Vier braune Eier und ein goldenes Ei

Im Bann der Corona-Krise Keine vorösterliche Ruhe an den Börsen

Stand: 05.04.2020, 12:10 Uhr

Ein winziges Virus versetzt die Welt in Angst und Schrecken. In den letzten sechs Wochen wurden rund 19 Billionen Euro an den Börsen vernichtet. Zwar hat sich die Lage inzwischen etwas beruhigt, aber für eine Entwarnung ist es zu früh. Auch in der Karwoche droht eine magere Kursentwicklung.

April, April, die Börse macht, was sie will! Auch der neue Monat hat sehr wechselhaft begonnen. In den ersten drei April-Tagen sackte der Dax um 400 Punkte ab und entfernte sich wieder von der runden Marke von 10.000 Zählern. Auf Wochensicht sah die Bilanz nicht ganz so düster aus: Der deutsche Leitindex verlor 1,1 Prozent. Seit Jahresbeginn summiert sich das Minus auf 30 Prozent. Mitte März stürzte der Dax gar bis auf 8.255 Punkte. Seither hat er sich um rund 15 Prozent erholt.

Nur eine "Bärenmarkt-Rally"?

"Die Lage an den Aktienmärkten hat sich zuletzt zwar etwas beruhigt, dabei handelt es sich vermutlich aber lediglich um eine Zwischenerholung", schreibt Analyst Markus Reinwand von der Helaba. Er sieht typische Merkmale einer "Bärenmarkt-Rally", in der auf einen starken Absturz zwischenzeitlich deutliche Erholungsbewegungen folgen, bevor es zu weiteren Kurseinbrüche kommt.

Aktienstratege Uwe Streich von der LBBW geht ebenfalls davon aus, "dass die Märkte ihren Boden noch nicht ganz gefunden haben". Marktexperte Jochen Stanzl von CMC Markets hält sogar "panikartige Zustände" wie in den ersten beiden März-Wochen "zeitnah für denkbar".

Angst lässt nach

Optimistischer ist Robert Halver von der Baader Bank. Der von CNN Business ermittelte Angst & Gier-Index signalisiere nachlassende extreme Angst. "Emotional scheint das Schlimmste hinter uns zu liegen", folgert Halver daher und hofft, dass den Börsen die zweite Verkaufswelle erspart bleibt. Auch Michael Jensen, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Moventum, zeichne sich eine Bodenbildung an den Märkten langsam ab. Für eine echte Trendwende sei es aber noch verfrüht. Diese käme erst, wenn die Zahl der Neuinfektionen sinken. Er zieht Parallelen zur Lungenkrankheit Sars 2002/2003. "Als die Infektionszahlen fielen, stiegen die Börsen wieder."

Danach sieht es momentan noch nicht aus. Während in China allmählich wieder Normalität einkehrt und auch in Europa die Zahl der Neuinfektionen abzunehmen scheint, verschärft sich zugleich die Lage in der weltgrößten Volkswirtschaft, den USA. Den Amerikanern stehen nach den Worten von Präsident Donald Trump "sehr schreckliche Zeiten" bevor. Die kommende Woche werde wahrscheinlich die härteste, sagte Trump am Samstag. In den USA wurden inzwischen mehr als 311.000 Coronavirus-Infektionen nachgewiesen, mehr als 8.300 Menschen starben. Die Zahl der festgestellten Infektionen hat weltweit die Marke von einer Million überschritten. Mehr als 1,19 Millionen Menschen sind nachweislich infiziert, mehr als 64.000 Menschen an Covid-19 gestorben.

US-Arbeitsmarkt droht größter Aderlass seit der Depression

Wie schlimm die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind, zeigten die jüngsten Arbeitsmarkt-Daten in den USA. Die Zahl der Arbeitslosenhilfe-Erstanträge in der vergangenen Woche kletterte auf das Rekordniveau von 6,65 Millionen. Im März wurden 701.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft abgebaut. "Der Job-Bericht lässt das Erdbeben und die Nachbeben, die den US-Arbeitsmarkt durchziehen, bereits erahnen", sagte Joe Brusuelas, Chefökonom beim Vermögensverwalter RSM. "Was wir momentan sehen, ist der größte Aderlass auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt seit der Großen Depression".

Das Schlimmste steht Experten zufolge aber noch bevor, da die Auswirkungen der Pandemie im März noch nicht vollständig erkennbar sind. "Der Arbeitsplatzabbau sieht noch harmlos aus im Vergleich zu dem, was noch vor uns liegt", sagte VP-Bank-Ökonom Thomas Gitzel. Die Analysten der US-Bank Morgan Stanley halten einen Einbruch der US-Wirtschaftsleistung um 38 Prozent im zweiten Quartal für möglich - das ist so viel wie seit dem Nachkriegsjahr 1946 nicht mehr.

