Wirecard-Zentrale in Aschheim

Bilanzen seit 2015 aufgebläht Haftbefehle gegen drei Wirecard-Ex-Vorstände

Stand: 22.07.2020, 16:30 Uhr

Der Verdacht auf systematische Bilanzfälschung bei Wirecard hat sich erhärtet: Nach Erkenntnissen der Münchner Staatsanwaltschaft hätten Ex-Chef Markus Braun und andere Manager ab 2015 beschlossen, die Bilanz aufzublähen. Drei wurden nun festgenommen.

Es könnte tatsächlich der größte Bilanzskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte sein. Offenbar dank der umfassenden Aussage eines Kronzeugen hat die Staatsanwaltschaft das Kartenhaus von Wirecard aufgedeckt. Beim insolventen Zahlungsabwickler seien laut den Ermittlern bereits seit fünf Jahren systematisch Bilanzen gefälscht und Umsätze aufgebläht worden.

Auch Ex-Chef Braun muss wieder in Haft

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Der ehemalige Vorstandschef Markus Braun, der damalige Finanzvorstand Burkhard Ley und andere Wirecard-Manager hätten sich dazu schon 2015 entschlossen, sagte eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde am Mittwoch in München. Sie wollten damit verschleiern, dass das Unternehmen im tatsächlich vorhandenen Geschäft Verluste schrieb, wie die Staatsanwaltschaft erklärte. "In Wirklichkeit war den Beschuldigten spätestens seit Ende 2015 klar, dass der Wirecard-Konzern mit den tatsächlichen Geschäften insgesamt Verluste erzielte", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Den Schaden für Banken und andere Investoren beziffern die Ermittler auf 3,2 Milliarden Euro - das Volumen der Kredite, die Wirecard auf Basis der gefälschten Zahlen erhalten hatte. Für sie und die übrigen Gläubiger werde nicht viel übrig bleiben, meinten die Ermittler.

Markus Braun, Wirecard

Markus Braun, Wirecard. | Bildquelle: picture alliance / Lino Mirgeler / dpa

Nach den neuen Erkenntnissen im Fall Wirecard hat die Münchner Staatsanwaltschaft am Nachmittag drei Haftbefehle gegen frühere Führungskräfte gestellt. Dabei gehe es unter anderem um gewerbsmäßigen Bandenbetrug und Marktmanipulation in mehreren Fällen, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. So kommt Ex-Chef Braun, der vor einem Monat zunächst auf Kaution freigekommen war, nach dem Bekanntwerden der weiteren Vorwürfe nun erneut in Untersuchungshaft. Auch Ex-Finanzvorstand Ley sowie der damalige Chef-Buchhalter (Chief Accounting Officer) wurden in München festgenommen. In allen Fällen sei die Haftfortdauer angeordnet worden, sagte die Sprecherin. Noch in Untersuchungshaft befindet sich der frühere Chef der Wirecard-Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East in Dubai.

Drittpartnergeschäft angeblich größtenteils erfunden

Wirecard mit Sitz in Aschheim bei München hatte vor dem Insolvenzantrag eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten verbucht waren, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existieren. Bei diesen 1,9 Milliarden Euro handelte es sich um die angeblichen Erträge von Geschäfte mit Subunternehmern, die für Wirecard Kreditkartenzahlungen in Südostasien und im Mittleren Osten abwickelten. Nach derzeitigem Stand war dieses Drittpartnergeschäft entweder in Gänze oder zum allergrößten Teil erdichtet.

Von den insgesamt 45 Tochtergesellschaften der Muttergesellschaft Wirecard gab es überhaupt nur drei, die nennenswert profitabel waren. Über die Cardsystems in Dubai liefen die mutmaßlichen Scheingeschäfte, diese Firma steuerte 2018 mit 237 Millionen einen großen Anteil des Wirecard-Gewinns bei.

"Korpsgeist und Treueschwüre gegenüber dem Chef"

Die Staatsanwälte rätseln noch, wie der Betrug so lange unentdeckt geblieben sein konnte, obwohl die Wirtschaftszeitung "Financial Times" und andere seit Jahren über Unregelmäßigkeiten berichtet hatten. Dort waren auch früh Zweifel an der Existenz der Partnerfirmen geschürt worden. Vor zwei Jahren war Wirecard in den Dax aufgestiegen, zeitweise war das Unternehmen fast 25 Milliarden Euro wert und galt in der Finanztechnologie als deutsches Aushängeschild. "In Vernehmungen wird von einem streng hierarchischen System, geprägt von Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden als Führungsperson berichtet", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München.

Die Wirecard-Aktien drehten nach den drei Festnahmen kurze Zeit ins Minus, erholen sich nun aber. Eine Stunde vor Xetra-Schluss notieren sie 0,7 Prozent höher.

Insolvenzverwalter will Wirecard-Kern verkaufen

Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffe versucht das existierende Kerngeschäft und die Wirecard Bank Insidern zufolge als Ganzes zu verkaufen. Die von der Finanzaufsicht BaFin beaufsichtigte und abgeschirmte Bank-Tochter solle zusammen mit der zugehörigen Technik des Zahlungsabwicklers angeboten werden, sagten zwei Insider. Eine Schließung der Wirecard Bank oder ein Zahlungsverbot (Moratorium) durch die BaFin seien kein Thema mehr, hieß es.

Beim Verkauf des US-Geschäfts ist Wirecard schon einen Schritt weiter. Die Investmentbank Moelis & Co erwartet bis Freitag die ersten Gebote für die ehemalige Citi Prepaid Card Services, die Wirecard 2016 gekauft hatte, wie ein Insider sagte. Der Verkauf sei eilig, weil die Kunden angesichts der Schlagzeilen um die insolvente Mutter abzuspringen drohten. Das Unternehmen ähnle einem "schmelzenden Eiswürfel", sagte einer der Insider. Interesse wird hauptsächlich Finanzinvestoren nachgesagt, Banker veranschlagen den Wert des US-Geschäfts auf 100 Millionen Euro.

nb/rtr/dpa-AFX