Volkswagen-Logo vor dunklem Himmel auf dem Dach der Unternehmenszentrale in Wolfsburg

44,50 Euro je Stammaktie Erste Schadensberechnung im VW-Anlegerprozess

Stand: 26.11.2018, 15:24 Uhr

Im milliardenschweren Anlegerprozess gegen Volkswagen und VW-Hauptaktionär Porsche SE hat Richter Christian Jäde erste Überlegungen über die Berechnung eines möglichen Schadens präsentiert. Auch in Sachen Musterfeststellungsklage von VW-Kunden tut sich etwas.

Jäde sagte am vierten Verhandlungstag vor dem Oberlandesgericht Braunschweig am Montag, im Zeitraum zwischen der Veröffentlichung des Abgasskandals durch die US-Umweltbehörde EPA am 18. September 2015 und der Ad-Hoc-Mitteilung von Volkswagen am 22. September, sei der Kurs der Stammaktie um 31,08 Prozent eingebrochen. Bereinigt um die allgemeine Entwicklung des Leitindex Dax in dieser Zeit ergebe sich ein Kursverlust je VW-Aktie von 27,58 Prozent.

Den sich daraus ergebenden Kursdifferenzschaden je Stammaktie bezifferte der Richter auf 44,50 Euro. Jäde machte in der mündlichen Verhandlung, die wegen der großen Teilnehmerzahl in der Stadthalle stattfindet, klar, dass dies lediglich erste Überlegungen seien, die durch Gutachten und weitere Beratungen vor Gericht noch untermauert werden müssten. Auch seien die Berechnungen nicht so zu verstehen, dass das Gericht bereits von einer Haftung von Volkswagen ausgehe.

Schadensersatzforderungen von neun Milliarden Euro

Seit September verhandelt das Oberlandesgericht Braunschweig über die Klage. Bei dem Prozess vor dem dritten Zivilsenat fordern Aktionäre des Volkswagen-Konzerns und des Mehrheitseigentümers Porsche Schadensersatz für erlittene Kursverluste im Zuge des Abgasskandals. Daher werden sowohl die Volkswagen AG als auch die Porsche Automobil Holding SE im Rahmen eines Kapitalanleger-Musterverfahrens (KapMuG) eine Klage verklagt.

Musterklägerin ist die Fondsgesellschaft Deka Investment. Dahinter stehen rund 1.700 vergleichbare Fälle, die Kläger machen dabei Schadensersatz von insgesamt etwa neun Milliarden Euro geltend. Teils liegen die Klagen allerdings noch beim Landgericht Braunschweig, so dass sich der Streitwert beim Oberlandesgericht auf rund 4,3 Milliarden Euro beläuft.

Die entscheidende Frage ist: Hat VW die Märkte rechtzeitig über die Affäre rund um millionenfachen Betrug mit manipulierten Dieselmotoren informiert? Die Kläger argumentieren dagegen. Somit hätten Anleger die VW- und Porsche-Aktien ab dem Jahr 2009 zu überhöhten Kursen gekauft. Das erste manipulierte VW-Dieselfahrzeug war im Juni 2008 in den USA zugelassen worden.

Erhebliche Kursverluste

Nach Bekanntwerden der Abgas-Affäre im September 2015 hatten die VW-Vorzugsaktien zwischenzeitlich fast die Hälfte ihres Werts verloren, Anleger erlitten teils hohe Verluste. Die Porsche-Aktie brach in dem Zeitraum von über 60 auf nur noch gut 40 Euro ein.

Die beiden beklagten Konzerne behaupten, dass der Abgasbetrug vom Vorstand weder angeordnet noch gebilligt wurde. Vielmehr seien die Verfehlungen von untergeordneten Managern und Ingenieuren begangen worden, um die Anforderungen des Konzerns zu erfüllen. Laut VW hatte der Vorstand erst durch die EPA-Bekanntmachung der oder kurz vorher vom Ausmaß des Skandals erfahren.

Online-Anmeldeformular für betroffene VW-Kunden

"Voraussichtlich nächste Woche" können sich auch Autofahrer der Musterfeststellungsklage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) anschließen. Das Bundesamt für Justiz teilte am Montag mit, es bereite ein entsprechendes Online-Anmeldeformular vor. Die Behörde empfahl, diese elektronische Möglichkeit zu nutzen. Wer über keinen Internetzugang verfüge, könne das Formular schriftlich anfordern.

Mit der Musterfeststellungsklage gegen VW will der vzbv gemeinsam mit dem ADAC geklärt wissen, ob Verbrauchern mit vom Abgasskandal betroffenen Fahrzeugen der Marken des Wolfsburger Konzerns Schadensersatzansprüche zustehen. Das Gesetz zur Einführung der Musterfeststellungsklage war erst Anfang November in Kraft getreten.

tb