GE General Electric Gebäude

Vom wertvollsten Unternehmen der Welt zum Sanierungsfall GE: Welch ein Niedergang!

von von Lothar Gries

Stand: 26.06.2018, 06:45 Uhr

Die einstige Ikone der amerikanischen Industrie, General Electric, muss heute nach über 110 Jahren Mitgliedschaft den Leitindex der Wall Street verlassen - zugunsten einer Drogeriekette. Wie konnte es soweit kommen?

Als Jeff Immelt den legendären Jack Welch an der Konzernspitze ablöste - im September 2001 - war General Electric (GE) das wertvollste und meistbewunderte Unternehmen auf dem Globus. Kühlschränke, Züge, Gasturbinen, Versicherungen - all das gehörte zum Firmenimperium. GE war größer als die Autokonzerne Ford oder General Motors, wertvoller als die größten Pharmaunternehmen.

Der amerikanische Erfinder und Wissenschaftler Thomas Alva Edison (1847-1931)

Thomas Alva Edison. | Bildquelle: (c) dpa Bilderdienste

Und auch mit Blick auf die Tradition galt GE als Ikone der Industriegeschichte, hatte doch ihr Gründer, Thomas Alva Edison, einst die Glühbirne zur Marktreife entwickelt und damit den Grundstein für ein weltumspannendes Unternehmen gelegt. Mehr noch: Auch dank des Erfindergeists von Edison, der in seinem Leben nicht weniger als 1.500 Patente anmeldete, darunter für die Schreibmaschine und den Phonographen, hatte GE viele Jahrzehnte lang den Ruf, das innovativste Unternehmen der Welt zu sein.

Flannery übernahm einen Sanierungsfall

John Flannery, General-Electric

John Flannery. | Bildquelle: Unternehmen

Noch als John Flannery, der bis dahin das Medizintechnikgeschäft des Rivalen Siemens geleitet hatte, im August 2017 den Vorstandsvorsitz von Jeff Immelt übernahm, tönte dieser, er habe das Unternehmen fit für die Weltmärkte gemacht.

In Wirklichkeit übernahm Flannery einen Sanierungsfall, der seine besten Zeiten längst hinter sich hatte und sich im Niedergang befand. So hatte sich Flannerys Vorgänger bereits von der Finanzsparte, GE Capital, getrennt, obwohl die einst die Hälfte des Konzernumsatzes erwirtschaftete. Trotzdem waren die Gewinne immer weiter abgeschmolzen, ebenso wie der Aktienkurs. Bei Immelts Ausscheiden im August 2017 war der Wert des GE-Papiers bereits auf ein Drittel des Niveaus bei seiner Amtsübernahme geschrumpft, während der US-Aktienindex S&P 500 sich in dieser Zeit mehr als verdoppelt hat.

Gipfel des Niedergangs

Hörfunk-Moderatorin Franka Welz
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ARD-Börse: Aus der Traum - was bedeutet der Index-Abstieg für Unternehmen?

Und nun folgt die nächste Hiobsbotschaft: GE fällt an diesem Dienstag aus dem amerikanischen Leitindex Dow Jones - nach 111 Jahren. Es sei der "Gipfel des Niedergangs", die "größte Schande in der Geschichte von GE", dass das einst so stolze Unternehmen als letztes der Dow-Gründungsmitglieder das Börsenbarometer verlassen müsse, urteilt die New Yorker Finanzpresse.

Wie konnte es so weit kommen? Fachleute machen vor allem zwei Gründe für den Abstieg von GE verantwortlich: Den Wandel der amerikanischen Wirtschaft sowie schwerwiegende, überwiegend hausgemachte Managementfehler. Tatsächlich wurde die klassische Industrie in den USA längst von Dienstleistern und Techfirmen wie Google und Apple abgelöst. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt ging auf zuletzt 20,3 Prozent zurück, während der Dienstleistungssektor auf fast 79 Prozent angeschwollen ist.

