Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU Kommission und Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates

Europas Börsen im Höhenflug Gipfelfreuden an den Finanzmärkten

Stand: 21.07.2020, 09:59 Uhr

Die Einigung der EU-Staats- und Regierungschefs auf ein billionenschweres Finanzpaket wird an den europäischen Aktienmärkten gefeiert. Der Dax startet deutlich höher in den Tag. Auch der Euro behauptet sich.

Ist Europa nun gerettet? Die europäische Presse jedenfalls reagiert erleichtert auf den morgendlichen Kompromiss in Brüssel nach fünftägigen Marathon-Verhandlungen. Die spanische El Pais spricht von einem "historischen Salto", die italienischen Medien loben den gefundenen Deal, und auch die österreichische "Kleine Zeitung" freut sich über den "Sieg mit Riesenrabatten für die sparsamen Vier". Nur die französische Libération spottet über "den Triumph für die "Pfennigfuchser".

Dax klettert auf über 13.200 Punkte

An den Börsen kommt die Einigung der EU auf das größte Haushalts- und Finanzpaket ihrer Geschichte gut an. Der Dax springt zur Xetra-Handelseröffnung um 1,5 Prozent auf über 13.200 Punkte nach oben und erreicht ein neues Fünf-Monats-Hoch. Der EuroStoxx 50 gewinnt ebenfalls über ein Prozent. Der italienische Leitindex zieht um 1,4 Prozent an. "Sie wussten, sie mussten liefern, und sie haben geliefert", sagte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt zum Kompromiss der EU-Staats- und Regierungschefs.

An den Anleihemärkten verzeichnen südeuropäische Bonds Gewinne. Anleger decken sich wieder mit italienischen Anleihen ein. Im Gegenzug fallen die Renditen auf den niedrigsten Wert seit Anfang März. Die Verzinsung zehnjähriger Papiere sank am Vormittag auf bis zu 1,118 Prozent, nachdem sie am Tag zuvor bei 1,158 Prozent gelegen hatte. Dagegen gaben als sicher empfundene Wertpapiere wie Bundesanleihen angesichts der deutschen Zahlungslast etwas nach. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt aktuell bei minus 0,45 Prozent.

Euro auf Vier-Monats-Hoch

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
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An den Devisenmärkten war die Reaktion ebenfalls positiv auf den historischen Deal. Der Euro stieg auf den höchsten Stand seit vier Monaten. Die Gemeinschaftswährung kletterte am Morgen zeitweise auf bis 1,1470 Dollar.

Die 27 Staats- und Regierungschefs beschlossen am frühen Dienstagmorgen in Brüssel, besonders von der Corona-Krise betroffene EU-Staaten durch einen neuen Aufbaufonds mit einem Volumen von 750 Milliarden Euro wieder auf die Beine zu helfen. 390 Milliarden Euro werden davon als Zuschüsse gezahlt, 360 Milliarden als Kredite. Daneben sieht der Kompromiss einen EU-Haushaltsrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 im Volumen von 1,075 Billionen Euro vor. "Dies ist ein historischer Tag für Europa", sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach fast 100 Stunden Verhandlungen. Europa habe gezeigt, dass es in einer besonderen Situation bereit und in der Lage ist, neue Wege zu gehen, betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Gemeinsame Anleihen zur Finanzierung des Aufbaufonds

ARD-Börsenstudio: Dorothee Holz

ARD-Börse: Geschafft - Börsenreaktionen auf den EU-Gipfel

Zur Finanzierung des Wiederaufbaufonds soll die EU-Kommission Anleihen aufnehmen. Macron nannte es eine Wende, dass nun gemeinsame Schulden gemacht würden und sich der Etat der EU durch den Aufbaufonds in den kommenden Jahren fast verdoppelt habe.

Manche Ökonomen und Kritiker sehen hier den Einstieg in eine europäische Schuldenunion. Die EU bleibt im schlimmsten Falle auf diesen Schulden sitzen, warnt Volkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank.

"Geld fließt zu spät"

Volkswirte wie Jörg Krämer von der Commerzbank glauben, dass der Wiederaufbaufonds durchaus einen Beitrag zur Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft leisten könne. "Allerdings darf man sich nicht zu viel davon versprechen." Das Programm führe erst in den kommenden Jahren zu Auszahlungen, wenn die Corona-bedingten wirtschaftlichen Einbrüche weitgehend wettgemacht sein sollten. Zudem könne ein solches Programm nur dann helfen, wenn Länder wie Italien auch strukturelle Reformen durchführten. Ob das geschehe, bezweifelt er.

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING, spricht von einer historischen Einigung, da man sich auf direkte Zuschüsse und gemeinsame Anleihen verständigt habe. "Wirtschaftlich kommt es allerdings etwas zu spät, da das erste Geld ja nicht vor Mitte 2021 fließen wird."