Wirecard Zentrale

Nach Bilanzskandal Letzter Akt im Wirecard-Drama?

Stand: 22.06.2020, 17:05 Uhr

Nach dem Eingeständnis des Vorstands, dass die vermissten 1,9 Milliarden Euro gar nicht existieren, ist die Wirecard-Aktie weiter im freien Fall. Während sich die Deutsche Börse in Schweigen hüllt, findet der BaFin-Chef klare Worte. Einem Vorstandsmitglied wurde jetzt fristlos gekündigt.

Auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt zeigte sich BaFin-Chef Felix Hufeld erschüttert und sprach von einem "totalen Desaster". Es sei eine Schande, dass so etwas wie bei Wirecard passiert sei. Private und öffentliche Institutionen, inklusive seiner eigenen Behörde, hätten versagt. "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern. Ich nehme die öffentliche Kritik voll und ganz an."

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing sprach auf der gleichen Veranstaltung von einem "ernsten Problem für die Aktienkultur und die Corporate Governance in Deutschland". Er forderte deshalb schnellstmöglich Transparenz. Die Münchner Staatsanwaltschaft wollte nicht sagen, ob sie die bereits laufenden Ermittlungen nun ausweitet. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", sagte eine Behördensprecherin lediglich.

Im Vormittagshandel war das Wirecard-Papier zeitweise um über 40 Prozent ab auf nur noch 13 Euro. Trotz einer leichten Erholung im weiteren Verlauf ist die Börsenkapitalisierung des Unternehmens nun auf unter zwei Milliarden Euro gesunken. Damit ist Wirecard inzwischen weniger wert als die meisten MDax-Unternehmen.

Zum Vergleich, der Pizzalieferant Delivery Hero bringt 18 Milliarden Euro auf die Waage und der ebenfalls im MDax notierte Aroma-Hersteller Symrise ist 13,5 Milliarden wert.

Vertrauen erschüttert

Mit dem erneuten Absturz des Wirecard-Papiers reagieren die Anleger auf das in der Nacht veröffentlichte Eingeständnis des Vorstands, dass die angeblich von einem Treuhänder verwalteten 1,9 Milliarden Euro aus der Jahresbilanz "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren. Ein für ein Dax-Unternehmen ungeheuerlicher Vorgang. Das Vertrauen der Anleger in Wirecard, die Finanzaufsicht BaFin sowie die Deutsche Börse dürfte dadurch tief erschüttert sein.

Jan Marsalek fristlos gekündigt

Am späten Nachmittag teilte das Unternehmen ad hoc mit, dass der Aufsichtsrat heute das Vorstandsmitglied Jan Marsalek, der am 18. Juni 2020 widerruflich bis zum 30. Juni freigestellt worden war, "mit sofortiger Wirkung abberufen und seinen Anstellungsvertrag außerordentlich gekündigt" habe. Der Österreicher und frühere COO gilt als Vertrauter des zurückgetretenen Unternehmenschefs Markus Braun.

Bald ein Scheintoter im Dax?

Nach dem Rauswurf der Lufthansa dürfte nun wohl der nächste Wechsel in der Zusammensetzung der ersten Börsenliga fällig werden. Zwar steht die nächste Index-Überprüfung der Deutschen Börse erst am 3. September an. Umgesetzt würde eine etwaige Änderung dann zum Montag, 21. September. Doch sollte der Frankfurter Börsenbetreiber bis dahin warten, geht er das Risiko ein, einen Scheintoten im Dax zu dulden.

So ist der Aktienkurs binnen weniger Tage um 90 Prozent eingebrochen. Die Ratingagentur Moody’s hat Wirecard die Kreditwürdigkeit komplett entzogen, nachdem sie das Unternehmen zuvor auf Ramschniveau herabgestuft wurde. Vertreter von Kleinaktionären sowie die Fondsgesellschaften DWS und Union Investment prüfen Klagen. Wirecard fühlt sich als Opfer eines gigantischen Betrugs und hat die auf Restrukturierungen und Sanierungen spezialisierte Investmentbank Houlihan Lokey um Hilfe gebeten.

Wer ist Houlihan Lokey?

Im Zusammenhang mit Wirecard tauchen auch immer wieder exotische Namen auf. Dazu gehört die Investmentbank Houlihan Lokey mit Sitz in Los Angeles. Das 1972 gegründete Unternehmen ist auf die Beratung von harten Restrukturierungs- und Sanierungsfällen spezialisiert und unterhält auch ein Büro in Frankfurt. Zu den bisherigen Beratungsfällen gehörten der Anbieter von Outdoor-Bekleidung Jack Wolfskin, das wegen eines Bilanzskandals ins Straucheln geratene Möbelhaus Steinhoff sowie die Hambuger Reederei Rickmers. Auch bei den Rekordinsolvenzen der US-Bank Lehman Brothers und dem gigantischen Bilanzbetrug des früheren US-Energiekonzerns Enron gehörte Houlihan Lokey zu den Beratern. Seit wenigen Wochen ist der ehemalige Bundesbankvorstand Andreas Dombret für Houlihan Lokey tätig. Ob es den Investmentbankern gelingt, Wirecard zu retten, bleibt abzuwarten. Nun sind erst einmal die Gläubigerbanken am Zuge. Stellen die ihre Kredite fällig, könnte es eng werden für den einstigen Hoffnungsträger.

Insolvenz nicht ausgeschlossen

Eine Insolvenz von Wirecard ist nämlich nicht ausgeschlossen. Da Wirecard keine testierte Bilanz vorweisen kann und jetzt auch noch einräumen muss, dass die angeblich verschwundenen 1,9 Milliarden aus der Bilanz offenbar nicht existieren, könnten die Institute unter Führung von Commerzbank, Landesbank Baden-Württemberg und den beiden niederländischen Großbanken ABN Amro und ING das Darlehen, das erst am Ende der Laufzeit inklusive Zinsen zurückgezahlt werden muss, sofort fällig stellen.

Deutsche Börse verweist auf Regelwerk

Gut möglich also, dass die Deutsche Börse schon in den nächsten Tagen reagieren muss. Zwar findet seit September 2016 der Auswahlprozess der Unternehmen in allen Indizes rein quantitativ und vollständig automatisiert statt.

Doch gibt es auch außerplanmäßige Gründe für das Ausscheiden aus einem der Indizes. Ist ein Unternehmen zum Beispiel insolvent, wird von einem anderen übernommen oder der Streubesitz fällt unter zehn Prozent, kann ein außerplanmäßiger Wechsel auch vor den quartalsweise fälligen Terminen stattfinden. Faktoren wie ein fehlendes Testat oder ein fehlender Jahresabschluss wie im Fall Wirecard gehören nicht dazu.

Keine konkreten Aussagen von Börse und DAI

Die Deutsche Börse selbst betrachtet sich als "neutrale" Instanz und wollte sich auf Anfrage von boerse.ARD.de nicht zu dem konkreten Fall Wirecard äußern. Ansonsten verweist sie auf das öffentlich zugängliche Regelwerk.

Ähnlich vorsichtig reagiert auch das Deutsche Aktieninstitut. Zwar betrachtet sich das DAI als Förderer der Aktienkultur hierzulande, doch zu dem konkreten Fall Wirecard will das Institut gegenüber boerse.ARD.de nichts sagen. Man wisse ja auch nur was in der Presse steht, so eine Sprecherin.

lg