Aufsteigender Loon-Ballon

Gewinneinbruch Google und die ominösen Anderen

von Angela Göpfert

Stand: 28.10.2019, 21:30 Uhr

Die Google-Mutter Alphabet hat im dritten Quartal einen Gewinneinbruch erlitten. Das liegt auch an den "anderen Wetten", die Alphabet etwa auf selbstfahrende Autos und Internet per Gasballon abgeschlossen hat.

Wieso nimmt ein Unternehmen ein gut etabliertes Geschäftsmodell, das für 99 Prozent des Umsatzes und weit mehr als 100 Prozent des Gewinns steht, und versteckt es in einer Holding neben anderen winzigen, experimentellen Unternehmen?!

Als Google sich 2015 in eine Holding-Struktur mit dem Namen Alphabet umformierte, war das selbst für Branchenexperten ein seltsamer, nachgerade verwirrender Schritt. Vier Jahre später jedoch wird die Mission von Alphabet-Chef und Google-Mitgründer Larry Page immer offensichtlicher: Page sah und sieht in dem Konzern mehr als einen Suchmaschinenbetreiber, der von seinen Werbeerlösen lebt.

"Other Revenue" auf dem Vormarsch

Tatsächlich werden die anderen Sparten neben der Cash Cow Google für Alphabet immer wichtiger. Das zeigen auch die Zahlen zum dritten Geschäftsquartal, die der Tech-Gigant aus dem Silicon Valley am Montagabend nach US-Börsenschluss vorgelegt hat.

Dabei hat Alphabet zwar mit einem Gewinneinbruch von 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 7,1 Milliarden Dollar die Erwartungen klar verfehlt, entsprechend fällt die Aktie im nachbörslichen Handel.

Die Erlöse stiegen hingegen in den drei Monaten per Ende September überraschend stark um 20 Prozent auf 40,5 Milliarden Dollar. Davon entfielen 33,9 Milliarden Dollar auf den Hauptumsatzbringer Google. "Other Revenue" steuerte Erlöse von 6,4 Milliarden Dollar bei – immerhin 16 Prozent vom Gesamtumsatz. Doch was genau verbirgt sich hinter diesen "anderen Umsätzen"?

Umsatz Alphabet

Steigende Umsätze mit der Sparte "andere Umsätze". | Bildquelle: Alphabet-Quartalsberichte, Grafik: boerse.ARD.de

Smartphones und Kameras fürs Smart Home

In dem Segment "Other Revenue" versammelt Alphabet seine Pixel-Smartphones, Nest-Kameras für das Smart Home, den Google Play Store – und natürlich die lukrative Google Cloud.

Smartphones und Cloud-Dienste – das klingt doch recht bodenständig? Tatsächlich steht "Other Revenue" im Alphabet-Universum für die schon eher arrivierten "neuen" Geschäftsmodelle.

Hohes Risiko, hohe Rendite?

Wer es ausgefallener und experimenteller mag, der wird in der Alphabet-Sparte "Other Bets" fündig. Hier versammelt der US-Konzern seine hochriskanten, womöglich aber auch höchst lohnenden Anstrengungen.

Alphabet A Aktie in US-$

Die Stimmung für die Aktie habe sich in den vergangenen Monaten merklich verbessert, so Analyst Douglas Anmuth von JPMorgan . | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Dazu zählen beispielsweise Google Fiber, ein Projekt zum Aufbau eines Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetzes, und Verily – ein Forschungsunternehmen, das die Möglichkeiten des Einsatzes von Technologien im Bereich der Biowissenschaften erkundet.

Drei Unternehmen, die Welt zu verändern

Im Fokus von Alphabet stehen aber nach Meinung von Branchenkennern derzeit drei "andere Wetten": Waymo, Wing und Loon. Alle drei Alphabet-Tochtergesellschaften wollen nicht weniger, als die Art, wie wir leben, revolutionieren.

So entwickelt Waymo Technologien für autonome Fahrzeuge. Das Unternehmen gilt als absoluter Experte, keine andere Firma hat so viel Erfahrung mit selbstfahrenden Autos. Mehr als zehn Millionen Meilen auf US-Straßen und über zehn Milliarden digitale Meilen in gigantischen Cloud-Simulationen hat Waymo bereits gesammelt. Das kann kein anderer Wettbewerber auch nur annähernd vorweisen.

FiatChrysler-Kombi mit System für autonomes Fahren von Waymo

Auf frischer Tat ertappt - ein Waymo-Auto beim Geldverbrennen. | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Waren per Drohne, Internet per Ballon

Wing-Drohne

Warenlieferung per Luft - eine Wing-Drohne im Einsatz.

Im Oktober startete die Alphabet-Tochter Wing in den USA einen Lieferservice der besonderen Art: Per Drohne fliegt Wing Waren von Walgreens und Fedex ins traute Heim. Ziel ist die nahezu sofortige Bedürfnis-Befriedigung des Konsumenten: Ware gesehen, gekauft, schon da. Doch das will nicht nur Wing: Amazon und UPS arbeiten ebenfalls an einem Drohnen-Service.

Hinter Loon wiederum verbirgt sich ein Forschungsprojekt zur Versorgung abgelegener Gegenden mit Internet. Bereits seit 2011 experimentiert Loon dazu mit Gasballons als schwebenden Kommunikationsstationen. Die Elon-Musk-Firma SpaceX, Amazon und Facebook verfolgen übrigens das gleiche Ziel, setzen dabei jedoch vorwiegend auf Satelliten und Drohnen.

Wie Alphabet seine "anderen" Mitarbeiter bezahlt

Laut Alphabet-Finanzvorstand Ruth Porat werden Mitarbeiter einiger "other bets"-Sparten auch mit Aktien an diesen Unternehmen entlohnt. Wenn man die Chance hat, ähnlich wie mit einem Start-up spektakulär reich zu werden, dann nimmt man auch die Start-up-ähnlichen Arbeitszeiten und Entbehrungen in Kauf, die nötig sind, um ein solches Unternehmen zum Erfolg zu machen – so das Kalkül von Alphabet.

Zukunftsprojekte als Geldvernichter

Fakt ist: So spannend und zukunftsträchtig diese Geschäftsmodelle auch klingen mögen - aktuell verbrennt Alphabet mit seinen "Other Bets" Geld. Und das nicht gerade wenig. Allein im dritten Quartal 2019 belief sich der operative Verlust der Sparte auf 941 Millionen Dollar. Tendenz: steigend.

Operativer Verlust Alphabet

Operativer Verlust Alphabet "Other Bets". | Bildquelle: Alphabet-Quartalsberichte, Grafik: boerse.ARD.de

Alphabet braucht Google - noch

Ob Alphabet mit Waymo, Loon & Co. jemals nennenswerte Umsätze oder gar Gewinne erzielen wird, ist ungewiss. Vor einem Monat haben die Experten der US-Bank Morgan Stanley ihre Bewertung für Waymo drastisch eingedampft von 175 auf 105 Milliarden Dollar. Die Analysten mussten zugeben, sie hätten unterschätzt, wie lange noch menschliche Fahrer zur Sicherheit in den selbstfahrenden Autos nötig wären.

Man muss keine Glaskugel haben um vorherzusagen, dass Alphabet noch eine ganze Weile auf seine Gewinnmaschine Google angewiesen sein wird. Und sei es nur, um seine experimentellen Spielereien finanzieren zu können.