Wenig neue Konjunkturdaten

Für etwas Aufschluss dürfen neue Konjunkturdaten - vor allem jene ab März – sorgen. Am Mittwochabend könnte das Sitzungsprotokoll des Offenmarktausschusses der US-Notenbank Hinweise zur US-Wirtschaftslage liefern. Am Donnerstag stehen neue Daten zu den wöchentlichen Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe auf der Agenda.

Am Montag werden die Daten zu den Auftragseingängen für die deutsche Industrie im Februar veröffentlicht. Diese "dürften die ersten Auswirkungen der Corona-Krise auf die deutsche Wirtschaft zeigen", erwartet Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank und verweist auf die schwächere Nachfrage aus China.

Diskussion um Corona-Bonds

Die Debatte um Eurobonds könnte in der Karwoche wieder neu angefacht werden. Auf der für Dienstag geplanten Telefonkonferenz der EU-Finanzminister wird es um gemeinsame europäische Anstrengungen zur finanziellen Bewältigung der Corona-Krise gehen. Die Gespräche dürften sich vor allem um Alternativen zu den von Frankreich, Italien und Spanien ins Spiel gebrachten Corona-Bonds drehen. Immer mehr Ökonomen befürchten eine neue Euro-Krise.

Zunehmend stellen sich Marktexperten darauf ein, dass die Wirtschaftserholung weltweit nicht wie zunächst erhofft V-förmig verlaufen dürfte, sondern eher langsamer - wie ein U. "Dies liegt vor allem daran, dass die globalen Absatzmärkte zeitversetzt betroffen sind", argumentiert Finanzchef Daniel Schär von der Weberbank. Während sich in China die Lage stabilisiert und die Industrie wieder produziert, sind die Märkte in Europa nahezu geschlossen und nun auch in den USA.

Rezession-Szenarien der Bundesregierung

Die Bundesregierung hat laut "Bild"-Zeitung intern vier Szenarien entwickelt. Im optimistischen Szenario würden die Kontaktsperren und Laden-Schließungen bis Ende April dauern und das BIP 2020 um vier Prozent zurückgehen. Das zweite Szenario sieht vor, dass das Virus bis Ende Mai eingedämmt werden würde, aber in der zweiten Jahreshälfte ausbrechen würde. Dann würde die Wirtschaft um elf Prozent schrumpfen.  Im schlimmsten, dem vierten Szenario würden die Ausgangsbeschränkungen bis Ende des Jahres verlängert und das BIP um 32 Prozent einbrechen.

Immer mehr Unternehmen sehen sich angesichts des allgemeinen "Shut Downs" gezwungen, ihre Ausblicke ad acta zu legen und etwaige Aktienrückkäufe zu stoppen - wie zuletzt die Münchener Rück. Zunehmend wird auch die Dividende gestrichen.

Wer streicht als nächster die Dividende?

Mindestens 14 Unternehmen aus Dax und MDax hätten bereits den Rotstift bei den Ausschüttungen angesetzt, hat Commerzbank-Analyst Markus Wallner ermittelt. Weitere dürften folgen, so wahrscheinlich Grenke, Ado Properties, Jenoptik oder Salzgitter, erwartet er. "Je länger wegen des Virus die Produktion stillstehen und die Nachfrage schwach sein wird, umso mehr Unternehmen des mittleren Segments wie Dürr, K+S oder Bilfinger sollten folgen, um benötigte Liquidität im Unternehmen zu halten", schreibt er.

In der verkürzten Karwoche könnte es weitere Gewinnwarnungen und Dividendenkürzungen von deutschen Unternehmen geben. Jahres- und Quartalszahlen stehen in den nächsten Tagen kaum noch an. Welche Überraschungen der Verpackungsspezialist Gerresheimer am Gründonnerstag bereit hält, wird sich zeigen. Das erste Quartal, über das das Unternehmen berichten wird, sollte indes noch keine Auswirkungen der Corona-Krise zeigen, erwarten Analysten.

Hoffen auf Förderkürzungen bei der Opec+-Sitzung

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
45,97
Differenz relativ
+2,57%

Entlastung könnte vom Ölmarkt kommen. Die Preise für das schwarze Gold haben seit Donnerstag massiv erholt, nachdem sie auf den tiefsten Stand seit fast 20 Jahren gefallen waren. Ausgerechnet US-Präsident Donald Trump weckte Hoffnung auf ein Ende des Preiskriegs zwischen Saudi-Arabien und Russland. Insidern zufolge will die "Opec+", zu der neben den Mitgliedern des Exportkartells weitere Förderländer wie Russland gehören, vor Ostern über eine Reduzierung der Fördermenge um zehn Millionen Barrel pro Tag beraten. Allerdings wurde offenbar die für Montag geplante Konferenz auf Donnerstag verschoben.

nb