Baustellenschild vor der Deutsche Bank Zentrale in Frankfurt
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Deutsche Bank im Umbruch Ein längst überfälliger Schritt

von Lothar Gries

Stand: 08.07.2019, 09:20 Uhr

Nach bald 20 Jahren des Niedergangs reißt die Führungsspitze der Deutschen Bank endlich das Ruder herum: raus aus dem Investmentbanking, zurück zu den Wurzeln. Der Preis dafür ist hoch und der Erfolg völlig ungewiss. Doch es musste etwas geschehen.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Traum der Deutschen Bank, in einer Liga mit den führenden der Investmentbanken der Welt zu spielen, längst geplatzt ist, reicht ein Blick auf die Statistik.

Im ersten Halbjahr 2019 sind die Einnahmen des Frankfurter Geldhauses aus dem Handel mit Anleihen und Aktien sowie der Beratung von Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen (M&A) um 20 Prozent gesunken - so stark wie bei keinem anderen der 15 führenden Investmentbanken. Bei der Begleitung von Börsengängen und Kapitalerhöhungen brachen die Erlöse in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr sogar um 48 Prozent auf 177 Millionen Dollar ein.

Abstand vergrößert

Damit hat sich der Abstand auf die Wettbewerber von der Wall Street weiter vergrößert. An der Spitze liegen unverändert JPMorgan und Goldman Sachs, gefolgt von der Bank of America.

Auch ein anderer Vergleich zeigt, wie notwendig ein radikaler Schnitt mit der Vergangenheit ist: Gemessen an der Bilanzsumme belegt die Deutsche Bank zwar den fünften Platz in Europa, doch beim Gewinn ist sie auf Platz 20 zurückgefallen.

Konsequenter Schritt

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Es ist also nur konsequent, wenn Bankchef Christian Sewing nun die Reißleine zieht und einen Befreiungsschlag riskiert. Dazu will er sich von weiten Teilen des Investmentbankings wie dem Aktienhandel trennen und die Bank wieder ihrem ursprünglichen Zweck näher bringen will: der Finanzierung und Beratung von Unternehmen.

War es doch der vor 30 Jahren mit dem Kauf der US-Bank Morgan Grenfell begonnene "Ausflug" in das Investmentbanking, der die Deutsche Bank an den Abgrund geführt hat, an dem sie heute steht. Auch die kriminellen Zockereien und die darauf folgenden milliardenschweren Strafen gehen auf das Konto der einst so gehätschelten Jungbanker aus New York und London.

Schwieriges Marktumfeld

Der Preis für den "echten Neustart", wie es Sewing formuliert, ist hoch: 18.000 Mitarbeiter müssen gehen. Die Bank will dadurch ihre Ausgaben in drei Jahren um gut ein Viertel auf 17 Milliarden Euro absenken. Gleichzeitig sollen die Einnahmen bei rund 25 Milliarden Euro stagnieren - trotz des Rückzugs aus großen Teilen des Investmentbankings.

Dadurch will die Bank ihre derzeit bei 98 Prozent liegende Aufwands-Ertrags-Quote bis zum Jahr 2022 auf 70 Prozent verbessern. Ob Sewing der Plan gelingt, ist alles andere als ausgemacht, mangelt es doch in Deutschland nicht an Banken. Im Gegenteil: In keinem anderen Land der EU gibt es so viele Kreditinstitute wie in Deutschland, wo sich die privaten Banken noch immer den Markt mit Sparkassen, Landesbanken sowie Genossenschaftsbanken teilen müssen.

Wette auf die Zukunft

Privatkunden und Unternehmen, denen sich die Deutsche Bank nun verstärkt wieder zuwenden will, haben folglich die Qual der Wahl. Es wird also erheblicher Anstrengungen bedürfen, um auf diesem umkämpften Markt wieder mehr und vor allem lukrative Kundenbeziehungen aufzubauen. Dabei könnte der Teilrückzug aus dem Investmentbanking zunächst sogar dazu führen, dass sich Kunden von der Deutschen Bank abwenden, was die Einnahmen aus dieser Sparte weiter schrumpfen lassen dürfte.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 10 Jahre
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Der nun angestoßene Umbau der Deutschen Bank ist also eine Wette auf die Zukunft, deren Ausgang darüber entscheiden wird, ob Deutschland zumindest eine international wettbewerbsfähige, privatwirtschaftliche Bank haben wird, oder überwiegend staatliche Instituten den Markt dominieren.

Auch für die gebeutelten Aktionäre steht viel auf dem Spiel. Der Kurs hat sich zwar zuletzt von seinen Tiefstständen von unter 6,00 Euro erholt, doch eine Dividende wird es in diesem und im nächsten Jahr nicht geben. Zumindest will der Vorstand für den Umbau kein neues Kapital aufnehmen.