Deutsche Börse in Eschborn bei Frankfurt

Deutsche Börse will Regelwerk ändern Fliegt Wirecard doch schneller aus dem Dax?

Stand: 29.06.2020, 14:32 Uhr

Nachdem mit Wirecard zum ersten Mal ein Dax-Unternehmen Insolvenz angemeldet hat, wächst die Forderung nach einem raschen Rauswurf des Zahlungsabwicklers aus dem Index. Die Deutsche Börse will ihr Regelwerk jetzt ändern.

Nach tagelangem Schweigen hat sich der Börsenbetreiber heute endlich zu einer ersten Reaktion im Fall Wirecard durchgerungen. "Das Vertrauen in den Kapitalmarkt hat offensichtlich in den letzten Tagen gelitten. Als Marktplatzbetreiber ist es auch unsere Aufgabe, das Vertrauen in den Kapitalmarkt zu stärken", teilte das Unternehmen mit.

"Deshalb haben wir uns entschlossen, die Regelwerke unter Einbindung der Regulatoren und die Regeln für die Zugehörigkeit zur Dax-Familie einer vertieften Prüfung zu unterziehen und zu überarbeiten." Im Klartext heißt das, die bisherigen Regeln müssen ergänzt und entsprechend geändert werden.

Finanzplatz Frankfurt erschüttert

Damit beugt sich die Börse den immer zahlreicher werdenden Forderungen aus Politik, Medien und Verbänden. Tatsächlich hat der gigantische Betrug bei Wirecard das Vertrauen in den Finanzplatz Frankfurt tief erschüttert. Folglich wäre ein schneller Rauswurf von Wirecard aus der ersten deutschen Börsenliga nur konsequent.

Mit den bisherigen Regeln ist das allerdings nicht möglich. Nur im Falle einer Abwicklung oder falls der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse abgewiesen wird, muss ein Unternehmen laut den Regeln der Deutschen Börse aus einem Auswahlindex "umgehend" herausgenommen werden.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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2,21
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-7,25%

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Aktionärsschützer fordern schnellen Rauswurf

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ARD-Börse: Börse zieht Konsequenz aus Wirecard-Skandal

Dass die Börse ein Sanktionsverfahren prüft, hat ebenfalls keine direkte Auswirkung auf die Dax-Mitgliedschaft. Und so schnell wird einem Unternehmen auch die Mitgliedschaft im Prime Standard, der wegen umfangreicher Transparenzvorschriften eine hohe Qualität garantieren soll, nicht entzogen. Der nächste reguläre Überprüfungstermin der Zusammensetzung der Aktienindizes der Deutschen Börse ist der 3. September 2020.

Kaum vorstellbar, dass ein auf Lug und Trug aufgebautes Unternehmen noch so viele Wochen im Dax verbleibt. Aktionärsschützer wie Daniel Bauer, Chef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), fordert deshalb die Börse auf, über ein Schnellverfahren zum Ausschluss von Wirecard nachzudenken. Auch die Aktionärsschützer von der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sind der Ansicht, dass Wirecard nicht mehr in den Kreis der 30 wertvollsten börsennotierten Unternehmen gehört.

Börsenwert auf unter 500 Millionen Euro geschrumpft

Zudem liegt der aktuelle, am Streubesitz orientierte Börsenwert von Wirecard, nur noch bei knapp 500 Millionen Euro - weniger als so manches SDax-Unternehmen. Bevor bekannt wurde, dass die auf den Philippinen verorteten 1,9 Milliarden Euro Kapital vermutlich gar nicht existieren, war Wirecard an der Börse noch 13 Milliarden Euro wert.

Als mögliche Nachfolger des Zahlungsabwicklers im deutschen Leitindex gelten der Berliner Essenslieferant Delivery Hero - einer der großen Profiteure der Corona-Krise - sowie der Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise.

lg