Deutsche Bank Online-HV 2020

Gemischte Bilanz der Online-HV-Saison Entmachtete Aktionäre, zufriedene Vorstände

Stand: 13.07.2020, 06:45 Uhr

Seit Corona hat gut die Hälfte der Dax-Konzerne ihre Hauptversammlung als virtuelle Veranstaltung abgehalten. Das Echo ist zwiespältig. Während die Firmenlenker das Experiment loben, sind Aktionärsvertreter ernüchtert.

Viele Aktionäre sind dieses Jahr frustriert. Früher war eine Hauptversammlung ein Festtag. Da ging man hin, um mit Gleichgesinnten zu sprechen, die Vorstände aus nächster Nähe zu erleben und um mehr Informationen über das Unternehmen zu bekommen. Am Saal-Mikrofon konnten die Anleger ihre Fragen loswerden. Zur Entschädigung für das stundenlange Ausharren im Versammlungssaal gab's ein Buffet mit Würstchen und Kartoffelsalat - eine Art "Naturaldividende". Zum Finale durften die Aktionäre dann mit echten Zetteln über die Entlastung des Vorstands abstimmen.

"Blutleere" Veranstaltungen

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW)

Marc Tüngler, DSW. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Das alles fand wegen Corona so nicht mehr statt. Seit April haben mehrere Dax-Konzerne ihre Hauptversammlung als rein virtuelles Treffen abgehalten - ohne Würstchen-Theke, ohne kontroverse Debatten und die sonst üblichen Proteste selbst ernannter Aktivisten vor der Veranstaltungshalle. Nie waren die HV's so langweilig und emotionslos wie 2020. Als "blutleer" bezeichnet sie Rechtsanwalt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Ob bei Bayer, Daimler, Eon, der Lufthansa oder der Deutschen Bank - die Vorstands- und Aufsichtsratschefs beantworteten in vorgefertigten Antworten die Fragen der Aktionäre. Aktionärsvertreter Tüngler fühlte sich fast wie bei der Tagesschau oder beim heute-Journal. "Man hätte auch Judith Rakers oder Claus Kleber für das Vorlesen engagieren können."

Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
42,42
Differenz relativ
+0,22%
Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
48,40
Differenz relativ
+1,03%

Bei den meisten Online-HVs wurden Aktionärsfragen thematisch gebündelt und dann en bloc beantwortet. Die langen Redebeiträge von Investoren und Aktionären, denen in Vor-Corona-Zeiten mitunter gar das Mikrofon abgeschaltet wurde, entfielen.

Deka-Experte: "Katastrophe für die Aktionärsdemokratie!"

Ingo Speich, Fondsgesellschaft Deka

Ingo Speich, Deka. | Bildquelle: Union Investment

Etlichen Privatanlegern und Großinvestoren gefiel das gar nicht. Ingo Speich, Corporate-Governance-Verantwortlicher der Deka Bank, spricht von einer "Katastrophe für die deutsche Aktionärsdemokratie" und "massiven Schädigung der Aktienkultur". Die Anteilseigner seien regelrecht entmachtet worden. "Es gab keine Generaldebatte, Aktionäre hatten kein echtes Fragerecht, und Anfechtungen waren praktisch nicht möglich."

Die Online-HVs seien reduziert worden auf ein reines Abstimmen, moniert Speich. Dabei werde verkannt, dass "eine Hauptversammlung viel mehr ist und vom Diskurs lebt".

Auch Janne Wenning von der Fondsgesellschaft Union Investment sieht die Aktionärsdemokratie in Gefahr. "Wenn die Aktionäre ihrer Einflussmöglichkeiten beraubt werden, weil sie auf der HV kein vollumfängliches Frage-, Rede- und Auskunftsrecht mehr haben, werden sie geneigt sein, mit den Füßen abzustimmen", warnte er im "Handelsblatt". Das heißt: Sie werden womöglich ihre Aktien abstoßen.

