Ernüchterndes Börsendebüt von Facebook

Stand: 18.05.2012, 22:05 Uhr

Der größte Internet-Börsengang aller Zeiten ist fast zum Flop geraten. Nur mit Mühe konnte sich Facebook am ersten Handelstag über dem Ausgabekurs von 38 Dollar halten. Der anfängliche zweistellige Kurssprung schmolz rasch zusammen.

Der mit Spannung erwartete Börsengang des weltgrößten sozialen Netzwerks stand unter keinem guten Stern. Eine technische Panne verhinderte einen rechtzeitigen Start an der Nasdaq. Erst mit einer halbstündigen Verspätung nahm die Facebook-Aktie ihren Handel auf. Offenbar hatten mehrere Händler Probleme, ihre Kauf- und Verkaufsaufträge in letzter Minute zu ändern. Privatanleger blieben gut zwei Stunden im Unklaren darüber, ob ihre Order überhaupt ausgeführt wurden.

Stützungskäufe von Banken?

Facebook: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
140,55
Differenz relativ
+0,11%

Als dann gegen 11.30 Uhr (17.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit) die Kurse an der Tafel aufleuchteten, trauten wahrscheinlich manche ihren Augen kaum. Die Erstnotiz lag bei nur 42,05 Dollar - ein mageres Plus von 10,6 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs. Zunächst hatte die Nasdaq noch eine Erstnotiz von 43 Dollar gemeldet. Danach bröckelten die Kursgewinne immer mehr ab - auf bis 38 Dollar. Laut dem Fernsehsender CNBC erteilten Wertpapierhändler wegen der Pannenseriue keine neuen Aufträge mehr und bremsten die Nachfrage. Offenbar nur Stützungskäufe der beteiligten Banken am IPO hievten die Aktie wieder nach oben und verhinderten eine Blamage. Nachdem sich die Situation allmählich normalisiert hatte, gerieten die Aktien in der letzten Handelsstunde erneut unter Druck. Am Ende schlossen die Facebook-Titel nur knapp um 0,6 Prozent höher über ihrem Ausgabekurs bei 38,23 Dollar.

Kursfeuerwerk bleibt aus

"Wir sehen da draußen einige unglückliche Leute", meinte Wayne Kaufmann vom Brokerhaus John Thomas Financial. Sie hätten gehofft, dass sich Facebook wesentlich besser schlage. Manche Experten hatten der Aktie bei ihrem Debüt an der US-Technologiebörse Nasdaq einen Kurssprung von bis über 50 Prozent zugetraut. "Alles über 50 Prozent wird als erfolgreiche Emission betrachtet - alles unter 50 Prozent als enttäuschend", meinte Jim Krampfel, Analyst bei Morningstar, vor dem IPO. Andere Experten hatten Kursaufschläge von 15 bis 30 Prozent für möglich gehalten.

Das holprige Debüt von Facebook belastete die Wall Street. Die Nasdaq verlor über ein Prozent. Vor allem Internet-Titel gerieten unter Abgabedruck. Die Aktien von LinkedIn verloren sechs Prozent, die Titel des Schnäppchenanbieters sieben Prozent. Der Handel mit den Aktien des Internetspiele-Anbieters Zynga musste zeitweise gar ausgesetzt werden. Die Papiere brachen um neun Prozent ein.

Ausgabekurs am oberen Ende der Spanne

Dabei hatte vieles auf einen glanzvollen Start von Facebook hingedeutet. Als Facebook-Chef Zuckerberg symbolisch die Nasdaq-Glocke live via Internet-Schalte von der Unternehmenszentrale aus zur Börseneröffnung läutete, strahlte er noch übers ganze Gesicht. Wegen der hohen Nachfrage hatte das Zuckerberg-Unternehmen zwei Tage vor dem Debüt 25 Prozent mehr Aktien bereit gestellt als geplant. Der Ausgabekurs wurde am oberen Ende der Preisspanne von 34 bis 38 Dollar festgesetzt.

Der Ansturm der Investoren war enorm. Facebook hatte seinen Börsengang drei Mal aufgestockt. Zunächst sollten die Einnahmen nur bei fünf Milliarden Dollar und damit bei weniger als einem Drittel der jetzigen Summe liegen.

