Wochenausblick

Nach über 2.000 Punkten Plus Erholungsrally mit Fragezeichen

von Robert Minde

Stand: 19.04.2020, 15:25 Uhr

Die aktuelle Dax-Erholung zeigt, wie viel Vorschusslorbeeren die Anleger bereits verteilt haben bei der Bewältigung der Coronakrise. Aber kann der Scheck auch eingelöst werden? Die Börse braucht und dürstet dazu nach guten Nachrichten.

Denn die harte Realität gleicht nach wie vor einem Ritt auf der Rasierklinge. Zwar ist der Verlauf der Epidemie hierzulande erfolgreich verlangsamt worden, überwunden ist sie aber noch nicht. Was die Börse bisher nicht davon abgehalten hat, schon kräftig Vorschusslorbeeren zu verteilen, wie die stürmischen Reaktionen auf die eher vorsichtigen Lockerungen der Bundesregierung gezeigt haben.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11.391,28
Differenz relativ
+2,87%

Mit den Lockerungen sei nun "viel Positives vorweggenommen, so dass es zwischenzeitlich durchaus zu Enttäuschungen kommen kann", schreibt Analyst Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Der Dax hat mittlerweile von seinem März-Tief weit über 2.000 Punkte wieder gut gemacht und sich um die Marke von 10.600 Punkten etabliert.

Viel drin in den Kursen

Die Anleger blicken derzeit mit viel Optimismus auf die Gewinnentwicklung im zweiten Halbjahr. Weitere Rückschläge sind da im derzeitigen Preis eher nicht enthalten, unmittelbar zu erwartende schwache Unternehmens- oder Konjunkturdaten aber wohl schon.

Jubelnde Anleger vor Kurstafel der Deutschen Börse
Audio

Dax schafft zweites Wochenplus in Folge

Selbst wenn rasch ein Medikament zur Behandlung des Covid-19-Erregers gefunden werde, bleibe der Rückweg zur Normalität lang und steinig, prophezeit Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners. "Die Folgen des wirtschaftlichen Lockdowns auf Unternehmensebene und der Anstieg der Arbeitslosenquote lassen sich nicht einfach rückgängig machen."

Neue milliardenschwere Hilfsprogramme in Sicht

Hoffnung könnte von den europäischen Institutionen kommen. ESM-Chef Klaus Regling erwartet einen Bedarf von mindestens weiteren 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern aus europäischen Töpfen. "Es könnte aber mehr sein", sagte er der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" (Sonntag). Dafür müsse man über neue Kriseninstrumente nachdenken, aber auch bestehende Möglichkeiten wie den EU-Haushalt nutzen.

ARD-Börsenstudio: Jan Plate
Audio

B5 Börse 11.14 Uhr: Macron erhöht Druck für Euro-Bonds

Auch die Bundesregierung plant weitere Hilfen für gebeutelte Branchen wie etwa das Hotel- und Gaststättengewerbe. Neue Milliarden, aus welchen Töpfen auch immer, würden an der Börse natürlich gut ankommen und den Bullen in die Hände spielen. Auch Eurobonds, also gemeinsame Schuldverschreibungen aller EU-Staaten, dürften wieder ein Thema werden, werden diese Papiere trotz der ablehnenden Haltung der Bundesregierung doch zunehmend zu einem Politikum in der EU.

Ifo-Index im Fokus

Viel hätte und wenn also, aber mehr bleibt der Börse eben im Moment nicht. Es wird ein Wechselbad der Gefühle bleiben, getragen von Hoffnungen auf den Durchbruch bei der Bekämpfung des Virus und/oder der erhofften Stabilisierung der Fallzahlen, aber auch von möglichen Rückschlägen. Da bleibt den Anlegern hierzulande erst einmal nur, die unmittelbar auf der Agenda stehenden Daten abzuwarten.

