Debatte zum Auftakt der Berichtssaison Machen Quartalsberichte eigentlich Sinn?

von Lothar Gries

Stand: 13.07.2018, 06:45 Uhr

Börsennotierte Unternehmen hecheln von Quartal zu Quartal, müssen sie doch alle drei Monate über ihre Geschäfte berichten, wie heute mehrere US-Banken. Schluss damit, fordern nun zwei der mächtigsten Vertreter der Finanzbranche. Zu Recht?

Tatsächlich berichten börsennotierte Unternehmen vier Mal im Jahr über den Geschäftsverlauf der zurückliegenden Quartale. Analysten prüfen dann, ob ihre Erwartungen erfüllt, übertroffen oder verfehlt wurden. Entsprechend begierig warten auch die Anleger auf die neuesten Zahlen und Erwartungen.

Am heutigen Freitag öffnen gleich drei amerikanische Banken ihre Bücher, allen voran JPMorgan, das größte Geldhaus an der Wall Street. Doch ausgerechnet dessen Vorstandschef, Jamie Dimon, plädiert nun für ein Ende dieses lästigen Rituals. Auch Warren Buffett, dem legendären Chef der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway, sind Quartalsberichte ein Dorn im Auge.

"Ungesunder Fokus"

"Die vierteljährigen Bilanzen mit ihren dazu gehörigen Gewinnerwartungen führen unserer Erfahrung nach oft zu einem ungesunden Fokus auf kurzfristige Profite“, argumentierten Dimon und Buffett kürzlich in einem Gastbeitrag im "Wall Street Journal“. Die langfristige Strategie, Wachstum und Nachhaltigkeit blieben dagegen auf der Strecke.

Jamie Dimon, CEO von JPMorgan Chase & Co.

Jamie Dimon, CEO JPMorgan Chase. | Bildquelle: picture alliance/AP Photo

Auch verzögere der kurzfristige Blick auf die Quartalsbilanzen oftmals Investitionen in neue Technik. Personal werde nicht eingestellt, um die Kosten möglichst niedrig zu halten - all dies nur, um die Erwartungen der Analysten nicht zu enttäuschen. Denn schlechter als prognostiziert ausgefallene Zahlen drücken den Aktienkurs und mindern somit den Wert eines Unternehmens.

Schon lange ein Problem

Warren Buffett

Warren Buffett. | Bildquelle: picture alliance / AP Images

Die Aussagen sind nicht neu. Seit Jahren schon plädiert besonders Warren Buffett dafür, Unternehmen nicht nur mit Blick auf die Quartalszahlen zu beurteilen. Weil die Forderungen nach einer Änderung der derzeitigen Praxis ungehört blieben, appelliert Buffett, nun sekundiert von Jamie Dimon dafür, wenn schon nicht auf die Zahlen dann aber auf Prognosen zur Umsatz- und Gewinnentwicklung zu verzichten.

Die Zukunft vorherzusagen sei nun mal schwierig, vor allem dann, wenn Analysten detaillierte Zahlen forderten. Dabei hänge das Erreichen dieser Ziele von vielen nicht kontrollierbaren Faktoren ab.

Sinkende Börsengänge

Schon lange wird in den Vereinigten Staaten über den Sinn und Unsinn von Quartalszahlen und kurzfristigen Ausblicken debattiert. Ein Indiz für die zunehmende Unzufriedenheit mit diesem Zustand ist nach Ansicht von Warren Buffett die sinkende Zahl der Börsengänge.

Gerade erfolgreiche Tech-Unternehmen blieben möglichst lange den Aktienmärkten fern, weil sie den Druck des Quartalsdenkens fürchten. Auch andere, eher langfristig denkende Unternehmen, scheuten den Gang an die Börse, um die alle drei Monate fälligen Geschäftsvorlagen zu umgehen, so Buffett. Das könne nicht so weitergehen.

Eingespielte Gewohnheiten

Heute berichten die Banken JPMorgan, Citigroup und Wells Fargo über die Geschäftsentwicklung im zweiten Quartal. | Quelle: picture-alliance/dpa

Doch jahrzehntelang eingespielte Gewohnheiten lassen sich nicht so einfach ändern - auch nicht wenn sie von einflussreichen Investoren wie Warren Buffett kommen. "Eine Abschaffung dieses Rituals würde zwar das langfristige Denken fördern, aber ich glaube, dass dies zu idealistisch ist und niemals passieren wird", glaubt Cynthia Johnson, Managerin des Büroartikelanbieters Office Depot.

Wichtig sei, dass es auch einen realen Bedarf für die Quartalsberichte gebe. Zudem seien auch nicht die Zahlen an sich problematisch, sondern die Überreaktion der Märkte darauf. Andererseits sorgen gerade die Erwartungen und Prognosen von Umsatz und Gewinn der Unternehmen für Bewegung an den Finanzmärkten, schaffen sie doch ein hohes Maß an Transparenz.

Gefahr unkontrollierbarer Quellen

Es könne also niemand ernsthaft erwarten, dass Analysten, Broker oder Anleger ernsthaft auf wichtige Informationen über die Unternehmen verzichten, in die sie viel Geld und oftmals ihre Ersparnisse gesteckt haben, so der bekannte Marktexperte John Butters. Er befürchtet, dass es ohne die Quartalszahlen zu anderen, unkontrollierbaren Nachrichten und Zahlen aus den Firmen komme, weil der Bedarf an Neuigkeiten hoch sei. Dies könne erst recht zu Überreaktionen an den Märkten führen.

Er hält es deshalb für illusorisch, wenn nicht gar für gefährlich, falls die bisherige Praxis abgeschafft würde. Das Schweigen der meisten großen Firmenchefs zu dem Thema scheint ihm Recht zu geben.

Argumente gegen Quartalsberichte
- Ungesunder Fokus auf kurzfristige Profite
- Blick auf die langfristige Strategie geht verloren
- Investitionen werden verhindert oder verzögert
- Quartalsdruck schreckt Börsenkandidaten ab
Argumente für Quartalsberichte
- Realer Informationsbedarf der Investoren
- Jahrzehntelang eingespielte Gewohnheiten
- Erhöhte Transparenz
- Weniger Raum für unkontrollierbare "Fake News"