Börsenhändlerin, Frankfurt

Ausblick aufs zweite Halbjahr Holt die Realität die Börsen wieder ein?

von Notker Blechner

Stand: 01.07.2020, 06:45 Uhr

Pleitewelle, Massenarbeitslosigkeit, schlimmste Rezession seit 1929 - das alles scheint die Börse inzwischen kaum noch zu stören. Sie ist der Realwirtschaft enteilt und hat einen Teil der Crash-Verluste wieder gutgemacht. Geht die Erholung im zweiten Halbjahr so weiter? Oder droht die zweite (Verkaufs-)Welle?

Gerade mal dreieinhalb Monate ist es her, da herrschte an den Aktienmärkten noch blanke Panik. Die Aktienmärkte sackten weltweit in einem atemberaubenden Tempo ab. Vom 20. Februar bis 18. März krachte der Dow um fast 40 Prozent nach unten, der Dax brach um 5.000 Punkte ein und erreichte sein Mehrjahrestief bei 8.256 Punkten.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.930,98
Differenz relativ
+1,84%

Seither ging es wieder aufwärts - und das fast genau so rasant! Trotz mehrwöchiger Lockdowns, Schreckensbildern von Massenbegräbnissen und inzwischen über 40 Millionen Arbeitslosen in den USA haben die Börsen einen Großteil ihrer Verluste seit dem Corona-Crash wieder aufgeholt. Der Dax machte gut 50 Prozent wieder gut. Die Nasdaq kletterte gar auf ein Rekordhoch. 

Geldflut der Notenbanken und Regierungen stützt die Kurse

Sind die Börsianer verrückt? Haben sie die Realität aus den Augen verloren? Nein. Die billionenschweren Geldspritzen der Notenbanken und Konjunkturprogramme in vielen Ländern machten den Anlegern Hoffnung, dass die Krise bald überwunden sei. "Die Dimension der Anleihekaufprogramme und Konjunkturpakete ist einzigartig", sagt Sonja Laud, Chefanlegerin von Legal & General Investment Management. Sie sichern die Kurse gewissermaßen nach unten ab.

Dr. Jens Ehrhardt

Dr. Jens Ehrhardt. | Bildquelle: Imago

Die Börse denke viele Monate voraus und könnte eine erhoffte Konjunkturerholung vorwegnehmen, mutmaßt Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. "Anleger und die Aktienmärkte sind der Konjunktur immer einen Schritt voraus", meinen auch die Experten der Schoeller Bank. Erste Hoffnungssignale lieferten zuletzt konjunkturelle Frühindikatoren und robuste Daten aus China. An der Börse wird momentan eine "V"-förmige Erholung eingepreist - das heißt: sie rechnet damit, dass die Wirtschaft 2021 ähnlich kraftvoll zulegt wie sie 2020 einbrechen wird.

Optimisten vergleichen die Situation mit einem ultralangen Wochenende. So wie die Angestellten nach einer langen Pause in die Büros zurückkommen und wieder so arbeiten wie vorher, so würde die Wirtschaft nach dem Einbruch im ersten Halbjahr rasch wieder in die Normalität zurückkehren.

Corona-Krise nur zeitlich begrenzt

Folker Hellmeyer

Folker Hellmeyer. | Bildquelle: Unternehmen

Ob dieses Kalkül aufgeht, wird das zweite Halbjahr zeigen. Folker Hellmeyer, Chefanalyst des Vermögensverwalters Solvecon-Invest, ist überzeugt, dass es in den nächsten Monaten rasch wieder aufwärts geht. Denn anders als die Finanz- und Dotcom-Krise komme die Corona-Krise nicht aus der Wirtschaft. "Wir haben es mit einer administrativ herbeigeführten Rezession zu tun", sagte er in "Focus Money". Sie wurde verfügt - wie eine Vollbremsung in voller Fahrt. Solche exogen ausgelöste Krisen seien immer zeitlich begrenzt. "Wir können relativ schnell wieder aus der Krise herauskommen", glaubt Hellmeyer.

Manche Börsenprofis sehen das Auseinanderklaffen der Wirtschaftsrealität und der Börsenstimmung sogar als Kaufsignal. Thorsten Riedel, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Grün Fisher, interpretiert die Diskrepanz zwischen Wirtschaftsdaten und Aktienkursen als Zeichen eines Bullenmarkts, also eines Aufwärtstrends am Aktienmarkt.

"Zu viel Optimismus!"

Diese Euphorie teilen viele Anlagestrategen und Investoren nicht. "Kurzfristig zeigt der Aktienmarkt zu viel Optimismus", meint Joachim Schallmayer, oberster Kapitalmarktstratege der Sparkassenfondstochter Deka. In den kommenden Wochen rechnet er mit Ernüchterung unter den Investoren und Kursrücksetzern beim Dax bis auf 10.500 Punkte.