Gewaltiges Kostensenkungsprogramm

"Die Finanz- und Konsumbranche, Gesundheitskonzerne und Techfirmen spielen heute in der US-Wirtschaft eine wesentlich prominentere Rolle als verschachtelte Industriekonzerne à la GE", sagt David Blitzer vom Dow Jones-Index-Komittee. Der neue Firmenchef hat deshalb unmittelbar nach seinem Amtsantritt ein gewaltiges Verkaufs- und Kostensenkungsprogramm verkündet. Dabei sollen mindestens 12.000 Stellen wegfallen. Zudem hat er Geschäftsbereiche mit einem Gesamtumsatz von 20 Milliarden Dollar abgestoßen.

So wurde die seit 1907 zu GE gehörende Zugsparte an den Konkurrenten Wabtec verkauft, für rund elf Milliarden Dollar. Die Tochter für Elektrobauteile und Stromaggregate ging für 2,6 Milliarden Dollar an den Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB. Im April kündigte Flannery zudem den Verkauf der Sparte Gesundheitstechnologie an. Auch Teile der Beleuchtungssparte stehen auf der Verkaufsliste, ebenso wie zwei kleinere Luftfahrt-Töchter.

145 Milliarden weg

Geholfen hat die Verschlankung bisher nicht. Im Gegenteil. Der Aktienkurs ist allein im vergangenen Jahr um 45 Prozent eingebrochen, nahezu 145 Milliarden Dollar haben sich dadurch in Luft aufgelöst. Dabei hat der Dow Jones Index im gleichen Zeitraum 25 Prozent hinzugewonnen. Auch in diesem Jahr ging es mit dem Kurs weiter bergab, vor allem nachdem GE verkündete, die Dividende um die Hälfte zu kürzen.

Inzwischen ist GE mit 113 Milliarden Dollar weniger wert als Netflix, das 178 Milliarden Dollar auf die Waage bringt. Denn niemand weiß genau, wohin die Reise des Unternehmens gehen wird. Fokussierung auf den Energie- und Healthcare-Bereich oder doch Zerschlagung? Im ersten Quartal machte vor allem die Energiesparte große Sorgen, sank doch der Umsatz um neun Prozent. Das Ergebnis brach sogar um 38 Prozent ein.

Gasturbine von General Electric

Gasturbine von GE. | Bildquelle: ©jpi-photographe

Der Grund: Die Nachfrage nach Gasturbinen ist eingebrochen. Und daran dürfte sich nach Aussagen des Vorstands so schnell nichts ändern. Dabei handelt es sich um eine Last, die Flannery von seinem Vorgänger geerbt hat: Immelt hatte große Teile des Energiegeschäfts des französischen Alstom-Konzerns 2015 für 12,4 Milliarden Euro übernommen. Ein Glück für Siemens, das damals ebenfalls um die Sparte gebuhlt hatte und heute ebenso unter dem schwachen Turbinengeschäft leidet.

Bittere Botschaft von Warren Buffett

Inzwischen wächst die Zahl der Experten, die den Glauben an ein Comeback des einstigen Riesen GE verloren haben. Bei einem Mischkonzern mit so vielen Sparten, wisse man eben nie, wo sich die nächste Baustelle auftue, heißt es. Und so kommt es, dass Flannery im Frühjahr eine neue Hiobsbotschaft verkünden musste: Obwohl die Tochter GE Capital fast komplett eingestampft wurde, hat sie noch große Risiken in den Büchern. Im ersten Quartal sorgte eine hohe Rückstellung aufgrund von Ermittlungen der Justiz wegen zweifelhafter Hypothekengeschäfte für einen Verlust von 1,2 Milliarden Dollar.

Warren Buffett vor einem General-Electric-Logo

Warren Buffett. | Bildquelle: Unternehmen, picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Eine bittere Botschaft kam kürzlich auch von der Investorenlegende Warren Buffett: Er sei zwar nach dem Kurssturz der vergangenen Jahr in der Lage, GE komplett zu übernehmen, doch verstehe er das Geschäftsmodell des Konzerns nicht.

Zu groß, zu unübersichtlich, zu komplex: In Zeiten, in denen Investoren auf überschaubare Einheiten und eine glasklare Strategie pochen, erscheint ein Konglomerat wie GE immer mehr wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Das weiß auch Flannery. Er will sich nun "auf die Stärken" konzentrieren und GE noch einfacher und stärker machen, um vorwärts zukommen. Ob ihm das gelingt?