Unternehmensberater Ingo Garczorz "Einstieg der Franzosen bei Commerzbank am wahrscheinlichsten"

Stand: 30.11.2017, 16:52 Uhr

Wer kauft die Commerzbank? Seit Wochen ist das Bankhaus Ziel von Übernahmespekulationen. Im Gespräch mit boerse.ARD.de erklärt Unternehmensberater Ingo Garczorz von Berg Lund & Company, welches Szenario er für abwegig hält und welches am wahrscheinlichsten ist.

boerse.ARD.de: Nach den französischen Banken BNP Paribas und Crédit Agricole wurden zuletzt auch die italienische UniCredit und die Schweizer UBS als Kaufinteressenten der Commerzbank genannt. Für wie realistisch halten Sie das Szenario einer Übernahme?

Ingo Garczorz: Den Einstieg einer Schweizer Bank, sei es die UBS oder die Crédit Suisse, halte ich für unwahrscheinlich. Dazu sind die Häuser zu unterschiedlich aufgestellt. Die UBS ist stark in der Vermögensverwaltung, während der Schwerpunkt der Commerzbank in der Mittelstandsfinanzierung und im Retailgeschäft liegt. Eine Übernahme würde also strategisch keinen Sinn machen. Es sei denn, die Schweizer treten zusammen mit einem anderen Institut auf und würden die Commerzbank zerlegen.

boerse.ARD.de: Und wie steht es mit den oben genannten anderen Kaufinteressenten?

Garczorz: Auch einen Einstieg der UniCredit oder gar eine Übernahme durch die Italiener halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Denn hier stellt sich die Frage, wie die selbst unter mangelndem Eigenkapital und hohen Altlasten leidende UniCredit finanziell einen solchen Schritt stemmen könnte.

boerse.ARD.de: Es könnte also auf die Franzosen hinauslaufen…

Garczorz: Den Einstieg einer französischen Bank halte ich derzeit für das wahrscheinlichste Szenario. Deutschland ist wegen seiner wirtschaftlichen Stärke ein attraktiver Markt. Da könnte die Commerzbank als Türöffner fungieren. Auch auf politischer Ebene würde unter Präsident Emmanuel Macron eine Annäherung einer großen französischen Bank mit der zweitgrößten Bank Deutschlands gerne gesehen.

boerse.ARD.de: Nun ist die Commerzbank eher für ihre schwachen Margen und die schwächelnden Renditen bekannt. Was könnten eine BNP Paribas oder eine Crédit Agricole trotzdem zum Einstieg motivieren?

Garczorz: Durch die Zusammenlegung der IT-Systeme ließen sich sicher Skaleneffekte realisieren, die eine Übernahme interessant machen dürften. Viel wichtiger ist aber der Aspekt der Größe: Es gibt in Europa keinen wirklichen Champion, der es mit den großen US-Banken aufnehmen könnte. Auch unter diesem Aspekt sollte eine Übernahme der Commerzbank betrachtet werden.

boerse.ARD.de: Wie erklären Sie sich den Einstieg von Finanzinvestoren wie Cerberus, der sowohl an der Commerzbank als auch an der Deutschen Bank beteiligt ist?

Garczorz: Die heimischen Banken sind eben attraktiver, als sie meistens dargestellt werden. Das zeigt auch die Übernahme der Oldenburgischen Landesbank durch den US-Finanzinvestor Apollo. Auch bei der HSH Nordbank gibt es offenbar valide Kaufangebote. Allerdings dürften die Finanzinvestoren auf gravierende Veränderungen bei den Geldhäusern drängen.

boerse.ARD.de: Für wie wahrscheinlich halten Sie einen baldigen Verkauf der Anteile des Bundes an der Commerzbank?

Garczorz: Deutschland betreibt keine Industriepolitik. Der Einstieg des Bundes bei der Commerzbank war von Anfang an nicht auf Dauer angelegt. Auch wird die künftige Bundesregierung Geld brauchen für die zahlreichen Begehrlichkeiten im Rahmen der GroKo.

boerse.ARD.de: Ist denn ein Ausstieg um jeden Preis denkbar?

Garczorz: Nein, ein Ausstieg um jeden Preis, also auch ein Minusgeschäft, wäre nur schwer vermittelbar. Ich glaube, dass der Bund darum bemüht sein wird, mit einer schwarzen Null aus der Beteiligung heraus zu kommen. Das wird nicht ganz einfach. Um den Einstandspreis des Bundes von 3,5 Milliarden Euro wieder zu erreichen, müsste die Aktie auf knapp 18 Euro steigen.

boerse.ARD.de: Für wie wahrscheinlich halten Sie ein Zusammengehen von Deutscher Bank und Commerzbank?

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Garczorz: Die beiden Häuser haben einen Heiratsversuch schon einmal abgebrochen und dürften deshalb auf absehbare Zeit keinen zweiten Anlauf starten. Die Deutsche Bank ist voll mit der Integration der Postbank beschäftigt und bereitet den Börsengang ihres Asset Managements vor. Da jetzt noch eine Commerzbank reinzubringen, wäre nicht zu stemmen.

boerse.ARD.de: Welche Folgen hätte eine Übernahme der Commerzbank für die Kunden?

Garczorz: Zunächst würde sich für die Kunden nichts ändern. Sie würden es gar nicht spüren, denn in den ersten zwei bis drei Jahren wären die Banken mit sich selbst beschäftigt.

Das Gespräch führte Lothar Gries.