Heck einer Lufthansa-Maschine und Mann mit grünen Ohrschützern

Ende einer Ära Lufthansa macht den Abflug aus dem Dax

Stand: 04.06.2020, 06:45 Uhr

Der nächste Schlag für die Lufthansa: Gerade erst der Pleite entkommen, steht die Airline nun wohl vor dem Rausschmiss aus dem Dax. Damit verlässt ein weiterer Dax-Veteran den deutschen Leitindex. Für die Lufthansa dürfte die Deutsche Wohnen nachrücken - zum Leidwesen vieler Mieter.

Was im Fußball dem Hamburger SV (HSV) in der Bundesliga vor zwei Jahren widerfuhr, passiert nun wohl der Lufthansa im Dax: der Abstieg aus der ersten Liga, zu der sie von Anfang an dazu gehört hatten. Nach fast 32 Jahren muss höchstwahrscheinlich die Lufthansa aus der ersten deutschen Börsenliga absteigen. Die Fluggesellschaft, die jahrelang mit das Bild der Deutschland AG prägte, ist nach der Commerzbank, ThyssenKrupp, Karstadt, Deutsche Babcock, Nixdorf Computer und Feldmühle erst das siebte Gründungsmitglied, dass sich aus dem Dax verabschieden müsste. Andere Dax-Pioniere wie Schering, Mannesmann, Bayerische Hypobank oder Kaufhof schieden wegen Fusionen aus dem deutschen Leitindex aus.

Börsenwert zu stark geschrumpft

Der Lufthansa dürfte so die "Fast Exit"-Regel der Deutschen Börse zum Verhängnis werden: Weil der Kurs der Kranich-Airline seit Jahresbeginn wegen der Corona-Krise um gut 38 Prozent abgestürzt ist, schmolz der am Streubesitz orientierte Börsenwert auf rund 4,9 Milliarden Euro. Damit ist die Lufthansa nicht mehr unter den wertvollsten deutschen Konzernen und erfüllt nicht mehr die Verbleibe-Kriterien für eine Dax-Mitgliedschaft. Die "Fast-Exit"-Regel besagt, dass ein Wert aus dem Dax fällt, wenn er bei der Marktkapitalisierung des Streubesitzes oder bei den Börsenumsätzen schlechter rangiert als Platz 45. Im Gegenzug rückt ein MDax-Wert auf, der beim Börsenwert mindestens auf Rang 35 liegt.

Der wahrscheinliche Rausschmiss aus dem Dax dürfte die gerade erst gerettete Lufthansa weiter belasten. Denn die Airline-Aktie dürfte aus dem Blickfeld einiger internationaler Investitionen verschwinden, die ausschließlich auf die Dax-Werte achten. Zudem müssen die Indexfonds ETFs, die den Dax abbilden, entsprechend umgewichten und die Lufthansa-Papiere verkaufen, wenn sie nicht mehr in der deutschen Champions League mitspielen.

Deutsche Wohnen vor dem Dax-Aufstieg

Während in der Zentrale der Airline in Frankfurt über den Dax-Abstieg getrauert werden dürfte, wird in Berlin wohl Jubel ausbrechen. Erstmals seit 14 Jahren könnte es wieder ein Unternehmen aus der Hauptstadt schaffen, in die erste deutsche Börsenliga aufzusteigen. Die Deutsche Wohnen wird durch die "Fast-Exit"-Regel höchstwahrscheinlich in den Dax katapultiert. Der zweitgrößte deutsche Wohnungsvermieter ist an der Börse jetzt fast schon so viel wert wie Henkel.

Damit verschiebt sich ein bisschen die Branchengewichtung im deutschen Leitindex. Mit der Deutschen Wohnen könnte ab dem 22. Juni eine zweite Immobilien-Aktie im Dax notieren – neben Marktführer Vonovia, dem bereits vor fünf Jahren den Sprung in die deutsche Börsen-Elite gelang. Weil die Lufthansa kleinster Wert im Dax war und auch die Deutsche Wohnen zur Gruppe der kleineren Indexmitglieder gehören werde, ändere sich an der Branchenstruktur indes nur wenig, sagt Indexexperte Uwe Streich von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Dominieren bald Immobilientitel den Dax?

