TGV und ICE
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Deutsch-französische Zug-Ehe ICE und TGV auf Hochzeitsfahrt

Stand: 27.09.2017, 07:43 Uhr

Große deutsch-französische Firmenhochzeiten sind in der Vergangenheit oft gescheitert oder schlecht ausgegangen. Nun wagt Siemens einen neuen Anlauf mit Alstom. Die Zugsparten beider Konzerne sollen zusammengehen. Französische Politiker fürchten das Ende ihres Nationalsymbols.

"Wird der TGV deutsch?", fragte am Dienstag besorgt Eric Woerth von den konservativen Republikanern aus der Opposition. Bislang war der Hochgeschwindigkeitszug ein Stück des französischen Nationalstolzes. Denn der TGV ist der schnellste Zug in Europa und verkauft sich glänzend im Ausland.

Doch in jüngster Zeit hat der TGV seine absolute Vormachtstellung eingebüßt. Zwischen Stuttgart, Frankfurt und Paris fährt inzwischen auch der deutsche ICE entlang. Die deutsche und französische Bahn setzen beide Zugtypen auf bestimmten Schnellstrecken von Deutschland Richtung französische Hauptstadt ein.

Aufsichtsräte haben entschieden

Anja Kohl
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Megafusion im Bahngeschäft

Nun sollen ICE und TGV aus einer Hand kommen. Die Aufsichtsräte von Siemens und Alstom haben am Dienstagabend den Zusammenschluss der Zug-Sparten beider Unternehmen beschlossen - und damit die bereits vorab bekannt gewordenen Meldungen bestätigt.

Die Regierungen in Paris und Berlin standen von Anfang an hinter der Transaktion, hieß es in Verhandlungskreisen. Siemens hatte lange auch mit Bombardier über einen Zusammenschluss gesprochen, aber in letzter Minute Zweifel an der finanziellen Stabilität der Kanadier bekommen.

Starker europäischer Player gegen die neue Macht aus China

Durch die Fusion entsteht eine starke Nummer zwei auf dem Weltmarkt für Züge, nachdem China aus zwei Unternehmen mit CRRC die unangefochtene Nummer eins geschmiedet hat. Siemens-Chef Joe Kaeser wirbt seit Monaten darum, dem chinesischen Zugriesen einen starken Rivalen entgegenzusetzen. CRRC drängt massiv auf den Weltmarkt. Mit einem Umsatz von umgerechnet 30 Milliarden Euro ist er doppelt so groß wie eine fusionierte Siemens-Alstom, die auf 15 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 60.000 Beschäftigte käme.

Den Angaben zufolge soll die Zug-Sparte Siemens Mobility auf Alstom verschmolzen werden. Siemens soll an dem fusionierten Konzern 50 Prozent plus eine Aktie halten. Dafür stellen die Franzosen den Vorstandschef. Das neue Unternehmen soll an der französischen Börse notiert sein. Die Konzerne versprechen sich spätestens im vierten Jahr nach Abschluss des Geschäfts Einspareffekte von 470 Millionen Euro. Die Geschäftsaktivitäten von Siemens und Alstom ergänzten sich weitgehend, hieß es. Trotzdem kam in der französischen Politik Angst vor einem "Ausverkauf von Alstom" auf.

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Börse 6.00 Uhr: Siemens und Alstom besiegeln Ehe in der Zugsparte

"Dieser deutsch-französische Zusammenschluss unter Gleichen sendet in vielerlei Hinsicht ein starkes Signal", sagte Siemens-Chef Joe Kaeser der Mitteilung zufolge. "Wir setzen die europäische Idee in die Tat um und schaffen gemeinsam mit unseren Freunden bei Alstom auf lange Sicht einen neuen europäischen Champion der Eisenbahnindustrie."

Vierjährige Arbeitsplatzgarantie

Im Zuge der Fusionsentscheidungen einigten sich Unternehmen und Arbeitnehmervertreter auch auf Standortgarantien für vier Jahre, auf einen Kündigungsverzicht für mindestens vier Jahre sowie auf den Erhalt der Mitbestimmung und die Absicherung der Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in Deutschland und Frankreich, wie die IG Metall mitteilte.

Kaeser zeigte sich zuversichtlich, die Zustimmung der Kartellbehörden für eine Fusion seiner Zug-Sparte zu bekommen - ohne den Namen eines möglichen Partners zu nennen: "Es gibt nun mal einen dominierenden Spieler." Nennenswerte Arbeitsplatzverluste seien jedenfalls nicht zu befürchten, von einigen Verwaltungsposten abgesehen.

Sonderdividende für die Alstom-Aktionäre

Alstom hat nach dem Verkauf seiner Energietechnik-Sparte an den Siemens-Rivalen GE überschüssiges Geld auf der hohen Kante. Damit der französische Partner und die Siemens-Sparte bei einem Zusammenschluss in etwa gleich viel wert sind, soll ein Teil davon in Form einer Sonderdividende an die Alstom-Aktionäre ausgeschüttet werden, wie Insider sagten. Größter Nutznießer davon wäre der Bau- und Medienkonzern Bouygues, der 28 Prozent an Alstom hält. Ob er nach der Fusion aussteigt, ist offen. Die Beteiligung gilt für Bouygues als nicht strategisch.

Während Siemens vor der deutsch-französischen Zugehe steht, erwägt der deutsche Konzern einen Ausstieg aus einem anderen deutsch-französischen Joint-Venture. Die Münchner hätten sich eine Ausstiegsklausel für das 2016 mit dem französischen Autozulieferer Valeo gegründete Gemeinschaftsunternehmen zum Bau von Elektromotoren gesichert, berichtete das "Handelsblatt". In dem Fall könnte Valeo ab Dezember 2021 eine Kaufoption auf die Hälfte der Anteile am Joint Venture ausüben.

Wenig erfolgreiche deutsch-französische Fusionen

Zu den erfolgreichsten deutsch-französischen Fusionen zählt Airbus. Dagegen erwies sich der Zusammenschluss von Hoechst und Rhone-Poulenc zu Aventis als Fehlgriff. Die Chemiesparten wurden abgetrennt. Aventis fusionierte mit der kleineren französischen Sanofi und heißt heute nur noch Sanofi. Die Franzosen haben inzwischen das Sagen.

Andere deutsch-französische Fusionsvorhaben scheiterten. Die Deutsche Börse konnte sich mit der Pariser Euronext-Börse nicht auf einen Zusammenschluss einigen. Und in der Telekommunikationsbranche platzte der Versuch, die France Télécom und die Deutsche Telekom zusammenzubringen.

nb

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