Gute Aussichten für weitere Kursgewinne Hält das Börsen-Sommerhoch an?

Stand: 19.07.2020, 11:46 Uhr

Die Aktienmärkte sind offenbar gegen Corona immun. Trotz Rekord-Infektionszahlen steigen Dax & Co immer weiter und haben die Crash-Verluste fast wieder wettgemacht. Sollte die Berichtssaison weiter so gut laufen wie bisher, könnte die Rally in den kommenden Tagen weitergehen.

Normalerweise tun sich die Börsen in den Sommermonaten eher schwer und kommen kaum voran. Doch in diesem Jahr scheint es anders zu sein. Seit Juni hat der Dax inzwischen fast zwölf Prozent gewonnen. Alleine im Juli beträgt das Kursplus gut fünf Prozent. Mitte der vergangenen Woche kletterte der deutsche Leitindex auf den höchsten Stand seit dem Corona-Crash und scheiterte nur hauchdünn an der runden Marke von 13.000 Punkten. Da verblasste selbst der "große Bruder des Dax", der Dow. Er hat seit Anfang Juni lediglich fünf Prozent zugelegt. Nur die technologielastige Nasdaq 100 konnte mithalten. Sie stieg im selben Zeitraum um gut elf Prozent und kletterte von einem Rekordhoch zum nächsten.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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27.690,46
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Nasdaq 100: Kursverlauf am Börsenplatz NASDAQ Indizes für den Zeitraum Intraday
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11.504,52
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Notenbank-Geldflut "immunisiert" die Börsen

Grund für den unglaublichen Börsen-Höhenflug sind die Billionen, die von den Notenbanken und auch Regierungen in die Märkte gepumpt werden. "Die durch die extrem expansive Notenbankpolitik und begleitende Regierungsmaßnahmen geschaffene Immunisierung der Aktienmärkte gegenüber den realen Folgen der Pandemie ist unverändert erfolgreich", meint Analyst Frank Wohlgemuth von der National-Bank in Essen.

Die Rally werde bislang von ausländischen Investoren getragen, mutmaßt Anlage-Experte Joachim Goldberg von der Beratungsfirma Goldberg und Goldberg. Bei den heimischen institutionellen Anlegern rechne dagegen fast die Hälfte mit fallenden Kursen. Sobald dieser Pessimismus verschwinde, werde der Dax frischen Rückenwind spüren.

V- oder eher U-förmige Erholung?

V-förmiger Kursverlauf auf der Kurstafel, Börse Frankfurt

V-Kurs. | Bildquelle: picture alliance / Frank Rumpenhorst / dpa

Immer noch setzt die Mehrheit der Anleger auf eine rasche V-förmige Erholung der Wirtschaft. Nicht so optimistisch sind die meisten Fondsmanager. Laut der jüngsten Umfrage der Bank of America halten sie eher einen U-förmigen Verlauf für wahrscheinlich. Daran glauben 44 Prozent der Börsenprofis. Nur noch 14 Prozent der Fondsmanager rechnen mit einer Erholung im V-Modus.

Über die Hälfte der Fondsmanager (52 Prozent) sieht immer noch eine zweite Corona-Welle als größtes Risiko. Tatsächlich ist die erste Welle noch immer nicht an ihrem Zenit angelangt. Bei den Infektionen wurde inzwischen die Schwelle von 14 Millionen überschritten. Damit nahm die Zahl erstmals in weniger als 100 Stunden um eine Million zu. Die Zahl der Todesfälle liegt demnach bei 590.000 und damit etwa in der Größenordnung der jährlich gemeldeten Grippetodesfälle.

"Pandemie zu früh abgehakt"

Aus den USA wurden zuletzt über 70.000 täglich neue Infektionen gemeldet. Der US-Gesundheitsexperte Anthony Fauci hatte vor kurzem davor gewarnt, dass die USA die Schwelle von 100.000 täglichen Neuinfizierten mit dem Coronavirus überschreiten könnten, sollten die Amerikaner keine Masken tragen und keinen Mindestabstand halten. Wegen der steigenden Corona-Infektionen droht der US-Wirtschaft ein Rückschlag. Manfred Schlumberger, Chef-Portfoliomanager des Vermögensverwalters Starcapital "fragt sich, ob die Börse die Pandemie zu früh abgehakt hat".