Unternehmen verteidigen die Online-HV

Einladung zur virtuellen Bayer-HV

Einladung zur virtuellen Bayer-HV. | Bildquelle: picture alliance

Die Unternehmen können diese Kritik nicht nachvollziehen. Sie sind zufrieden mit den Online-Hauptversammlungen. Bayer, Allianz, Lufthansa & Co heben positiv den straffen Ablauf, die geringeren Kosten und die bessere Vorbereitung auf die Fragerunde hervor. "Die längere Vorlaufzeit hat es uns ermöglicht, die Aktionärsfragen teils noch detaillierter zu beantworten", teilte Bayer mit.

Tatsächlich waren die neuartigen Hauptversammlungen deutlich kürzer als sonst. Statt zwölf Stunden benötigte Bayer diesmal nur sieben Stunden für das Treffen. Bei der Allianz dauerte die Veranstaltung mit nur dreieinhalb Stunden halb so lang wie im vergangenen Jahr. Die Kosten für die HV konnten halbiert werden.

Teilweise mehr Aktionäre als sonst

Die Befürchtung, dass weniger Aktionäre zu den Online-Hauptversammlungen kommen, erwies sich als unbegründet. Bei der Allianz und Münchener Rück nahmen im Vergleich zu 2019 fast ein Drittel mehr Anteilseigner teil. Die Bayer-HV verfolgten 5.000 Nutzer. Ob diese freilich alle Aktionäre waren und ob sie stundenlang durchhielten, ist ungewiss. Das Event war als Livestream für jeden interessierten Internetnutzer frei zugänglich.

Die Präsenz des Grundkapitals lag bei den meisten Firmen auf Vorjahresniveau. Auch die Zahl der eingereichten Fragen wich kaum von den Vorjahreswerten ab, hat das "Handelsblatt" festgestellt. Dabei mussten die Fragen bis zu zwei Tage vorher geschickt werden.

Eon-Chef will dauerhaft Online-HV

Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender der Eon AG

Johannes Teyssen. | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon

Manche Vorstandschefs sind sogar zu regelrechten Fans des Online-Formats geworden. Eon-Chef Johannes Teyssen möchte auch nach Ende der Corona-Krise die Aktionärstreffen des Energiekonzerns online abhalten. Bei seiner Rede auf der Eon-HV warb er ausdrücklich dafür, den Weg für eine modernere und zeitgerechtere Hauptversammlung zu suchen. Als besonderen Vorteil sieht er, dass die vielen internationalen Eon-Aktionäre besser teilnehmen könnten. "Ist es zu Zeiten der Online-Kultur und des Klimaschutzes nicht vielleicht sogar nachhaltiger, wenn eine Beteiligung an HV ohne anstrengende Reisen ermöglicht wird", fragte er die Anteilseigner.

Aktionärsvertreter lehnen das ab. DSW-Mann Tüngler sieht die Corona-HV nicht als "Blaupause für eine grundsätzliche Neugestaltung der Hauptversammlung". Er schlägt ein Hybrid-Modell, eine Kombination aus Präsenzveranstaltung und virtueller Variante. In der Präsenz-HV könnten die wichtigsten Aktionärsrecht wie Rede- und Antragsrecht ausgeübt werden. Im gleichzeitigen online-Format könnten die Rechte eingeengt werden.

Hybrid-Modell als Alternative?

Deka-Corporate-Governance-Verfechter Speich würde auch hybride HV-Modelle begrüßen, wenn es keine Einschränkung bei den Aktionärsrechten gibt. "Eine Online-Hauptversammlung mit allen Rechten und Pflichten, in der Fragen auch weniger als zwei Tage vorher gestellt werden können und in der Aktionärsanträge zugelassen sind, wäre eine mögliche Ergänzung."

Beobachter halten es indes durchaus für wahrscheinlich, dass es auch 2021 keine normalen Präsenz-Hauptversammlungen geben wird. Der Gesetzgeber könnte die jetzigen Regelungen bis Ende 2021 verlängern. Ende März hatte die Bundesregierung die Präsenzpflicht bei Hauptversammlungen aufgeweicht und ein Gesetz auf den Weg gebracht, der die Möglichkeit von virtuellen beschlussfähigen HVs schafft.