Eine Frau mit Wahlunterlagen hinter einer Europa-Fahne
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Börsen steigen Gelassenheit an den Märkten nach den Europawahlen

Stand: 27.05.2019, 09:24 Uhr

Mit Erleichterung haben die Anleger an den Finanzmärkten auf den Ausgang der Europawahlen reagiert. Der von einigen befürchtete deutliche Rechtsruck sei ausgeblieben. Dax & Co legen zu. Doch die Unsicherheit über den künftigen Kurs Europas nimmt zu. Kein gutes Szenario für europäische Aktien!

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1215
Differenz relativ
+0,03%

Der Euro zeigt sich am Montagmorgen kaum bewegt. Die europäische Gemeinschaftswährung legte zunächst leicht zu, bröckelte im Verlauf aber etwas ab.

Händler sprachen von einer ruhigen Lage am Devisenmarkt.

Kursgewinne an Europas Börsen

Die meisten Börsen in Europa eröffnen mit Kursgewinnen. Der Dax steigt um 0,7 Prozent, der EuroStoxx 50 gewinnt 0,6 Prozent, der französische Cac 40 legt 0,5 Prozent zu.

EuroStoxx 50: Kursverlauf am Börsenplatz DJ Stoxx für den Zeitraum Intraday
Kurs
3.521,36
Differenz relativ
+0,55%

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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12.430,97
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+0,35%
FRA 40: Kursverlauf am Börsenplatz BNP Paribas für den Zeitraum Intraday
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5.606,43
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+0,41%

Von den Europawahlen am Wochenende dürften einem Händler zufolge keine größeren Belastungen für die Börsen ausgehen. Zwar hätten die Volksparteien vielerorts an Stimmen eingebüßt, das befürchtete politische Erdbeben trat jedoch nicht ein. Deutliche Zugewinne verbuchen nach ersten Trends vor allem Liberale und Grüne.

Pro-europäische Kräfte behalten Mehrheit im Parlament

Marktbericht positiv
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ARD-Börse: Märkte erleichtert über Europawahl

In Frankreich und Italien gehen rechtspopulistische Parteien zwar voraussichtlich als Sieger hervor. "Trotz dieser Zugewinne am rechten Rand stellen aber nach wie vor überwiegend pro-europäische Kräfte die Mehrheit im EU-Parlament", kommentiert die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Zudem hätten die rechtspopulistischen Parteien in der Vergangenheit selten Einigkeit in ihrem Abstimmungsverhalten gezeigt.

Die Ängste vor einer Übernahme des EU-Parlaments durch die Populisten seien übertrieben, sagt Frank Engels, Leiter Portfoliomanagement bei Union Investment. Hinzu kommt, dass das Parlament nur begrenzte Macht hat. Es kann zum Beispiel keine Gesetzesvorschläge machen. Diese Kompetenz liegt bei der EU-Kommission.

"Weckruf für die Kapitalmärkte"

Andererseits dürfte die Unsicherheit um den politischen Kurs Europas nach den Wahlen anhalten. Das könnte gerade internationale Investoren abschrecken. Rentenmarkt-Experte Engels sieht daher das Wahlergebnis als "Weckruf und Belastung für die europäischen Kapitalmärkte". Es drohe eine "Populisten-Prämie". Im Gegensatz zur Situation in den USA agierten nicht ein populistischer Präsident, sondern zahlreiche populistische Parteien mit anti-europäischen Motiven.

Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sieht die wirtschaftlichen Aussichten für Europa skeptisch. "Es wird in der EU noch schwieriger, Mehrheiten zu finden." Das belaste die Handelsgespräche mit den USA. Das gute Abschneiden der italienischen Lega werde den Haushaltskonflikt mit der EU verschärfen. "Und in Deutschland steigt nach den schweren Verlusten für SPD und CDU die Unsicherheit über die Zukunft der schwarz-roten Koalition."

Die DZ Bank befürchtet, dass der wachsende Einfluss der Populisten zu Spread-Ausweitungen an den europäischen Anleihemärkten führen könnte. Die Risiken würden am Markt noch unterschätzt. Laut DZ Bank wachse gerade in den Peripherie-Ländern die Gefahr einer Abkehr von der bisherigen Reformpolitik.

Größere Chancen für Weidmann als EZB-Präsident

Nach der Europa-Wahl sehen Ökonomen steigende Chancen Deutschlands im Rennen um die Nachfolge von EZB-Präsident Mario Draghi. Nach Einschätzung des Chefs des Berliner Forschungsinstituts DIW, Marcel Fratzscher, ist der CSU-Politiker Manfred Weber nun in einer schwächeren Position, den angestrebten Posten des EU-Kommissionspräsidenten zu erlangen. "Dies vor allem, weil keine Unterstützung durch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron absehbar ist." Falls Weber nicht zum Zuge komme, würden aus Sicht von Fratzscher die Chancen von Bundesbank-Chef Jens Weidmann steigen, Draghi im Herbst an der EZB-Spitze zu beerben.

nb

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Expertenstimmen zum Ausgang der Europawahlen "Weckruf für ein besseres Europa"

Gabriel Felbermayr

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft:
"Der von einigen befürchtete Durchmarsch der Populisten und EU-Kritiker ist nicht eingetreten. Aber die Zugewinne von Populisten in einigen Ländern und die zunehmende Polarisierung in der EU erschweren es, einen konstruktiven Weg nach vorne zu finden. Vor allem die Ergebnisse in Frankreich und Italien sind in dieser Hinsicht beunruhigend. Damit wird es auch schwieriger, den Binnenmarkt zu vollenden und Handelsabkommen mit anderen Ländern und Regionen zu schließen.

Die Risiken für die Stabilität innerhalb der EU und für ihre Wirtschaftskraft nehmen mit dem Wahlergebnis zu. Angesichts der weltwirtschaftlichen Großwetterlage und dem Handelskonflikt der USA mit China und der EU wird die Unsicherheit wachsen. Nun könnte auch die EU zu einem Quell weiterer Unsicherheit werden. Das starke Abschneiden der Brexit-Partei in Großbritannien erschwert die Verhandlungen über den Austritt des Vereinigten Königreichs nach dem Rücktritt der Premierministerin zusätzlich."