EZB-Gebäude in Frankfurt

Erleichterungen für Banken und kleine Firmen EZB-Rettungspaket ernüchtert die Börse

Stand: 12.03.2020, 17:44 Uhr

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ein großes geldpolitisches Paket geschnürt, um die Finanzmarkt-Turbulenzen einzudämmen. Die Anleihenkäufe werden ausgeweitet, die Banken erhalten neue Notkredite. Die Märkte hatten mehr erhofft.

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"Madame Euro" hat nicht geliefert. Der Dax weitete nach den angekündigten geldpolitischen Maßnahmen der EZB und den Äußerungen von Präsidentin Christine Lagarde die Kursverluste auf über zwölf Prozent aus. Zum Schluss des Computerhandels verzeichnete der Dax mit minus 12,24 Prozent den zweitgrößten Tagesverlust seiner Geschichte. Der Euro zog nur vorübergehend an, bevor er deutlich zurückfiel.

Erleichterungen für Banken

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Die Europäische Zentralbank stemmt sich mit einem umfassenden Maßnahmenpaket gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise - unterstützt von der Europäischen Bankenaufsicht (EBA). Unter anderem soll es neue Notkredite für Banken geben. Die EZB versorgt die Banken mit zusätzlichen langfristigen Refinanzierungsgeschäften (LTRO) mit Liquidität. Dies soll das Finanzsystem unterstützen. Der für dieses Jahr geplante Banken-Stresstest wird verschoben.

Die Konditionen bestehender Kreditprogramme (TLTRO III) werden angepasst. Die Banken erhalten langfristiges Zentralbankgeld noch günstiger. Damit soll vor allem die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen angeschoben werden.

Aufstockung der Anleihenkäufe

Die Euro-Wächter kündigten darüber hinaus an, bis zum Jahresende zusätzliche Anleihenkäufe im Volumen von 120 Milliarden Euro zu tätigen. Die Käufe sollen sich auf den privaten Sektor, also Unternehmensanleihen, konzentrieren. Die Anleihenkäufe waren in den vergangenen Jahren die stärkste Waffe der Währungshüter im Kampf gegen eine schwache Konjunktur und eine aus ihrer Sicht zu niedrige Inflation.

Am Leitzins, der seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent steht, rüttelt der EZB-Rat indes nicht. Die Währungshüter beließen auf ihrer Zinssitzung anders als erwartet auch den Einlagensatz bei minus 0,50 Prozent. Für die Zukunft schließt EZB-Chefin Lagarde Zinssenkungen aber nicht aus. "Wenn dies nötig sei, "werden wir das machen".

Lob und Tadel von den Experten

Markus Gürne
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Börse von EZB enttäuscht

"Die unveränderten Zinsen sind eine Überraschung", kommentierte Ralf Umlauf von der Helaba die EZB-Entscheidung. Die Geldmarkt-Futures hatten eigentlich schon mehr als eine Reduzierung um zehn Basispunkte in den Kursen vorweggenommen. Andererseits lobte er die Liquiditätsspritzen für die Banken. Stefan Schneider, Chefökonom der Deutschen Bank, glaubt, dass die Maßnahmen Wirkung zeigen, besonders die langfristigen Refinanzierungsgeschäfte zu extrem günstigen Bedingungen. "Zusätzlich werden die Banken regulatorisch etwas von der Leine gelassen. Das alles zusammen sollte etwas helfen."

Ökonomen und Anlagestrategen bezweifeln, ob die EZB im Kampf gegen die Corona-Krise die richtigen Mittel noch hat. An den Märkten habe sich man längst daran gewöhnt, dass die Notenbanken jederzeit als Retter in der Not auftreten. Gegen eine Pandemie könne aber auch die EZB geldpolitisch nicht viel ausrichten. "Wir kommen jetzt in eine Phase, in der man sieht, dass der Policy-Put nichts mehr bringt", meint Heinz-Werner Rapp, CIO des Vermögensverwalters Feri. Auch Otmar Lang, Chef-Volkswirt der Targobank, glaubt, dass "anders als früher Notenbankmaßnahmen nur schmückendes Beiwerk sind, das keinen Turnaround bewirken kann". Lang: "Die klassische Geldpolitik ist damit nicht am Ende – aber sie ist derzeit einfach nicht das richtige Mittel."

Erster Härtest für "Madame Courage"

Angesichts massiver Börsenturbulenzen und unterbrochener Lieferketten bei Unternehmen steht EZB-Chefin Christine Lagarde vor ihrer bislang wohl schwierigsten Aufgabe. "Die Volkswirtschaften des Euroraum sind mit einem massiven Schock konfrontiert", sagte die EZB-Präsidentin nach der Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag. Die rasante Ausbreitung des Coronavirus sei ein großes Abwärtsrisiko für die Konjunktur - verbunden mit erheblichen Unsicherheiten. Die EZB rechnet im laufenden Jahr nur noch mit 0,8 Prozent Wachstum im Euroraum, im Dezember waren die Experten der Notenbank noch von 1,1 Prozent Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausgegangen.

Die Geldpolitik nutze alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente, um die Folgen der Krise abzufedern, versicherte Lagarde. Notwendig seien aber vor allem entschlossene Entscheidungen der Fiskalpolitik: "Alle Regierungen müssen an Deck sein und bereit zu handeln."

Strategie-Überprüfung der EZB wird verschoben

Die Überprüfung der EZB-Strategie muss sie wegen der Corona-Krise verschieben. Das erste Treffen werde um sechs Monate hinausgeschoben, erklärte die Französin. Bei der umfassenden Überprüfung der geldpolitischen Strategie an - die erste seit 2003 - geht es unter anderem um den geldpolitischen Werkzeugkasten, die Messung der Inflation und die Kommunikation der Notenbank. Noch im Januar hatte Lagarde bekräftigt: "Wir werden jeden Stein umdrehen."

Wegen der Viruskrise haben andere Zentralbanken bereits ihre Geldpolitik deutlich gelockert. Die US-Notenbank (Fed) und die Bank von England senkten außerplanmäßig ihre Leitzinsen um jeweils einen halben Prozentpunkt.

nb

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Das sagen die Ökonomen zum EZB-Entscheid "EZB setzt an der richtigen Stelle an"

Clemens Fuest, Ifo-Institut

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts:
"Die Beschlüsse der EZB weisen insgesamt in die richtige Richtung. Sie sind vor allem darauf ausgerichtet, krisenbedingt aufkommenden Liquiditätsproblemen bei Banken und kleinen und mittleren Unternehmen entgegenzuwirken. Die Ausdehnung der Anleihekäufe mit Konzentration auf Anleihen privater Emittenten kann dazu ebenso beitragen wie die Verbesserung der Konditionen des gezielten und langfristigen Programms für die Banken-Refinanzierung  (TLTRO III). Die Anleihekäufe könnten auch zu einer Stützung der Aktienmärkte beitragen. Zu begrüßen ist, dass auf weitere Zinssenkungen verzichtet wurde – deren Wirkung wäre angesichts der bereits heute negativen Einlagenzinsen der EZB ohnehin gering."