Wie zum Beispiel den Ifo-Geschäftsklimaindex, den wichtigsten deutschen Konjunkturindikator, der am Freitag für den April veröffentlicht wird. Dieser dürfte den Experten zufolge noch einmal weiter absinken. Nach dem Einbruch der Geschäftserwartungen im März könnte im April auch bereits die Lageeinschätzung die negative Entwicklung nachvollziehen, meint die BayernLB. Erwartet werden zudem die ZEW April-Konjunkturerwartungen am Dienstag und das GfK-Verbrauchervertrauen am Donnerstag.

International blicken die Märkte natürlich wieder auf die Entwicklung am US-Arbeitsmarkt, wo am Donnerstag die wöchentlichen Erstanträge auf der Agenda stehen. Zudem gibt es am Donnerstag auch April-Daten der Einkaufsmanager für Europa und die USA. Aus Amerika werden zudem die Auftragseingänge für langfristige Güter für März sowie das endgültige Verbrauchervertrauen der Uni Michigan im April erwartet.

Ölpreisschwemme und kein Ende

Angespannt bleibt die Lage am Ölmarkt. Der Preis der US-Leichtölsorte WTI fiel am Freitag mit etwas über 18 Dollar je Fass auf den tiefsten Stand seit 18 Jahren. Denn es wird nach wie vor viel zu viel Öl gefördert angesichts der globalen Verwerfungen durch die Viruskrise. Experten werten jüngste Maßnahmen der in der "Opec+" organisierten Förderstaaten zur Stabilisierung der Ölpreise als nicht ausreichend.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
35,57
Differenz relativ
+1,98%
Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
33,75
Differenz relativ
+2,12%
Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,0898
Differenz relativ
+0,01%

"Wir haben Rekordkürzungen gesehen, aber dies war nicht annähernd genug um den Markt ins Gleichgewicht zu bringen", sagte Warren Patterson, Rohstoffexperte der ING Bank. Selbst die Nachfrageprognose der Opec zeige, dass diese geringer sei als das Angebot.

Eine von den Börsen so sehnlichst erhoffte nachhaltige Erholung der Wirtschaft bei weiter rekordniedrigen Ölpreisen - das passt irgendwie nicht zusammen und spricht eher dafür, dass eine Erholung am Aktienmarkt mit gedämpftem Schaum vonstatten gehen sollte.

Am Devisenmarkt tut sich angesichts der Dimension der globalen Krise erstaunlich wenig. Der Dollar dürfte trotz schwacher Wirtschaftsdaten und einer Rekordflut neuer Greenbacks durch die Federal Reserve weiter als sicherer Hafen gefragt bleiben und gegen den Euro stabil handeln. Grundsätzlich bleibt auch am Devisenmarkt der Fortgang der Viruskrise das alles beherrschende Thema.

Unter Druck geraten in diesem Zusammenhang die Währungen der Schwellenländer, etwa der türkischen Lira oder dem südafrikanischen Rand - wo die Investoren Fremdwährungen, besonders Dollar, derzeit in die heimischen Märkte umleiten.

Ausländische Dickschiffe bestimmen das Tempo

Unter den Unternehmensnachrichten stehen kommende Woche überwiegend große US-Aktien im Fokus. So etwa solche Größen wie Netflix, Coca-Cola oder Intel. Auch aus Europa legen Konzerne wie Philips, Heineken, Sanofi oder Credit Suisse Zahlen zum ersten Quartal vor. Hinzu kommen die angelsächsischen Rohstoffriesen BHP Billiton und Anglo American mit ihren Updates.

Der deutsche Berichtskalender ist derweil überschaubar. Aus dem Dax legt lediglich SAP Zahlen vor, hatte aber Eckdaten bereits berichtet. Ansonsten gibt es lediglich vereinzelt aus der zweiten Reihe Ergebnisse, so vom Laborausrüster Sartorius, dem Netzwerkausrüster Adva Optical, der Software AG oder von Südzucker.