Liberty Steel

ThyssenKrupp: Angebot von Liberty Steel Laschet: "Stahl ist systemrelevant"

Stand: 16.10.2020, 13:45 Uhr

Der britische Stahlkonzern Liberty Steel hat ein Angebot für die schwächelnde Stahlsparte von ThyssenKrupp vorgelegt. Die Börse jubelt, die Gewerkschaft ist entsetzt. Jetzt hat sich Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Laschet zu Wort gemeldet.

Bei einer Demonstration in Düsseldorf haben am Vormittag rund 3.000 Stahlkocher von ThyssenKrupp Steel Europe ihrer Forderung nach einer Staatsbeteiligung Nachdruck verliehen. Ein Schritt, den Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bislang abgelehnt hat. Die überraschende Nachricht vom Angebot von Liberty Steel hat die Lage aber komplett verändert.

Auf einer Kundgebung ergriff Laschet das Wort und machte den Erhalt von Arbeitsplätzen zur Bedingung für eine Trennung von der Stahlsparte. ThyssenKrupp sei nicht zu Billigbedingungen zu haben. "Es ist kein 'Ein Euro'-Geschäft, sondern es ist beste Stahlqualität. Und wer dies nicht erfüllt, kann auch kein Partner für welche Fusion auch immer sein", machte Laschet klar. "ThyssenKrupp gehört zur DNA von Nordrhein-Westfalen, Stahl ist systemrelevant." Der CDU-Politiker sitzt im Kuratorium der Krupp-Stiftung, dem größten Einzelaktionär des Konzerns.

Armin Laschet

Armin Laschet. | Bildquelle: picture alliance / flashpic

Kurssprung der ThyssenKrupp-Aktie

Am Vormittag hatte Liberty Steel für die angeschlagene Stahlsparte von ThyssenKrupp ein erstes, nicht bindendes Angebot vorgelegt. Weitere Angaben über Details machte der britische Stahlkonzern zunächst nicht: Liberty wolle genauer in die Bücher der Stahlsparte schauen, "um potenziell ein verbindliches Angebot vorlegen zu können". Die mit Thyssenkrupp geführten Gespräche seien nicht exklusiv, hieß es weiter.

"Wir haben heute ein indikatives Angebot für einen Erwerb des Stahlgeschäfts erhalten", hieß es dazu von ThyssenKrupp. "Dieses Angebot schauen wir uns jetzt sorgfältig an. Gleichzeitig werden wir die Gespräche mit anderen potenziellen Partnern in gleicher Weise wie bisher konsequent fortsetzen. Unser Ziel ist es, das Stahlgeschäft nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Es kommt für uns darauf an, dafür die beste Lösung zu finden."

Die ThyssenKrupp-Aktie hatte bereits zu Handelsbeginn mit einem Kurssprung auf die Spekulationen reagiert, aktuell liegt das Kursplus bei rund zwölf Prozent. ThyssenKrupp-Vorstandschefin Martina Merz hatte im Vorfeld einen Verkauf der Stahlsparte nicht ausgeschlossen und auch einen Staatseinstieg plus Partner als Option bezeichnet.

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz. | Bildquelle: imago images / Sven Simon

"Zerschlagung droht"

Auch die Gewerkschaft meldete sich zu Wort: "Das ist genau das, wovor wir gewarnt haben. Die Politik muss jetzt handeln", sagte IG-Metall-NRW-Bezirksleiter Knut Giesler. Bei einem Verkauf des Stahlgeschäfts an Liberty drohe eine Zerschlagung von Thyssenkrupp Steel Europe und der Verlust vieler Arbeitsplätze.

"Wir brauchen keinen neuen Eigentümer, sondern zusätzliches Kapital und das hat Liberty auch nicht", sagte IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner. Eine Übernahme durch Liberty löse keines der Probleme.

Unterdessen hat der Chef des Liberty-Mutterkonzerns GFG Alliance, Sanjeev Gupta, in einer Telefonkonferenz Stellung bezogen: Alle beteiligten Parteien, auch Vertreter der Arbeitnehmer und der Politik, seien zu Gesprächen eingeladen. Seine Unternehmensgruppe habe in der Vergangenheit keine Transaktionen gegen die Gewerkschaften vorgenommen, betonte er. Er wolle bei einer Übernahme auch privates Geld investieren und sei ein langfristig orientierter Investor.

"Verkauf birgt hohes Potenzial"

ThyssenKrupp Steel beschäftigt rund 27.000 Mitarbeiter und schreibt hohe Verluste. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres wurde ein operatives Minus von rund 700 Millionen Euro eingefahren. Überkapazitäten auf den Stahlmärkten sowie ein Nachfrageeinbruch drücken aufs Geschäft. Die Aktie des einstigen Dax-Konzerns rutschte kontinuierlich ab. 2007 kostete sie noch fast das Zehnfache. Im vergangenen Jahr musste ThyssenKrupp daher den Dax verlassen.

Nach einer grauenvollen Aktienkursentwicklung von ThyssenKrupp, die das Chaos in dem Konzern widerspiegle, berge der Bericht über den Verkauf der Stahlsparte hohes Potenzial, hatte zuvor ein Aktienhändler die Spekulationen kommentiert. Ein Verkauf würde de facto bedeuten, dass sich ThyssenKrupp aufspalte, da bereits das Aufzuggeschäft veräußert sei und auch andere Bereiche noch zum Verkauf stünden.

Der Konkurrent Liberty Steel hat insgesamt mehr als 30.000 Mitarbeiter in Europa, Großbritannien, den USA und China und verfügt über eine Produktionskapazität von 18 Millionen Tonnen. Gegründet wurde das Unternehmen 1992 von Sanjeev Gupta. Er baute den Konzern auch durch Übernahmen aus, darunter Geschäfte von Tata Steel Europe sowie von ArcelorMittal.

ts