Mann vor Fernglas

Wochenausblick Macht die unbeliebteste Rally aller Zeiten erstmal Pause?

Stand: 28.06.2020, 10:47 Uhr

Sorgen über steigende Corona-Neuinfektionen sowie eine nachgebende Wall Street haben den Anlegern vor dem Wochenende die Stimmung vermiest. Weicht die "unbeliebteste Rally aller Zeiten" nun einer Phase der Volatilität und der Korrektur?

Die Marktexperten sind geteilter Meinung. Frank Wohlgemuth von der National-Bank in Essen glaubt, dass die Kurse trotz der Furcht vor einer neuen Corona-Welle noch Luft nach oben haben. Viele Investoren hätten die bisherigen Kursgewinne verpasst, weil sie dem Braten nicht trauten. "Je höher der Markt aber steigt, desto größer wird der Druck, auch dabei sein zu müssen."

Rob Sharps, Chefanleger des Vermögensverwalters T. Rowe Price, prognostiziert einen Rücksetzer oder zumindest eine Pause der Aktienrally. Schließlich sei die weitere Entwicklung der Coronavirus-Pandemie unklar. Sein Haus rechne zwar mit der Entwicklung eines Impfstoffs bis Anfang kommenden Jahres.

Kurzfristige Gewinnmitnahmen möglich

Es könne aber Monate dauern, bis weite Teile der Bevölkerung damit immunisiert seien. In der alten Woche hatten steigende Infektionszahlen vor allem in Texas, Florida und Oklahoma bei Anlegern die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle geschürt.

Nach der nun schon dreimonatigen Erholungsrally könnten kurzfristig weitere Gewinnmitnahmen nicht ausgeschlossen werden, befürchten auch die Experten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Zumal mit der anstehenden Bekanntgabe der Unternehmenszahlen zum zweiten Quartal offensichtlich werden dürfte, wie stark die Corona-Pandemie die Unternehmen belastet habe.

Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
28.350,25
Differenz relativ
+0,52%

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
12.770,31
Differenz relativ
-0,66%
S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
3.446,96
Differenz relativ
+0,59%

So hatte der Dax sich von seinem März-Tief von 8.255 Punkten zwischenzeitlich um mehr als die Hälfte auf etwa 12.900 Punkte erholt, bevor ihm jüngst ein wenig die Luft ausging. Allerdings hielt sich der Dax in der alten Woche wieder größtenteils über der Marke von 12.000 Punkten.

Wo sind die Alternativen?

Helaba-Analyst Markus Reinwand verweist aber darauf, dass der Dax trotz aufgehellter Konjunkturperspektiven nicht mehr vom Anstieg der jüngsten Ifo-Erwartungen profitiert habe. "Dies unterstützt die These, dass Aktien zu schnell zu viel Positives vorweggenommen haben." Zudem seien Aktien weltweit recht hoch bewertet.

Allerdings gilt nach wie vor: Alternativen zu Aktien sind in diesen Zeiten von Nullzinsen, aber Hilfspaketen von vielen Hundert Milliarden Euro, rar gesät. Außerdem stehen in der neuen Woche wichtige Daten auf der Tagesordnung, die das Bild einer spürbaren Konjunkturerholung im dritten Quartal bekräftigen sollten.

Millionen neuer Jobs in den USA?

Dazu gehören die chinesischen Einkaufsmanagerindizes am Dienstag und Mittwoch. Am Mittwoch wird zudem in den Vereinigten Staaten der vielbeachtete ISM-Index für das Verarbeitende Gewerbe veröffentlicht.

Highlight der Woche dürften die US-Beschäftigtenzahlen sein. Sie werden schon am Donnerstag veröffentlicht, weil die Wall Street am Freitag wegen des bevorstehenden US-Nationalfeiertags geschlossen bleibt. Nach dem überraschenden Stellenaufbau im Vormonat rechnen Experten mit der Schaffung von drei Millionen Jobs außerhalb der US-Landwirtschaft. Einen Vorgeschmack auf die offiziellen Daten liefern die Zahlen der privaten US-Arbeitsagentur ADP am Mittwoch.

Wirecard weiter im Blick

Christoph Swonke, Volkswirt der DZ Bank, zählt auch die Schnellschätzung der Inflationsrate für den Euro-Raum am Dienstag zu den wichtigsten Datenveröffentlichungen. Am jüngsten Trend der rückläufigen Teuerungsrate dürfte sich auch im Juni kaum etwas geändert haben. Allerdings sollten die Preisrückgänge bei Energie und die Anstiege bei Nahrungsmitteln etwas weniger stark ausgefallen sein.

Aus Unternehmenssicht richten sich die Blicke in der neuen Woche weiterhin auf den Bilanzskandal um den insolventen Zahlungsabwickler Wirecard. Ansonsten wird es am Donnerstag für die Anleger von Grenke interessant, wenn der IT-Leasinganbieter Zahlen zu seinem Neugeschäft im zweiten Quartal veröffentlicht.

lg/dpa/rtr