Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen

Airlines taumeln Lufthansa: Wie Phoenix aus der Asche?

Stand: 19.03.2020, 09:35 Uhr

Die Ausbreitung des Coronavirus gefährdet die Zukunft gesamten Luftfahrtbranche. Lufthansa-Chef Carsten Spohr spricht längst offen über Staatshilfe. Aber im Vergleich zur Konkurrenz sieht Spohr sein Unternehmen im Vorteil. Wird die Lufthansa letztlich von der Krise profitieren?

Der Nachfrageeinbruch könnte die Luftfahrtbranche in diesem Jahr eine dreistellige Milliardensumme an Umsatz kosten, hatte der Branchenverband IATA vor einigen Tagen geschätzt. Voraussichtlich gingen den Airlines im Passagiergeschäft Erlöse von 63 bis 113 Milliarden US-Dollar (56 bis 100 Milliarden Euro) verloren. Das wäre ein Einbruch um 19 Prozent - vergleichbar mit den Folgen der weltweiten Finanzkrise 2008/2009.

Daniel Roeska, Luftfahrtexperte beim Analysehaus Bernstein, rechnet damit, dass der Luftverkehr vorerst um 70 bis 80 Prozent kollabiert. Aktuellen Zahlen zufolge sind seit Ende Januar laut IATA wegen der Ausbreitung des Coronavirus mehr als 185.000 Passagierflüge gestrichen worden.

Es geht ums Überleben

Allerdings ist angesichts der sich ständig verschärfenden Lage jetzt bereits klar, dass es dabei wohl nicht bleiben wird. Die Krise ist schon jetzt so gravierend, dass viele Fluggesellschaften sich am Rande der Pleite bewegen werden.

Der Weltluftfahrtverband fordert deshalb von den Regierungen Kreditlinien und Steuererleichterungen, um die Fluggesellschaften zu stützen. "Ohne einen Rettungsring von den Regierungen kommt zum Gesundheitsnotstand obendrein noch eine Finanzkrise der Branche", warnt IATA-Generaldirektor Alexandre de Juniac.

Das sieht auch Nord/LB-Experte Wolfgang Donie so: Europas gesamte Luftfahrtindustrie kämpfe wegen der Corona-Krise ums Überleben, schreibt er in einer aktuellen Studie. Donie rechnet, wie viele Kollegen, damit, dass die Branche mit Staatshilfen gestützt werden müsse. Es geht, wie bei der Konkurrenz, auch bei der Lufthansa vor allem darum, die Turbulenzen zu überstehen. Und die Chancen auf eine bessere Zukunft sind womöglich gar nicht so schlecht für Europas größte Airline.     

Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Lufthansa-Chef Carsten Spohr: Braucht Staatshilfe bei längerer Krise. | Bildquelle: picture alliance / dpa

"Ein schlimmer Sommer"

Doch leicht wird es nicht. Der Lufthansa stehe wegen der Corona-Krise ein schlimmer Sommer bevor, stellt Michael Kuhn, Analyst bei der französischen Großbank Société Générale, fest. Da die Einnahmen aufgrund der Reisebeschränkungen derzeit massiv schrumpfen, geht es zunächst bei allen Airlines insbesondere darum, Kosten zu sparen und die Zahlungsfähigkeit zu erhalten. Vorstandschef Carsten Spohr kündigte jüngst an, die Dividende in diesem Jahr zu  streichen. Das wird natürlich nicht reichen, auch Spohr scheint über Staatshilfe nachzudenken.

Ferner hat sich die Fluggesellschaft deshalb neue Kredite in Höhe von 600 Millionen Euro gesichert, hatte das Unternehmen in einer Ad-hoc-Mitteilung am vergangenen Freitag mitgeteilt. Damit verfüge der Konzern über flüssige Mittel von rund 4,3 Milliarden Euro, hieß es weiter. Hinzu kämen ungenutzte Kreditlinien von rund 800 Millionen Euro. Die Finanzverschuldung der Airline beläuft sich auf 4,3 Milliarden Euro.

Als positiven Faktor unterstreicht Luftfahrtexperte Kuhn, dass die Lufthansa mit Blick auf den Flottenanteil im Eigenbesitz in Europa führend sei. Das öffnet weitere Möglichkeiten, die der Konzern längst erkannt hat: Auch Flugzeugfinanzierungen will das Management nutzen: 86 Prozent der rund 780 Flugzeuge starken Flotte befänden sich im Eigentum der Lufthansa, davon seien knapp 90 Prozent unbelastet von Krediten. Das entspreche einem Buchwert von zehn Milliarden Euro.

Zwei Lufthansa-Maschinen am Flughafen München

Lufthansa: Robuster als andere. | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon

"Auf jeden Fall länger"  

Aber je länger die Krise andauere, desto wahrscheinlicher werde es, dass die Zukunft der Luftfahrt ohne staatliche Hilfe nicht gewährleistet werden könne, teilte Spohr heute mit. Trotzdem verbreitet der Chef sozusagen gedämpften Optimismus: Spohr meinte jüngst, die Lufthansa könne die schwierige Situation finanziell "auf jeden Fall länger" durchstehen als andere Airlines. Droht der Branche eine Art Ausscheidungsrennen?  

Die dramatische Situation werde wohl zu einer Marktkonsolidierung führen, die bereits seit Jahren erwartet werde, meint Wolfgang Donie. Langfristig dürfte die Lufthansa als starke Airline davon profitieren, prognostiziert der Nord/LB-Experte. Denn wenn die Konkurrenz strauchelt oder gar stürzt, bieten sich im engen, von Preiskämpfen geprägten Markt für die Verbleibenden bessere Chancen. Allein im vergangenen Jahr gingen mehr als 20 Airlines pleite.

Gewinn 2019 halbiert

Auch die Lufthansa hat zu kämpfen. Im vergangenen Jahr sank der Gewinn das zweite Jahr in Folge. Er halbierte sich fast auf 1,2 Milliarden Euro. Immerhin kletterte der Umsatz um 2,5 Prozent auf 36,4 Milliarden Euro. Die bereinigte operative Marge sank auf 5,6 von acht Prozent. Als Gründe führte die Lufthansa höhere Treibstoffkosten, eine schwächere Nachfrage wegen des Konjunkturabschwungs und Preisdruck durch den scharfen Wettbewerb in Europa an.

Angesichts der Coronakrise wagt das Unternehmen keine Prognose für das laufende Jahr. Zumindest heute sind die Anleger nach den jüngsten Kursverlusten optimistisch. Die Aktie steigt um rund acht Prozent.

ts