Als weiteres Damoklesschwert über den Börsen schweben die wachsenden Spannungen zwischen den USA und China. Um das Sicherheitsgesetz für Hongkong, die Vorherrschafts-Ansprüche im Südchinesischen Meer, den Schutz der uigurischen Minderheit in China und andere Themen gibt es heftige Kontroversen zwischen den beiden Ländern. Manche Volkswirte und Anlagestrategen befürchten, dass der Konflikt bald auch wieder den Handelsstreit aufflammen lassen könnte. Zumal US-Präsident Donald Trump den Druck auf das Reich der Mitte vor der Präsidentschaftswahl noch einmal verstärken dürfte.

EU-Gipfel geht in die Verlängerung

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
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Am Montag dürften die Anleger zunächst einmal den EU-Gipfel im Blick haben. Am Wochenende wurde heftig um den 750 Milliarden schweren Wiederaufbaufonds gestritten. Bis Sonntagnachmittag war noch keine Einigung in Sicht. Die "sparsamen Vier" - Österreich, Schweden, Dänemark und den Niederlanden - monierten, dass ein Großteil des Geldes aus dem Corona-Plan als Zuschuss an Krisenländer verteilt werden soll. Zuletzt wurde vor allem der niederländische Regierungschef Mark Rutte von Kollegen als Blockierer kritisiert. In der Nacht zu Sonntag hatten Merkel und Macron nach Angaben mehrerer EU-Diplomaten Gespräche in kleineren Gruppen verärgert abgebrochen, weil Rutte zu wenig Bereitschaft zu Kompromissen zeigte. Er beharrt auf ein Vetorecht und stärkere Reformauflagen beim Corona-Aufbaufonds.

Ein Scheitern des Gipfels wäre nach Ansicht von manchen Börsenprofis ein "verheerendes Signal", denn der Wiederaufbaufonds sei längst in die Kurse eingepreist. Jede Verzögerung könne zu unmittelbaren Kursverlusten führen.

Steigt die Kauflaune der deutschen Verbraucher?

GfK-Konsumklimaindex: -9,6

GfK-Konsumklimaindex. | Bildquelle: GfK, Grafik: boerse.ARD.de

Neue Konjunkturdaten in der kommenden Woche dürften Aufschluss geben, wie es um die europäische Wirtschaft steht. Am Freitag werden die Einkaufsmanager-Indizes für den Monat Juli  veröffentlicht. Die Werte dürften Experten zufolge in Deutschland wieder näher an die Expansionsschwelle heranrücken und im Falle des Euroraums sogar überschreiten. Am Donnerstag gibt das deutsche Konsumklima Auskunft über die Kauflaune der deutschen Verbraucher. Ökonomen rechnen mit einem Anstieg des GfK-Konsumklimas.

Tech-Berichtssaison läuft an

Neue Impulse könnte die Berichtssaison geben. Mehrere Tech-Riesen öffnen ihre Bücher. Am Montag legt IBM seine Zahlen vor, im Laufe der Woche folgen Microsoft und Intel. Laut der Prognose der DZ Bank dürften die Gewinne der US-Unternehmen im zweiten Quartal um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken sein. Zuletzt hatten die US-Großbanken mehrheitlich positiv überrascht. Dank des Anleihebooms konnten sie die Rückstellungen für Kreditausfälle teilweise kompensieren. Einen ersten Anhaltspunkt für den Zustand der europäischen Banken im zweiten Quartal liefert die Schweizer UBS, die am Dienstag ihre Bilanz enthüllt.

Covestro: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
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-2,77%

In Deutschland läuft die Bilanzsaison nur schleppend an. Am Donnerstag veröffentlichen der Kunststoffhersteller Covestro und der Autobauer Daimler ihre endgültigen Zahlen. Aus der zweiten Börsenreihe stehen die Bilanzen von Aixtron und der Software AG auf der Agenda.

nb