Google-Chef Pichai und der neue Quantencomputer

"Hallo-Welt"-Moment für die Wissenschaft Google schafft Durchbruch beim Quantencomputing

Stand: 23.10.2019, 15:54 Uhr

Beginnt jetzt ein neues Computerzeitalter? Google hat offenbar einen Meilenstein im Quantencomputing erreicht. Der Internetkonzern hat einen Chip entwickelt, der alle Supercomputer in den Schatten stellt.

Google-Chef Sundar Pichai will die Welt verändern - mit Hilfe seines Super-Prozessors Sycamore. Der von Google entwickelte Chip konnte in 200 Sekunden eine Rechnung durchführen, für die der schnellste Supercomputer 10.000 Jahre benötigen würde. Das schreiben die Forscher in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht im Wissenschaftsjournal "Nature".

"Quantenüberlegenheit" erreicht?

Der Internet-Konzern verkündete stolz, die "Quantenüberlegenheit" erstmals erreicht zu haben. Die Quantencomputer können Probleme berechnen, die selbst die allerbesten Super-Computer nicht schaffen.

Schon seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach neuen Wegen in der Computertechnik. Von Quantencomputern erhoffen sie sich, dass bestimmte Rechenaufgaben um ein Vielfaches schneller als mit klassischen Computern durchgeführt werden können. Während bei einem binären Computer die kleinsten Einheiten, Bits genannt, entweder den Zustand 0 oder 1 annehmen, folgen die "Qubits" des Quantencomputers den Gesetzen der Quantenmechanik - sie können mehrere Zustände zur selben Zeit darstellen. Dieses Paradox gilt selbst in der theoretischen Physik noch heute als Herausforderung.

Google-Chef Sundar Pichai zitiert in seinem Blog-Eintrag den US-Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman: "Wenn man denkt, man versteht die Quantenmechanik, versteht man die Quantenmechanik nicht." Pichai gibt sich angesichts des möglicherweise erreichten Meilensteins bescheiden.

IBM wirft Google Trickserei vor

Unterdessen spielt IBM den nun erreichten Erfolg etwas herunter und sagt, in der Rechnung von Google sei ein Fehler. Die gleiche Aufgabe sei mit einem klassischen System bereits in 2,5 Tagen lösbar, heißt es in einem Blog-Beitrag des Quantencomputer-Konkurrenten. IBM hat Anfang des Jahres seinen ersten Quantencomputer enthüllt.

Vor rund vier Wochen war der Fachbeitrag der Google-Forscher schon einmal aufgetaucht. Er war für kurze Zeit über die Websites der amerikanischen Weltraumbehörde NASA verfügbar gewesen, kurz darauf allerdings wieder verschwunden. Das hatte bereits für viel Gesprächsstoff unter Wissenschaftlern gesorgt.

Noch langer Weg bis zu ersten realen Anwendungen

Letztlich dürfte Googles Durchbruch im Quantencomputing für die alltägliche Nutzung von Computern kaum berühren, auch weil die Maschinen wegen der erforderlichen tiefen Temperaturen und Vakuumzustände nicht auf handliche Geräte verkleinert werden können. Für die Wissenschaftler sei es zwar ein "Hallo Welt"-Moment, auf den sie gewartet hätten, schreibt Pichai. Aber zwischen den Laborergebnissen und praktischen Anwendungen von morgen liege noch ein langer Weg. "Es wird viele Jahre dauern, bis wir eine breitere Palette von realen Anwendungen implementieren können."

nb/dpa