Leerer Hauptversammlungssaal

Hauptversammlungen in Zeiten von Corona DSW plädiert für Präsenz-HV

Stand: 01.04.2020, 12:08 Uhr

Alljährlich informieren die Aktionärsschützer über die Trends der Hauptversammlungs-Saison. Diesmal ist alles anders - wegen Corona. Die Änderung der Gesetzeslage, die nun reine Online-HVs ermöglicht, sieht die DSW als zeitlich begrenzte Notlösung.

Eigentlich wollte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) schon Mitte vergangener Woche ihre Pressekonferenz abhalten, um die Themen der Hauptversammlungen und die größten Kapitalvernichter vorzustellen. Doch der Corona-Crash an den Finanzmärkten und die Verschiebungen von zahlreichen Hauptversammlungen machten die Aktionärsschützer zunächst sprachlos.

Mit einer Woche Verspätung meldete sich die DSW heute via virtueller Pressekonferenz zu Wort. Dabei räumten die Aktionärsschützer ein, dass "selbst lang gediente DSWler eine Hauptversammlungssaison wie die diesjährige noch nicht erlebt haben". Hauptversammlungen würden in diesem Jahr entweder auf unbestimmte Zeit verschoben oder fänden vor leeren Rängen statt.

Keine Blaupause für Neugestaltung der HV

Die Änderung des Aktienrechts, die eine reine Online-HV ohne Satzungsänderung ermöglicht, sehen DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler und Vizepräsident Klaus Nieding mit gemischten Gefühlen.  Die Beschneidung der Aktionärsrechte gehe sehr weit und tauge nicht als Blaupause für eine grundsätzliche Neugestaltung der Hauptversammlungen. Nieding befürchtet eine Einschränkung des Fragerechts der Aktionäre. Er fordert, dass alle Fragen bis in die HV hinein gestellt werden können. Diese sollten auch umfänglich beantwortet werden. Ebenso sollte eine Abstimmung bis zum Ende der Aktionärsversammlung online möglich sein – wie bei normalen HVs.

Die vom Gesetzgeber geschaffene Möglichkeit, den Aktionären eine Abschlagzahlung auf die vom Aufsichtsrat vorgeschlagene Dividende ohne HV-Beschluss zahlen zu können, begrüßt Tüngler. Interessant werde sein, wie die Unternehmen mit den durch die Corona-Krise veränderten Bedingungen für das laufende Geschäftsjahr dabei umgehen. Der Bayer-Konzern, der bei seiner geplanten Online-HV Ende April an der angekündigten Dividende festhalte, gehe hier mit gutem Beispiel voran.

Insgesamt sieht die DSW eine virtuelle HV als zeitlich begrenzte Notlösung. Durch die vom Gesetzgeber bis Ende 2020 verlängerte Frist für das Abhalten eines Aktionärstreffens sei der Druck nun nicht mehr so groß, rasch einen Termin für eine verschobene Hauptversammlung zu finden. Die Unternehmen sollten daher die HV zu einem späteren Zeitpunkt als Präsenzveranstaltung nachholen, schlägt DSW-Vizepräsident Klaus Nieding vor. "Wir brauchen die Auseinandersetzung von Gesicht zu Gesicht." Nur falls die Corona-Pandemie über den Sommer hinaus reiche, könne die Online-HV das Mittel der Wahl sein.

DSW fordert Pandemie-Pläne

Corona werde natürlich auf den Hauptversammlungen eine zentrale Rolle spielen, sind die Aktionärsschützer überzeugt. "Dabei werden die Aktionäre genau beobachten, ob nicht Corona für andere Probleme verantwortlich gemacht wird, die auch sonst bestanden hätten."

Der Anlegerschutzverein kritisiert fehlende Pandemie-Pläne. Bei der Hauptversammlungssaison solle ein besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, welche Strategien die Firmen für künftige Krisen aufstellten, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler. "Wir wollen wissen, wie künftig Szenarien aussehen und inwiefern sich Unternehmen auf so etwas wie Corona vorbereiten. Ein Pandemieplan gehört auf jeden Fall spätestens seit Corona auf die Agenda eines jeden Unternehmens." Man müsse auch darüber diskutieren, welches Polster ein Konzern aufbauen müsse, um ein paar Monate in einer Krise zu überstehen.