Stefan Kreuzkamp, Anlagestratege DWS

Stefan Kreuzkamp. | Bildquelle: Unternehmen

Auch Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, drückt auf die Euphoriebremse. Er hält das Kurspotenzial für Dax & Co ausgereizt. Denn eine schnelle Rückkehr der Weltwirtschaft auf das Niveau von vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie werde es nicht geben, warnt Kreuzkamp. Er geht nicht davon aus, dass bereits Anfang 2021 ein Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung stehen werde. Insofern seien weitere Corona-Wellen und folglich auch Rücksetzer an den Aktienmärkten zu erwarten. Auf die tiefe Rezession in diesem Jahr werde eine moderate Erholung 2021 folgen.

Zu schnelle Erholung?

"Wir sind überrascht, wie schnell die Kapitalmärkte aktuell die Krise abzuhaken scheinen", sagt Uwe Streich, Aktienmarktstratege der LBBW. In früheren großen Krisen habe es dagegen viele Monate, wenn nicht gar Jahre gedauert, bis der Tiefpunkt an den Aktienmärkten nachhaltig durchschritten worden sei. Diesmal war der Bärenmarkt, also der Abwärtstrend an den Börsen, schon nach zwei Monaten vorbei.

Carsten Klude, M. M. Warburg

Carsten Klude, M. M. Warburg. | Bildquelle: M.M.Warburg & CO

Vor allem bei den Gewinnschätzungen für die Unternehmen scheinen viele Analysten noch zu optimistisch. Sie rechnen im Schnitt mit einem Gewinneinbruch von rund einem Viertel. Solche Schätzungen seien aber viel zu positiv, kritisiert Carsten Klude, Chefökonom von MM Warburg. In früheren Rezessionen seien die Erträge um 40 bis 60 Prozent eingebrochen. Diesmal könnte es schlimmer kommen. Christian Kahler, Chefanlagestratege der DZ Bank, prophezeit für die Dax-Konzerne einen Gewinnrückgang um 50 bis 80 Prozent.

Wie katastrophal die Situation ist, illustrieren die Firmenbilanzen der ersten drei Monate 2020. Die größten deutschen Konzerne verdienten im ersten Quartal rund 40 Prozent weniger - und das, obwohl Corona erst im März für tiefe Einschnitte sorgte. Im zweiten Quartal dürfte der Gewinn noch stärker einbrechen. Wie viel sich im zweiten Halbjahr noch aufholen lässt, ist unklar.

Eher U als V?

Grafik aus VUWL-Buchstaben

VUWL. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Viele Aktienstrategen sagen eher eine U-förmige als eine V-förmige Erholung voraus. Das hat die Börse noch nicht eingepreist. Das schlimmste Szenario klammern die Anleger ohnehin noch aus, eine mögliche zweite Welle bei den Corona-Neuinfektionen. Träte dies ein - wenn dann wohl eher im Herbst oder im Winter -, könnten die Börsen nochmals die alten Tiefstände vom März testen. Ein zweiter Crash wäre dann wohl unvermeidbar. Allerdings ist fraglich, ob ein erneuter Lockdown so drastisch wäre wie im März und April.

Außer Corona ging es noch andere Themen, die im zweiten Halbjahr wieder in den Blickpunkt rücken könnten. Zum Beispiel der Handelsstreit zwischen China und den USA. Er könnte wieder hochkochen, je näher die US-Präsidentschaftswahlen heranrücken. Aber mit einer totalen Eskalation des Konflikts rechnet kaum jemand.

Biden-Sieg bei US-Wahlen würde Märkte verunsichern

Donald Trump

Donald Trump. | Bildquelle: picture alliance / UPI Photo


Spannung an den Märkten verspricht die US-Wahl im November. Sollte Präsident Donald Trump tatsächlich abgewählt werden - worauf jüngste Umfragen hindeuten -, könnte es kurzfristig einen Rücksetzer an den Märkten geben an der Wall Street. Zwar gilt Trumps Gegner Joe Biden als politisch moderat und dürfte die Beziehungen zu China deeskalieren, aber er könnte die Unternehmen stärker belasten als Trump dies tat. Experten warnen, dass Demokraten dann die Steuerreform zurücknehmen könnten. "Trump ist der Favorit der Börse", sagt Blackrock-Kapitalmarktstratege Martin Lück. Biden bedeute für die Märkte wohl mehr Ungewissheit, meint er.


Ob Biden oder Trump - an den Börsen dürfte es in den nächsten Monaten wohl volatiler werden. Darin sind sich die meisten Anlagestrategen einig. Zumal  jetzt saisonal auch die schwächste Zeit des Börsenjahres ansteht. Von Mai bis Ende Oktober läuft es statistisch gesehen schlechter als zum Ende und Anfang des Jahres.