GrenkeLeasing-Stammhaus in Baden-Baden
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Vorwurf der Bilanzaufblähung Attacke gegen Grenke - BaFin ermittelt

Stand: 16.09.2020, 17:45 Uhr

Erst Wirecard, jetzt Grenke: Erneut hat der gefürchtete britische "Shortseller" Fraser Perring eine Attacke gegen einen deutschen Finanzdienstleister gestartet. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Leasingfirma Grenke aus Baden-Baden. Diese wehrt sich. Doch die Aktie sackte im freien Fall ab.

Konkret wirft der unter dem Namen "Viceroy Research" auftretende Investor Fraser Perring dem Anbieter von Leasing und anderen Finanzdienstleistungen vor, die Bilanz aufgebläht und zu hohe Gewinne und Kassenbestände ausgewiesen zu haben. Grenke habe Unternehmen überteuert von verbundenen Firmen gekauft. Der Konzern setze für zugekaufte Firmen in der Bilanz zu hohe Werte an und halte somit Gewinne künstlich hoch.

Grenke weist Vorwürfe zurück

Grenke hat den Vorwurf der Bilanzfälschung zurückgewiesen. Der fragliche Bericht der US-Investorengruppe Viceroy Research enthalte "Unterstellungen, die Grenke auf das Schärfste zurückweist", teilte die im MDax notierte Gesellschaft am Dienstagabend in Baden-Baden mit.

ARD-Börsenstudio: Jan Plate
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Börse 05:50 Uhr Baden Badener Grenke das neue Wirecard?

"Ein zentraler Vorwurf lautet, dass von den im Halbjahresfinanzbericht 2020 ausgewiesenen 1078 Millionen Euro liquiden Mitteln ein substanzieller Anteil nicht existiere. Dies ist nachweislich falsch", stellte Grenke fest. "849 Millionen Euro, also fast 80 Prozent der liquiden Mittel, befanden sich Ende Juni auf Konten der Deutschen Bundesbank, wie im Halbjahresfinanzbericht veröffentlicht. Per heute beträgt das Guthaben bei der Bundesbank 761 Millionen Euro", hieß es weiter.

Aktien sacken auf Fünfjahres-Tief

Die Grenke-Aktien setzten am Mittwoch ihre Talfahrt trotzdem fort. Sie verloren dramatisch um 40 Prozent und notieren damit auf dem tiefsten Stand seit fünf Jahren. Seit Montagabend brach der Kurs damit um rund die Hälfte ein - damit hat sich der Börsenwert von Grenke um mehr als eine Milliarde Euro verringert. Anleger trieb nach Meinung von Börsianern vor allem die Sorge vor einem zweiten Fall Wirecard um. "Bei Investoren überwiegt die Angst, nach dem Wirecard-Skandal erneut auf eine kuriose Buchhaltung hereinzufallen", sagte ein Händler.

Perring hatte bereits 2016 für Trubel am deutschen Aktienmarkt gesorgt, als er dem inzwischen kollabierten Zahlungsabwickler Wirecard Bilanzfälschung vorwarf und gleichzeitig auf fallende Kurse wettete.

Grenke : Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
33,14
Differenz relativ
+7,25%

Die Attacke von Viceroy Research sei vom Zeitpunkt her perfekt gewesen und gut vorbereitet worden, schrieb Warburg-Analyst Marius Fuhrberg in einer am Mittwoch vorliegenden Studie. Auch wenn sich einige der Anschuldigungen kaum beweisen lassen dürften, müsse das Unternehmen vieles klar stellen, was kurzfristig kaum möglich sein dürfte. Es sei nicht zu leugnen, dass sowohl die Unternehmensstruktur als auch die Bilanz komplex und verwirrend erscheine. Der Experte bleibt aber vorerst bei seinem Kaufvotum für das Papier, solange es hier noch keine Klärung gebe.

Leerverkäufer war bereits bei Wirecard aktiv

Auch bei Grenke setzt Perring nun mit geliehenen Aktien auf einen Kurssturz. Das erklärte er selbst in dem veröffentlichten Dokument, das seine Firma "Viceroy Research" verfasst hat. Bei Wirecard war Perring damals noch unter dem Pseudonym "Zatarra" aufgetreten.

Der "Spiegel" berichtet auf seiner Internetseite, Perring habe seine Kritik Anfang August bei der Finanzaufsicht BaFin schriftlich hinterlegt und die Behörde aufgefordert, bei Grenke zu ermitteln. Eine Antwort habe er bisher nicht erhalten.

Die Bonner Behörde erklärte, sie habe bisher kein Schreiben oder E-Mail von Perring erhalten. Die in dem Report erhobenen Vorwürfe untersuche sie auf Marktmissbrauch. Dazu analysiere sie mögliche Marktmanipulationsvorwürfe durch die Grenke AG durch Dritte - etwa in Form einer Leerverkaufsattacke sowie mutmaßlicher Insiderhandel vor Erscheinen des Dokuments. Auch die Bilanzkontrolleure der DPR schauen sich die Vorgänge bei Grenke genauer an.

Leerverkäufe sind gängiges Mittel

Leerverkäufe sind an der Börse ein gängiges Mittel. Experten halten sie sogar für ein wichtiges Instrument, damit die Aktienmärkte besser funktionieren. Bei dieser Art des Handels verkaufen Investoren Wertpapiere, die sie sich zuvor gegen eine Gebühr von anderen Marktteilnehmern geliehen haben.

Sinkt der Aktienkurs bis zum Rückgabe-Datum, können sie sich am Markt billiger mit den Titeln eindecken und streichen die Differenz ein. Steigt der Kurs, droht den Leerverkäufern ein Verlust. Die BaFin hatte Anfang 2019 zeitweise Leerverkäufe für Wirecard-Aktien verboten und sich damit viel Kritik eingehandelt.

rtr/lg/ nb/rm