Weniger Dividenden

Wegen Corona dürften die Gewinnausschüttungen zukünftig nicht mehr so üppig ausfallen, ist sich der DSW bewusst. Der Dividendenrekord von 57 Milliarden Euro im Jahr 2019 dürfte nicht wiederholt werden. Entscheidend sei, so die Aktionärsschützer, vor allem eine nachvollziehbare Dividendenstrategie, die den Aktionären einen angemessenen Anteil am erwirtschafteten Gewinn überlasse.

Ein weiteres Thema, das eine große Rolle auf den Hauptversammlungen spielen werde, ist die Abhängigkeit von China. Die Vorstände müssen erklären, wie sie mit dieser Abhängigkeit umgehen.

Watchlist mit den größten Kapitalvernichtern

Neben den HV-Trends veröffentlicht die DSW traditionell bei ihrer Frühjahrs-PK auch die Watchlist mit den 50 größten Kapitalvernichtern der letzten fünf Jahre. Auch wenn der Corona-Crash zuletzt für heftige Verwerfungen gesorgt habe, habe sich langfristig bei den Flops wenig geändert. Die vergangenen Krisen an den Finanzmärkten hätten gezeigt, dass insbesondere die Langfristperspektive von entscheidender Bedeutung sei, erläuterte Tüngler: "Daran können Anleger erkennen, welche Unternehmen sich wirklich positiv oder negativ entwickeln."

Auf der Negativliste landete diesmal Sleepz ganz vorne. Die Aktie des Online-Matratzen-Verkäufers sackte 2019 um 92 Prozent ein. Auf Platz zwei der Watchlist folgte Steinhoff vor Leoni. Unter den Top Ten der Kapitalvernichter befand sich auch ein Dax-Konzern. Die Deutsche Bank. Zwar hätten sich die Titel der Bank 2019 etwas stabilisiert, aber an dem Kursverfall der letzten Jahre habe das kaum etwas geändert.

Die DSW misst die Entwicklung der Aktienkurse und Performance (mit Einbeziehung der Dividende) über einen Zeitraum von einem Jahr, drei und fünf Jahren. Dafür haben die Aktionärsschützer ein ausgeklügeltes Punktesystem entwickelt.

nb

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Die größten Kapitalvernichter DSW-Watchlist

<strong>Sleepz</strong><br/>Laut einer Studie schlafen rund 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland schlecht. Da müssten eigentlich gute Matratzen fürs Bett gefragt sein. Tatsächlich aber bereiten ein Preisverfall und der zunehmende Wettbewerb von Startups der Branche schlaflose Nächte. Seit vier Jahren schrumpft der Umsatz. 2019 gaben die Bundesbürger nur 1,3 Milliarden Euro für Matratzen aus - fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders hart hat es Sleepz getroffen. Der Online-Matratzenhändler steht am Abgrund, die Hälfte des Grundkapitals wurde aufgebraucht. 2019 meldete die Sleepz-Tochter Sam Stil-Art-Möbel Insolvenz an. Der Kurs von Sleepz brach alleine im vergangenen Jahr um 91 Prozent ein und ist nur noch gut 11 Cents wert. Auf  Dreijahres-Sicht beträgt das Kursminus gar fast 97 Prozent. Deshalb hat die DSW in ihrer Watchlist Sleepz mit minus 988 Punkten zum größten Kapitalvernichter der börsennotierten deutschen Firmen gekürt. : Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 5 Jahre

Sleepz
Laut einer Studie schlafen rund 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland schlecht. Da müssten eigentlich gute Matratzen fürs Bett gefragt sein. Tatsächlich aber bereiten ein Preisverfall und der zunehmende Wettbewerb von Startups der Branche schlaflose Nächte. Seit vier Jahren schrumpft der Umsatz. 2019 gaben die Bundesbürger nur 1,3 Milliarden Euro für Matratzen aus - fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders hart hat es Sleepz getroffen. Der Online-Matratzenhändler steht am Abgrund, die Hälfte des Grundkapitals wurde aufgebraucht. 2019 meldete die Sleepz-Tochter Sam Stil-Art-Möbel Insolvenz an. Der Kurs von Sleepz brach alleine im vergangenen Jahr um 91 Prozent ein und ist nur noch gut 11 Cents wert. Auf  Dreijahres-Sicht beträgt das Kursminus gar fast 97 Prozent. Deshalb hat die DSW in ihrer Watchlist Sleepz mit minus 988 Punkten zum größten Kapitalvernichter der börsennotierten deutschen Firmen gekürt.