Wirecard-Zentrale in Aschheim

Wer wusste von der bevorstehenden Pleite? Insider-Verdacht bei Wirecard

Stand: 14.07.2020, 08:45 Uhr

Merkwürdige Einträge in Börsenforen kurz vor dem Crash der Wirecard-Aktie, Millionengewinne für Hedgefondsmanager, die den Titel "leer" verkauften. Oder der "rechtzeitige" Ausstieg langjähriger Partner. Der Fall Wirecard wirft weitere Fragen auf, die die Börsenaufsicht und die Staatsanwalt beschäftigen.

Die Finanzaufsicht BaFin hat die Staatsanwaltschaft München über einen Insider-Verdacht beim kollabierten Zahlungsdienstleister Wirecard informiert. Eine Sprecherin der Behörde bestätigte am Montagabend einen entsprechenden "Handelsblatt"-Vorabbericht. Darin hatte es geheißen, problematisch sei unter anderem ein Post in einem Börsen-Forum. Acht Tage vor dem Wirecard-Crash habe darin ein Nutzer geschrieben, dass der Bilanzprüfer EY am 18. Juni nicht uneingeschränkt testieren werde.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München bekräftigte am Abend lediglich frühere Aussagen, dass es umfangreiche Ermittlungen gegen den ehemaligen Wirecard-Vorstandschef Markus Braun und weitere Beschuldigte gebe. Zur Frage, ob auch Insiderhandel dazu gehört, wollte sie sich nicht äußern.

"EY wird nicht testieren"

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Dem Handelsblatt liegen offenbar die inzwischen gelöschten Forumsbeiträge eines unbekannten Nutzers vor, der sehr detailliert über die Finanzströme von Wirecard Bescheid zu wissen schien. Er wies bereits am 10. Juni darauf hin, dass EY den Geschäftsbericht des Unternehmens "nicht uneingeschränkt testieren wird".

Laut der Zeitung gibt es aber noch weitere mögliche Verdachtsmomente für Insiderhandel. So hätten Leerverkäufer schon früh und massiv gegen die Wirecard-Aktie gewettet. Allein Chris Hohn von dem Hedgefonds TCI habe nach eigenen Aussagen rund 200 Millionen Dollar mit Short-Wetten erzielt.

Banken mit erstaunlichen Manövern

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Erstaunlich findet das Blatt auch den Rückzug der Deutschen Bank. Diese habe bereits im Herbst ihre Kredite an Wirecard "überdacht" und dann an andere Banken weitergereicht.

Nicht zuletzt wird darin auch auf Finanzvehikel hingewiesen, die Emittenten eigens aufgelegt haben, damit vor allem Privatanleger von dem erhofften Wiederaufstieg der Wirecard-Aktie profitieren konnten - der allerdings nie eintrat. Sowohl die französische BNP als auch die Schweizer Vontobel hatten Produkte emittiert, die dann beim weiteren Verfall der Wirecard-Aktie dramatisch an Wert verloren - zum Schaden der Anleger und Nutzen der Banken.

AB