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Experten zur Ausweitung des EZB-Notprogramms "Substanzielle Aufstockung"

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW:
"Die PEPP-Aufstockung liegt um 100 Milliarden über den Erwartungen. Allgemein versucht die EZB damit den Märkten die Zuversicht zu vermitteln, dass sie stets bereit ist, einzugreifen. Das ist bislang auch gut gelungen. Hinzu kommt, dass die EZB jetzt auch von der EU fiskalpolitischen Flankenschutz bekommen soll. Alles gut, wenn nur nicht die Pandemie wäre?

Man kann es auch so sagen: Die Reichweite der Geldpolitik ist in der jetzigen Situation anscheinend auf die Finanzmärkte begrenzt. Die wirklich wichtige Arbeit wird derzeit in den Krankenhäusern und Forschungslaboren getan."

Experten zur Ausweitung des EZB-Notprogramms "Substanzielle Aufstockung"

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW:
"Die PEPP-Aufstockung liegt um 100 Milliarden über den Erwartungen. Allgemein versucht die EZB damit den Märkten die Zuversicht zu vermitteln, dass sie stets bereit ist, einzugreifen. Das ist bislang auch gut gelungen. Hinzu kommt, dass die EZB jetzt auch von der EU fiskalpolitischen Flankenschutz bekommen soll. Alles gut, wenn nur nicht die Pandemie wäre?

Man kann es auch so sagen: Die Reichweite der Geldpolitik ist in der jetzigen Situation anscheinend auf die Finanzmärkte begrenzt. Die wirklich wichtige Arbeit wird derzeit in den Krankenhäusern und Forschungslaboren getan."

Prof. Volker Wieland

Prof. Volker Wieland, Wirtschaftsweiser:
"Das ist eine substanzielle Aufstockung. Sie wäre aber nicht zwingend notwendig gewesen. Denn die bisherige Größe des Kaufprogramms hätte noch einige Zeit ausgereicht. Offenbar wollte die EZB einen starken Aufschlag machen. Das ist insofern nachvollziehbar, als dass die Rezession tiefer ausfallen dürfte als erwartet. Man hätte aber warten können, da sich zuletzt die Situation an den Märkten etwas entspannt hat. Schließlich wurden auch von europäischer Seite große fiskalische Stützungspakete bereits ins Schaufenster gestellt.

Es werden für einen langen Zeitraum fällige Anleihen reinvestiert. Was fehlt: Es wird weit und breit nicht signalisiert, ob die EZB irgendwann einmal ihren Anleihebestand wieder auf ein Normalmaß zurückfährt. Die US-Notenbank Fed macht das anders. Die vom Volumen her extremen Maßnahmen müssen mit Prinzipien verbunden werden, die die Bedingungen klären, unter denen man den Anleihenbestand wieder zurückfährt. Das fehlt mir noch."

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank:
"Die EZB zeigt erneut, dass sie den Ernst der Lage erkannt hat. Wie schon mehrfach zuvor hat sie die Erwartungen sogar noch etwas übertroffen. In der schärfsten Rezession, die die Eurozone je erlebt hat, legt sie geldpolitisch noch einmal nach. Angesichts einer Inflationsrate von 0,1 Prozent ist dies mehr als angemessen. Natürlich wird der zusätzliche Stimulus die Konjunktur nur maßvoll stützen. Schließlich waren die Finanzierungskosten für Unternehmen, Haushalte und Finanzminister schon vorher niedrig. Aber die EZB sendet ein starkes Signal, dass sie im Rahmen ihres Mandats alles tut, um Abwärtsrisiken für Konjunktur, Arbeitsmarkt und Preisstabilität einzugrenzen und eine Finanzkrise zu verhindern, die die Rezession noch vertiefen und verlängern könnte. Damit stützt sie das gerade langsam wieder aufkeimende Vertrauen der Haushalte und Unternehmen auf eine Ende der Mega-Rezession im weiteren Verlauf des Jahres.

Die EZB bleibt ihrem gerade von Deutschland geprägten Wesen treu. Sie trifft ihre Entscheidungen nach Sachlage in völliger Unabhängigkeit, ohne sich ihre Handlungen von einer für sie nicht zuständigen nationalen Instanz wie dem deutschen Verfassungsgericht einschränken zu lassen."

Thomas Gitzel, Volkswirt bei der VP-Bank

Thomas Gitzel, Volkswirt bei der VP-Bank:
"Die EZB fackelt nicht lange und bessert ihre Notfallmaßnahmen nach. In Anbetracht eines massiven Wirtschaftseinbruchs, steigender Arbeitslosenquoten und einer zu niedrigen Inflationsrate musste die EZB nachbessern. Frau Lagarde möchte sich nicht dem Vorwurf der Tatenlosigkeit aussetzen. Die Ausweitung der Wertpapierkäufe kommen vor allem den schuldengeplagten Ländern der Eurozone zugute. In Anbetracht einer massiv steigenden Staatsverschuldung taucht die Frage nach der Schuldentragfähigkeit auf. Dies betrifft vor allem Länder wie Italien oder auch Griechenland. Die Käufe der EZB sind für diese Staaten reiner Balsam.

Schon bald könnte aber das PEPP zur Überprüfung bei den Bundesverfassungsrichtern in Karlsruhe landen. Ob es dann noch immer ein Freispruch in Sachen 'monetäre Haushaltsfinanzierung' gibt, sollte nicht als gesichert gelten. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit jetzt erst recht."

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe:
"Die EZB liefert wie von den Finanzmärkten gewünscht. Mit den neuen 600 Milliarden Euro ist der Schluck aus der Flasche groß. Dies lässt auf grottige Wachstums- und Inflationsprojektionen schließen. Die EZB wird die Transmission ihrer Geldpolitik weiterhin ohne Wenn und Aber sicherstellen. Auch wegen gestiegener Finanzstabilitätsrisiken ist ein noch höherer Expansionsgrad keine Illusion."

DZ Bank-Turm bei Nacht

Jan Holthusen, DZ Bank:
"Eine Aufstockung war weitgehend erwartet worden, da es sich abzeichnete, dass das bisherige Volumen schon im Oktober ausgeschöpft sein würde. Das Aufstockungsvolumen von 600 Milliarden Euro liegt allerdings über den Markterwartungen und unterstreicht damit, dass die EZB bereit ist, schnell und entschlossen zu agieren. Allerdings scheint das nicht einstimmig beschlossen worden zu sein, was weitere Maßnahmen in den kommenden Monaten schwierig machen könnte.

Fälligkeiten von im Rahmen des PEPP erworbenen Wertpapieren sollen bis mindestens Ende 2022 reinvestiert werden – auch das ist eine Neuigkeit, die allerdings nicht ganz unerwartet kam. Eine formelle Aufweichung des Ankaufsschlüssels, über die im Vorfeld vereinzelt spekuliert worden war, blieb aus. Allerdings betont die EZB, im Rahmen des PEPP auch weiterhin flexibel agieren zu wollen, was ihre bisherige Praxis im PEPP bestätigt und sicherlich eine gute Nachricht für die südeuropäischen Staaten ist."

Nomura-Gebäude in Tokio

George Buckley, Europa-Chefvolkswirt von Nomura:
Mit der heutigen Entscheidung zur Ausweitung des PEPP-Kaufprogramms und zu den Reinvestitionen von Fälligkeiten hat sich die EZB vor die Kurve begeben. Die EZB hat eine bewusste Entscheidung gefällt, die Markterwartungen zu übertreffen."