Größter Internet-Börsengang der Geschichte

Mit rund 104 Milliarden Dollar war Facebook zum Handelsstart so viel wert wie Daimler, BMW und Lufthansa zusammen. Selbst Google kam bei seinem Börsengang im Jahr 2004 nur auf eine Gesamtbewertung von 23 Milliarden Dollar. Heute liegt die Marktkapitalisierung von Google bei stolzen 200 Milliarden Dollar. Deutlich wertvoller ist Apple. Der iPhone-Hersteller wird derzeit mit rund 500 Milliarden Dollar an der Börse bewertet.

Das IPO von Facebook ist der wohl sechstgrößte Börsengang der Geschichte und der drittgrößte Börsengang in den USA. Nur die Kreditkartenfirma Visa und der Autobauer General Motors sammelten bei ihren Börsendebüts noch mehr Milliarden ein.

Zuckerberg wird Multimilliardär

Facebook und seine Alteigentümer nehmen mit dem Börsengang inklusive Mehrzuteilungsoption ("Greenshoe") insgesamt 18,4 Milliarden Dollar ein - das sind 14,5 Milliarden Euro. Dem Unternehmen fließen etwas mehr als die Hälfte der Erlöse zu. Firmengründer Mark Zuckerberg selbst hat 30 Millionen seiner eigenen Anteilsscheine verkauft und damit gut 1,1 Milliarden Dollar eingenommen. Mit dem Geld will er fällige Steuern begleichen. Er besitzt aber noch einen Anteil im Gegenwert von gut 19,1 Milliarden Dollar und kontrolliert 57 Prozent aller Stimmrechte. Damit wird Zuckerberg auch künftig die Geschicke von Facebook bestimmen.

Der Börsengang ist der Höhepunkt einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Mark Zuckerberg hatte Facebook zusammen mit Kommilitonen 2004 als digitales Jahrgangsbuch für Studenten auf die Beine gestellt. Schon im ersten Jahr zog das Netzwerk rund eine Million Nutzer an. Mittlerweile sind es gut 900 Millionen, die ein Facebook-Konto haben, ihre Kontakte über das Netzwerk organbisieren, Fotos posten und Musik mit Freunden teilen.

Riskante Wette auf die Zukunft

Die hohe Nutzerzahl macht Facebook für die Werbeindustrie interessant und erklärt die hohe Nachfrage der Investoren. Facebook ist allerdings auch eine Wette auf die Zukunft, denn noch sehen die Geschäftszahlen im Vergleich zu anderen Konzernen mau aus: Im vergangenen Jahr lagen der Umsatz bei 3,7 Milliarden Dollar und der Gewinn bei einer Milliarde Dollar. Im ersten Quartal 2012 schrumpfte gar der Umsatz um sechs Prozent und der Gewinn gar um zwölf Prozent.

Manche Experten zweifeln an den Wachstumsperspektiven Facebooks. Die Aktie sei mit 38 Dollar nur fair bewertet, wenn es dem Unternehmen gelinge, seinen Nettogewinn bis 2014 jährlich zu verdoppeln, meinte Fondsmanager Thilo Müller von MB Fund Advisory. "Das ist ein riskantes Manöver, auf das sich die Anleger da einlassen."

Branchen-Beobachter fragen sich, wie Facebook mit seiner enormen Zahl an Nutzern tatsächlich erfolgreich Geld verdienen kann. Denn der größte Teil des Umsatzes kommt aus der Werbung. Will Facebook das versprochene Wachstumstempo halten, muss der Konzern also neue Erlösquellen erschließen.

Woher kommen die Einnahmen?

Selbst unter den Werbetreibenden macht sich Skepsis breit. So kündigte General Motors Mitte der Woche an, vorerst keine Anzeigen mehr auf Facebook zu schalten, weil die Nutzer dadurch kaum erreicht würden. Überdies besuchen immer mehr Anhänger von Facebook das Netzwerk auf ihren Smartphones, wo kaum Werbung zu sehen ist und entsprechend die Einnahmen ausbleiben.

Zudem flatterte am Freitag Facebook eine 15 Milliarden Dollar schwere Sammelklage ins Haus. Nutzer werfen dem sozialen Netzwerk vor, ihre Spuren im Internet aufgezeichnet zu haben, auch nachdem sie die Facebook-Webseite geschlossen hätten.

Angesichts solcher Unwägbarkeiten erscheint die Marktbewertung der Aktie geradezu astronomisch. Experten warnen daher vor einem unkritischen Einstieg. Lesen Sie mehr dazu im Beitrag Facebook-Aktie? Gefällt mir nicht!