Auf der Landebahn Nordwest geparkte Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen

Viele Tausend Stellen in Gefahr Lufthansa: Milliardenverlust durch Corona

Stand: 03.06.2020, 19:26 Uhr

Wie erwartet hat die Pandemie der Lufthansa einen Verlust von über zwei Milliarden Euro eingebrockt - im ersten Quartal. Das zweite Quartal wird noch schlimmer. Dem Konzern stehen deshalb tiefe Einschnitte bevor, allen voran beim Personal.

Die Lufthansa bestätigte am Morgen, dass in den ersten drei Monaten dieses Jahres ein Fehlbetrag von 2,1 Milliarden Euro entstanden ist. Zu dem operativen Verlust von 1,2 Milliarden Euro kam noch ein Verlust im Termingeschäften mit Treibstoff in Höhe von 950 Millionen Euro hinzu.

Allerdings ist die Krise damit noch lange nicht ausgestanden. Im laufenden zweiten Quartal erwartet das Management sogar einen noch höheren Verlust. Vorstandschef Carsten Spohr kündigte "tiefgreifende Restrukturierungen" an. Dazu gehört auch der Einstieg des Staates, der das Unternehmen mit bis zu neun Milliarden Euro vor der Pleite retten soll. Das Finanzpaket muss noch von der EU-Kommission genehmigt werden und anschließend den Aktionären zur Zustimmung vorgelegt werden. Dazu soll am 25. Juni eine außerordentliche Hauptversammlung stattfinden.

Ohne Staat im Juni pleite

Diese Aktionärszusammenkunft ist keinesfalls nur eine Abnickveranstaltung. Der Lufthansa wäre nämlich nach Einschätzung ihres Vorstands ohne den Einstieg des Staates Ende Juni das Geld ausgegangen. "Ohne die Stabilisierungsmaßnahmen des Wirtschaftsstabilisierungsfonds wäre die Gesellschaft aller Voraussicht nach innerhalb weniger Tage zeitnah zur geplanten außerordentlichen Hauptversammlung zahlungsunfähig", heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Einladung zu dem Aktionärstreffen am 25. Juni.

Die Lufthansa braucht dort nach dem Corona-Rettungsgesetz eine Zweidrittel-Mehrheit. Stimmen mehr als 50 Prozent der Aktionäre ab, reicht sogar eine einfache Mehrheit. Sollte sie nicht zustande kommen, sei "eine Insolvenz unvermeidlich", warnt der Vorstand um Konzernchef Carsten Spohr.

40 Prozent der Flüge im September

Nachdem im Mai nur noch drei Prozent der geplanten Flüge abheben konnten, baut die Lufthansa mit ihren Tochter-Airlines Eurowings, Swiss, Austrian und Brussels Airlines den Passagierverkehr ab Juni schrittweise wieder auf.

Für September erwartet die Gruppe, 40 Prozent der ursprünglich geplanten Kapazität anzubieten. Vor allem die Flüge zu touristischen Zielen sollen ausgebaut werden. Zum Höhepunkt der Krise blieben 700 der 763 Jets der Flotte am Boden. Auch im kommenden Jahr dürften noch 300 und im Jahr 2022 noch 200 Maschinen nicht fliegen, schätzt das Management. Für 2023 erwartet der Vorstand weiterhin eine um 100 Flugzeuge verkleinerte Flotte.

20.000 Mitarbeiter zuviel?

Die Lufthansa stemmt sich mit Kostensenkungen gegen das Desaster, die auch das Personal treffen werden. Von den knapp 137.000 Beschäftigten sind 87.000 in Kurzarbeit. Es gebe einen Personalüberhang von bis zu 20.000 Mitarbeitern, hieß es in Konzernkreisen. Die Konzeneinheit "Lufthansa Technik" soll aber nicht verkauft werden, sie gehöre zum Kern der Firma, erklärte Firmenchef Spohr am Nachmittag

Mit den Gewerkschaften soll eine Lösung gefunden werden, möglichst viele von ihnen über mehr Teilzeit und Gehaltsverzicht an Bord zu halten. Einen konkreten Ausblick auf das Gesamtjahr gibt der Dax-Konzern wegen der hohen Unsicherheit über die weitere Entwicklung nicht. Das Betriebsergebnis soll "signifikant" gegenüber dem Vorjahr sinken.

Anleger wittern Beute

Die Börse scheint bereit, dem Weg des Kranichs zu folgen. Am Mittwoch legte das Papier in einem festen Marktumfeld deutlich um 7,73 Prozent auf 10,19 Euro zu. Für den Bund, also den Steuerzahler, deutet sich damit ein lukratives Geschäft an. Der Staat zahlt für die neuen Aktien nur den Nennwert von 2,56 Euro - gut ein Viertel des Börsenkurses von heute. Der Vorstand habe in den Verhandlungen mit dem Staat vergeblich auf einen höheren Preis oder eine geringere Beteiligung gedrungen, räumte die Lufthansa ein.

Der niedrige Ausgabepreis sei dennoch gerechtfertigt, da der Börsenwert bereits die Hoffnung auf den Einstieg des Staates und die damit verbundene Rettung der Lufthansa widerspiegle, heißt es in dem Dokument. Bei einer Insolvenz gingen die Aktionäre praktisch leer aus.

Sobald die 5,7 Milliarden Euro einschließlich aller Kupons getilgt sind, muss der staatliche Rettungsfonds seine Aktien wieder verkaufen - frühestens aber bis Ende 2023 und nur, wenn die Lufthansa-Aktie bis dahin deutlich über dem Einstiegskurs von 2,56 Euro liegt. Wenn die Lufthansa die Kupons bis 2025 nicht zahlen kann oder wenn der Fluggesellschaft eine Übernahme drohen würde, kann der Staat seinen Anteil auf 25 Prozent plus eine Aktie - also eine Sperrminorität - aufstocken, indem er einen Teil der Stillen Einlage in Aktien tauscht. Dabei bekäme er erneut einen Rabatt auf den Börsenkurs.

lg/rm/rtr/dpa