Notebook mit Amazon-Website

Im Visier der Regulierer Manipuliert Amazon seine Suchalgorithmen?

Stand: 17.09.2019, 11:59 Uhr

Amazon soll seine Algorithmen geändert haben, um Kunden Produkte mit höheren Gewinnmargen zuerst anzuzeigen. Dabei ist der Online-Händler bereits jetzt im Visier der Behörden - und könnte weitere Probleme bekommen.

Bisher wurde Amazon-Nutzern während einer Suche auf der Plattform stets die relevantesten oder meistverkauften Produkte angezeigt. Das soll sich allerdings geändert haben, berichtet das "Wall Street Journal". Demnach habe der Handelsriese ab Ende 2018 seine Algorithmen so eingestellt, dass zuallererst diejenigen Artikel dargestellt werden, die Amazon am meisten Profit bescheren.

Nach Angaben von Insidern seien das vor allem Amazons eigene Produkte. Seit 2009 verkauft der Konzern zum Beispiel Notebook-Taschen, Batterien oder Verbindungskabel unter der Marke AmazonBasics. Im Laufe der Jahre kam immer mehr dazu. Mittlerweile können User sogar Kulturbeutel, Tresore, Koffer oder Staubsauger kaufen.

Auseinandersetzungen im Unternehmen

Die Manipulation sei im US-Unternehmen selbst höchst umstritten gewesen, schreibt das "Wall Street Journal". So hätte es zwischen den Managern und dem für die Suche verantwortlichen Team einen Streit gegeben - rund zwölf Monate lang. Auch Supermärkte könnten ihre hauseigenen Marken dort platzieren, wo sie wollten, sei das Argument der Führungskräfte gewesen, die sich im Machtkampf schließlich durchsetzten.

Die Experten hätten im Gegenzug auf das verpasste Nutzererlebnis und das Interesse der Kunden hingewiesen. Laut einer Analyse des US-Unternehmens Jumpshot nutzt ein Großteil der Amazon-Kunden das Suchfenster der Seite und kauft dabei überwiegend Produkte von der ersten Seite.

Die firmeninternen Anwälte hätten ebenfalls versucht, die Änderung zu verhindern. Und das nicht ohne Grund: Denn Amazon steht schon jetzt im Visier der Kartellbehörden. Sowohl die EU-Kommission als auch die amerikanischen Regulierungsbehörden untersuchen Amazons Geschäftspraktiken.

Amazon im Fokus der Behörden

Erst am Freitag hatte der Justizausschuss im US-Kongress mitgeteilt, dass eine breite Auswahl interner Dokumente der vier großen Tech-Konzerne Alphabet, Apple, Facebook und eben auch Amazon eingefordert wurden. Diese sollen unter anderem E-Mails der Top-Manager über Wettbewerbsthemen herausrücken.

Steven Mnuchin

US-Finanzminister Steven Mnuchin kritisiert Amazon. | Bildquelle: picture alliance / abaca

In der vergangenen Woche hatte Finanzminister Steven Mnuchin Amazon mit scharfen Worten kritisiert. „Sie haben den Einzelhandel in den Vereinigten Staaten zerstört“, sagte Mnuchin mit Blick auf den weltgrößten Online-Händler. Es bestehe deshalb kein Zweifel, dass der Konzern den Wettbewerb eingeschränkt habe. Im Juli kündigte die Regierung eine umfangreiche Untersuchung der Wettbewerbspraktiken an. Man wolle der Besorgnis von Verbrauchern und Unternehmen nachgehen und klären, wie die Marktmacht des Internetgiganten erreicht werden konnte.

Zudem steht Amazon unter Druck, nachdem eine Untersuchung des "Wall Street Journals" ergab, dass auf der Plattform 4.125 Waren verkauft werden, welche von den Bundesbehörden entweder verboten oder als gefährlich eingestuft wurden.

Auch die EU ermittelt

Die EU-Wettbewerbshüter nehmen Amazon ebenfalls in die Mangel. Wegen möglicherweise illegaler Geschäftspraktiken im Umgang mit Dritthändlern wurde im Juli eine offizielle Untersuchung eingeleitet. Der Verdacht: Amazon nutzt seine Doppelrolle als Händler und Plattformanbieter aus.

Die Kommission will prüfen, ob Amazon die Kundendaten auf dem sogenannten Marketplace dafür benutzt, ihr eigenes Geschäft voranzutreiben. Der Marketplace macht 58 Prozent des Warenumsatzes aus. Bei illegalem Verhalten drohen Strafen in Milliardenhöhe. Einem weiteren Konflikt mit dem deutschen Bundeskartellamt konnte Amazon aus dem Weg gehen.

New Yorker verklagt Amazon

Auch einzelne Unternehmer versuchen, sich gegen die Marktmacht von Amazon zu wehren. So will etwa der Braunschweiger Modeunternehmer Friedrich Knapp, Inhaber der Kette New Yorker, den Konzern verklagen. "Wir haben bei Amazon 20 Teile gekauft, vor allem Marktplatzware aus China. Kein einziges entsprach dem Textilkennzeichnungsgesetz und ist damit eigentlich nicht verkehrsfähig", sagte Knapp im Interview mit "Textilwirtschaft".

Es sei nicht hinzunehmen, dass bei New Yorker wöchentlich Kontrollen stattfinden und Amazon & Co. stattdessen ungehindert mit unverzollter und unversteuerter Ware den Markt fluten können. Knapp will weitere Unternehmer ermutigen, ebenfalls gegen unlauteren Wettbewerb vorzugehen.

Amazon dementiert

Amazon: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
1.604,80
Differenz relativ
+0,26%

Nicht wenige Baustellen für Amazon: Da kommt der Bericht des "Wall Street Journals" eher ungelegen. Das sehen offenbar auch einige Anleger so. Die Aktie sackte am Montag an der Nasdaq zeitweise zwei Prozent ab.

Amazon dementierte den Bericht mittlerweile. Die Suchergebnisse seien nicht in Richtung Profitabilität geändert worden, sagte ein Sprecher gegenüber "CNBC".

Langfristig gehöre der Blick auf den Gewinn natürlich zur Bewertung neuer Suchfunktionen. Einzelne Faktoren würden dabei allerdings kein Entscheidungskriterium sein. Die Suchergebnisse seien grundsätzlich unabhängig von Amazons privater Marke und Produkte von anderen Händlern.

tb