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ARD-Börse: Lufthansa und Dax - eine besondere Liaison

Dass der Dax nun zunehmend zum Immobilien-Dax wird, ist nicht zu befürchten. Zu groß ist noch das Gewicht von Tech-Konzernen wie SAP und Industrie-Werten wie Siemens, BASF und Daimler. Aber mittelfristig könnte die Immobilienbranche ein ähnlich großes Gewicht haben – wie derzeit im MDax. Denn mit Aroundtown steht ein weiterer Immobilienkonzern vor dem Sprung in die erste deutsche Börsenliga. Index-Experten trauen Aroundtown einen baldigen Aufstieg zu.

Auch wenn es mittelfristig drei Immobilienwerte sein könnten, wäre der Dax noch lange kein Immobilien-Dax, meint Indexexperte Streich. Da Immobilien für viele Deutsche einen sehr hohen Stellenwert haben, hält Streich es für sehr sinnvoll, dass dieser Sektor ordentlich im Dax vertreten ist. "Ohne ihn wäre er vielleicht gerade kein Spiegelbild der deutschen Wirtschaft."

Dax-Gewichtung nach Branchen

Dax-Gewichtung nach Branchen.

Was die Immobilienbranche freut, dürfte einigen Mietern nicht gefallen. Sie befürchten, dass die stark im Berliner Wohnungsmarkt präsente Deutsche Wohnen noch mehr in den Fokus internationaler Investoren rückt und hohe Dividenden liefern muss. "Der Druck zu Mietsteigerungen wird dann steigen", meint die Sprecherin des Deutschen Mieterbunds. "Für Mieter wäre der Aufstieg der Deutschen Wohnen daher kein Grund zur Freude."

Kritik von Mietern

Die Diskussion um den Berliner Mietendeckel hat die Deutsche Wohnen seit Mitte 2019 stärker getroffen als die meisten anderen börsennotierten deutschen Immobilien-Firmen. Der größte Teil des Immobilienportfolios des Wohnungsvermieters liegt nämlich in der Hauptstadt. Zahlreiche Politiker und Bürger, vor allem aus dem linken Lager, werfen der Deutschen Wohnen vor, an den steigenden Mietpreisen in Berlin mitverantwortlich zu sein.

Die Deutsche Wohnen hat stets die Vorwürfe zurückgewiesen - und auf höhere Ausgaben für Personal und Instandhaltung verwiesen. Sie hält den Mietendeckel für verfassungswidrig und geht davon aus, dass etwaige nicht realisierte Mietsteigerungen und Mietminderungen von den Mietern zurückgefordert werden könnten. Wegen des Mietendeckels in der Hauptstadt erwartet die Deutsche Wohnen Gewinneinbußen. Im ersten Quartal konnte die Deutsche Wohnen aber ihre Mieteinnahmen in der Stadt erneut um 2,3 Prozent steigern.

Berliner Enteignungs-Debatte um die Deutsche Wohnen

Zudem ist der Wohnungsvermieter derzeit Objekt einer Enteignungsdebatte. Die Berliner Bürgerinitiative "Deutsche Wohnen enteignen" hat schon 70.000 Unterschriften eingesammelt. Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn hält die Diskussion über eine Enteignung für "völlig irre". Sollte die Debatte weiter hochkochen und dem Geschäft der Deutschen Wohnen schaden, könnte der Aktienkurs rasch wieder unter Druck geraten. Dann müsste der Wohnungsvermieter um seinen Platz in der ersten deutschen Börsenliga zittern - wie im Fußball eben.

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Lufthansa Rohrbach Roland I, 1926

Lufthansa Rohrbach Roland I, 1926
In den 20er Jahren war das Fliegen nicht immer besonders bequem, aber dafür recht exklusiv. Nur besonders Vermögende konnten es sich leisten, mit dem Flugzeug zu reisen.