Linde Praxair
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US-Aufseher bleiben strikt Linde-Praxair-Fusion in Gefahr

Stand: 06.08.2018, 14:39 Uhr

Tiefroter Montag für Linde: Der Dax-Konzern und die amerikanische Praxair müssen sich mit neuen Bedenken der US-Kartellbehörde FTC auseinandersetzen. Die ganze Fusion könnte ins Wanken kommen, die Zeit wird nämlich langsam knapp.

Bis zum frühen Nachmittag verliert die Linde-Aktie über neun Prozent an Wert. Die Transaktion, mit der der weltgrößte Hersteller von Industriegasen wie Sauerstoff und Helium entstehen würde, muss nach deutschem Recht bis 24. Oktober abgeschlossen sein. Das Gesetz schreibt vor, dass die Aktionäre binnen zwölf Monaten Klarheit über das Gelingen der Transaktion haben müssen.

Das könnte jetzt aber knapp werden. Denn der Linde-Konzern teilte in der Nacht auf Sonntag ad hoc mit, dass beide Unternehmen wegen kartellrechtlicher Bedenken der US-Kartell- und Handelsbehörde FTC (Federal Trade Commission) möglicherweise mehr Unternehmensteile veräußern müssen als bislang erwartet.

Dadurch könnte der gesamte Zusammenschluss ins Wanken geraten. Linde und Praxair heben sich nämlich vorbehalten, die Fusion abzublasen, wenn sie mehr als 3,7 Milliarden Euro Umsatz oder 1,1 Milliarden Euro des operativen Ergebnisses (Ebitda) abgeben müssen.

FTC verlangt mehr

Wie Linde in der Mitteilung weiter andeutet, besteht aufgrund der Vorstellungen der FTC bezüglich der zusätzlichen Veräußerungen und der Käufer die Gefahr, dass diese Obergrenze überschritten wird. Zu deutsch: der Deal würde dann platzen. Soweit ist es aber noch nicht, beide Unternehmen wollen jetzt erst einmal die Erwartungen der Kartellwächter analysieren.

In Europa sind beide Unternehmen offensichtlich weiter als in den USA. Wie "Reuters" bereits im Juli vermeldete, steht die EU-Kommission kurz davor, der Fusion grünes Licht zu geben. Dies auch, weil Praxair zugesichert hatte, sich vom Großteil seines Europageschäfts zu trennen. Auch Linde verkauft in den USA einen Großteil seines Geschäftes an den heimischen Konkurrenten Messer. Messer, ein hessisches Familienunternehmen, und der Investor CVC übernehmen danach Firmenteile in den USA, Kanada, Brasilien und Kolumbien für 2,8 Milliarden Euro.

"Kein Fiasko"

Nach Einschätzung von Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wäre ein Scheitern der Fusion keine Katastrophe: "Linde ist gesund und profitabel und kann auch ohne Praxair leben. Das wäre also kein Fiasko."

Linde AG, Wolfgang Reitzle lachend

Wolfgang Reitzle. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Allerdings würde es bei dem Münchner Dax-Konzern zu einer Führungskrise kommen. Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle ist die treibende Kraft hinter der Fusion, die er gegen den Widerstand von Betriebsräten und Gewerkschaften in Deutschland vorantreibt. "Bei Reitzle fände ich es schwierig, wenn er bei einem Scheitern weitermachen würde", so Bergdolt gegenüber der dpa. Den 68-jährigen Manager Aldo Belloni hatte Reitzle nur deshalb aus der Rente zurückgeholt und zum Vorstandschef gemacht, um die Fusion in trockene Tücher zu bringen.

Die Börse hat bereits Vorschusslorbeeren verteilt

Zumindest zuletzt war die Stimmung an der Börse für das zum Umtausch vorgesehene Linde-Papier prächtig. Die Aktie befindet sich schon seit April bei Kursen um 170 Euro im Aufwärtstrend und hatte am Freitag bei 210,20 Euro geschlossen. Der Markt feierte damit die Aussicht auf einen neuen Gase-Champion. Erst jüngst hatte Linde bestätigt, dass der Zusammenschluss mit Praxair in der zweiten Jahreshälfte 2018 vollzogen werden solle.

Diverse Wasserstandsmeldungen über die kartellrechtliche Bewertung und damit den Fortgang der Fusion sind aber nicht neu, so dass es im Jahresverlauf auch kräftige Schwankungen gab. Zum Jahresende 2017 notierte der Dax-Titel bei 194,65 Euro, der Aufschlag lag damit bei knapp acht Prozent. Deutlich besser als der Dax, der seit Jahresanfang bis Freitag 2,33 Prozent verloren hat.

rm/la/rtr/dpa

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