindungen mit medizinischer Wirkung - und verkaufte sie ab 1827 an andere Apotheker, Ärzte und Chemiker. In einer alten Chlorkalk-Fabrik baute Merck eine Alkaloid-Produktion auf. Mercks pharmazeutisch-chemische Manufaktur begann zu florieren.

Schmerzhafte Trennung in zwei Teile

Merck & Co.: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
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Die 1850 gegründete Geschäftssozietät E. Merck expandierte ins Ausland. 1887 wurde eine Filiale in New York eröffnet, aus der drei Jahre später Georg(e) Merck die Merck & Co macht. Doch der Erste Weltkrieg warf das Darmstädter Unternehmen zurück. Die US-Regierung beschlagnahmte Merck & Co und verkaufte es an ein Konsortium um Georg(e) Merck. Seither gibt es zwei Merck-Konzerne: Merck & Co in den USA und E. Merck in Darmstadt.

In den 1920er und 1930er Jahren sorgten die Darmstädter mit neu entwickelten Vitamin-Präparaten für Furore. Im Zweiten Weltkrieg musste Merck kriegswichtige Pharmazeutika und chemische Kampfstoffe produzieren. Dabei wurden Hunderte Zwangsarbeiter aus Osteuropa eingesetzt. 1944 wurden bei einem Luftangriff fast 70 Prozent des Werks zerstört, 60 Menschen starben.

Neuanfang mit neuen Wirkstoffen und Flüssigkristallen

1995 Börsengang und Gründung der Merck KgaA

1995 Börsengang und Gründung der Merck KgaA. | Bildquelle: Merck

Nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte der Pharma- und Chemiekonzern seinen Neuanfang. Neue Wirkstoffe wie Oxymetalozin oder auch die Antibaby-Pille Aconcen wurden eingeführt. Darüber hinaus begann Merck mit der Entwicklung von Flüssigkristallen.

1995 gelang der Sprung an die Börse. Mit 2,4 Milliarden D-Mark war es damals der größte Börsengang in Deutschland. Rasch stieg Merck in den Dax auf.

Milliardenzukäufe in den letzten elf Jahren

Anja Kohl
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Abspaltungspläne bei Merck

Im 21. Jahrhundert wurde der Konzern umgebaut und neu ausgerichtet. Das Implantate-Geschäft und die Labordistribution wurden verkauft. Dagegen übernahm Merck das Schweizer Vorzeige-Biotech-Unternehmen Serono für 10,6 Milliarden Euro und die US-Firma Sigma Aldrich für 13,1 Milliarden Euro. Mit den drei Sparten Pharma, Spezialchemie und Laborausrüstung sieht sich Merck gut aufgestellt. Der Konzern erzielt inzwischen gut 15 Milliarden Euro Umsatz und zählt weltweit fast 53.000 Mitarbeiter. Große Umsatzbringer sind Schilddrüsenhormone, das Multiple-Sklerose-Mittel Mavenclad sowie die Schmerzsalbe Kytta. Große Hoffnungen setzt der Konzern auch auf Krebs-Medikamente, musste hier zuletzt aber ein paar Rückschläge einstecken. Bei Flüssigkristallen ist Merck Weltmarktführer und profitiert vom OLED-Trend.

Der Konzern braucht sich nicht zu fürchten, selbst von einem großen Pharma- und Chemieriesen geschluckt zu werde. Denn mit 70 Prozent hält die Familie, die 2000 die operative Führung abgab, immer noch die Mehrheit am Unternehmen. "Wir sind und bleiben ein Unternehmen in Familienhand", betonte Johannes Baillou, Vorsitzender des Gesellschafterrats der E. Merck KG, beim Festakt.

Familie behält die Kontrolle

Merck sei unverkäuflich, beteuerte auch Frank Stangenberg-Haverkamp, der Vorsitzende des Familienrats. "Die Familie steht fest hinter dem Unternehmen." Sollte sich allerdings einmal die Möglichkeit ergeben, Merck langfristig noch besser aufstellen zu können, sei die Familie bereit, ihre Anteile zu senken. Danach sehe es aber zurzeit nicht aus.

Die Merck-Aktie hat sich seit dem Börsengang mehr als versechsfacht. Der Zenit wurde im Mai 2017 mit dem Höchststand von 114,40 Euro erreicht. Seither hat der Dax-Titel gut ein Fünftel an Wert eingebüßt. Im Jubiläumsjahr 2018 liegt die Merck-Aktie leicht im Plus.

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Von der Engel-Apotheke zum Milliarden-Konzern Die wichtigsten historischen Etappen von Merck

1668 Friedrich Jacob Merck erhält von Landgraf Ludwig VI das Privileg für eine Apotheke

1668: Grünes Licht vom Landgraf
Die Historie von Merck reicht zurück bis ins Jahr 1668. Damals – am 26. August – erhielt der Schweinfurter Apotheker Friedrich Jacob Merck von Ludwig VI, dem Landgraf von Hessen-Darmstadt, das Privileg für die Übernahme der am Schlossgraben gelegenen Hofapotheke.