Dividenden

Angeschlagene Konzerne sollen Zahlungen an Aktionäre streichen Dividenden und Staatshilfe: Debatte mit Brisanz

von Till Bücker

Stand: 05.05.2020, 15:17 Uhr

Unternehmen zahlen Dividende, bitten aber gleichzeitig den Staat um Hilfe: Das passt nach Ansicht der Politik nicht zusammen. Dennoch halten einige Konzerne an den Zahlungen fest. Eine Diskussion mit viel Zündstoff - aber auch möglichen Lösungen.

"Die Vorgaben sind klar: Wer einen Kredit bekommen will aus den KfW-Hilfsprogrammen, darf keine Gewinne oder Dividenden ausschütten", machte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) vor kurzem deutlich. Man werde in der Corona-Krise keinen Unternehmen helfen, die noch Dividenden ausschütten, sagte auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Die Politiker wehren sich damit unter anderem gegen den Vorwurf, Steuergelder leichtfertig zu vergeben und aufs Spiel zu setzen.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will Unternehmen, die Staatshilfe bekommen, die Dividende verbieten. | Bildquelle: imago images / photothek

Börsennotierte Unternehmen zahlen ihren Aktionären normalerweise einmal pro Jahr eine Dividende, eine Beteiligung am Gewinn. Die Höhe dieses Anteils wird im Rahmen der Hauptversammlung festgelegt.

"Ganz klar: Wenn KfW-Kredite in Anspruch genommen werden, sind Dividenden nicht mehr vermittelbar", erklärt Christian Strenger, Experte für gute Unternehmensführung (Corporate Governance) und Professor an der HHL Leipzig Graduate School of Management, im Gespräch mit boerse.ARD.de. In dieser Situation könne kein Geld aus den Unternehmen gezogen werden.

Adidas mit Staatskredit - Lufthansa folgt

Einige Konzerne folgen der Anweisung aus der Politik. So erhält etwa der Sportartikelhersteller Adidas 2,4 Milliarden Euro von der staatlichen Förderbank KfW und will keine Dividende zahlen, solange der Kredit läuft. Die Lufthansa, die nach eigenen Aussagen mit "einem baldigen Abschluss" der Verhandlungen über Staatshilfen rechnet, strich bereits vor dem Start der Gespräche ihre Dividende.

Der Autozulieferer Leoni musste sich gar verpflichten, keine Dividende zu zahlen, ehe der Spezialist für Kabel und Bordnetze die Staatsgarantie für einen millionenschweren Rettungskredit bekam.

Die Europäische Zentralbank (EZB) appelliert an die Banken, bis zum 1. Oktober auf die Gewinnausschüttungen zu verzichten. Das Geld soll dagegen in der Corona-Krise dafür genutzt werden, Unternehmen und Privatpersonen mit Krediten zu unterstützen. Die Deutsche Bank hatte wegen der Kosten für den Konzernumbau bereits im Juli angekündigt, keine Dividende zu zahlen. Das zweite große deutsche Geldhaus, die Commerzbank, kommt dem Wunsch der EZB ebenfalls nach.

Viel Lärm um nichts?

Bisher gibt es nur wenige Empfänger direkter Staatskredite, die allesamt die Vorgaben erfüllen dürften. Außerdem sitzen die 30 Dax-Konzerne laut einer Auswertung der "Wirtschaftswoche" auf Cash-Reserven von 362,7 Milliarden Euro und dürften keine direkte Hilfe brauchen.

Ist die Debatte also viel Lärm um nichts? Wohl nicht. Denn Woche für Woche hagelt es neue Gewinn- und Umsatzwarnungen - so viele wie noch nie. Kaum eine Branche ist nicht von der Krise betroffen.

So fordern die deutschen Autobauer angesichts des dramatischen Einbruchs der Neuzulassungen eine staatliche Kaufprämie. Am Dienstag soll darüber mit der Bundesregierung diskutiert werden. An den Dividenden halten VW, BMW und Daimler allerdings zunächst fest. Das birgt Konfliktpotenzial.

Streitfall Kurzarbeit

Ein weiterer wesentlicher Streitpunkt ist das Kurzarbeitergeld. Insgesamt sind in Deutschland mehr als zehn Millionen Menschen von Kurzarbeit betroffen. Weil die Finanzierung an den Beitragsrücklagen zehrt und den Haushalt der Bundesagentur für Arbeit zusätzlich belastet, könnten auf den Staat erhebliche Mehrkosten zukommen. In Frankreich und Dänemark ist es den Unternehmen, die Kurzarbeit in Anspruch nehmen, untersagt, Dividenden auszuzahlen.

"Kurzarbeitergeld ist eine Staatshilfe. Wer auf Staatshilfe setzt, kann nicht gleichzeitig Gewinne an Aktionäre ausschütten", twitterte Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion nach den ersten Anträgen auf Kurzarbeit.

Christian Strenger

Christian Strenger ist Experte für gute Unternehmensführung (Corporate Governance). | Bildquelle: DWS

Doch das ist umstritten. "Staatskredite sind eine Sondermaßnahme. Das Kurzarbeitergeld ist normaler und gilt nicht beliebig lange. Die Zahlung von Dividenden an Anspruchsberechtigte ist in angemessenem Umfang vertretbar", meint Experte Strenger. Die Aktionäre hätten das Recht, in die Gewinne mit einbezogen zu werden.

Damit finanzielle Stabilität und Flexibilität für eine mögliche Staatshilfe erhalten bleiben, strichen unter anderen der Triebwerkhersteller MTU, die Bekleidungskette Hugo Boss, der Flughafenbetreiber Fraport, der Motorenbauer Deutz oder der Sportartikelriese Puma die Dividende. All diese Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Andere wie der Chemiekonzern BASF, die Autobauer VW, BMW und Daimler sowie die Industriekonzerne Continental oder Siemens halten jedoch an den Zahlungen fest - trotz Kurzarbeit. Bayer hat bereits in der vergangenen Woche die Dividende ausgeschüttet, die Münchener Rück zieht in dieser Woche nach.

Ein risikoreiches Unterfangen. Denn wie lange die Krise noch anhält, ist ungewiss. "Wenn das Wirtschaftsgeschehen nicht bald wieder hochfährt, wird es eng", sagt Strenger. Für eine gesunde Firma sei es durchaus in Ordnung, die Gewinne auszuschütten. Doch das müssten Aufsichtsrat und Vorstand im Interesse des Unternehmens entscheiden. Sollten sich Kredite anbahnen, sei eine Dividende nicht vertretbar.

Aktien- oder Zwischendividende als Lösung?

Der Experte hat jedoch Lösungsvorschläge. "Eine Alternative ist die Aktien-Dividende", so Strenger. Die Anleger würden den Dividendenbetrag in Form neuer Aktien erhalten und sich damit länger an das Unternehmen binden. Bräuchten sie stattdessen Liquidität, wäre ein Verkauf an der Börse immer noch möglich.

Außerdem lohne sich ein Blick in die USA. Dort werden die Dividenden quartalsweise ausgeschüttet. Wäre das auch in Deutschland so, "hätten die Aktionäre schon vor der Corona-Pandemie etwas bekommen", erklärt Strenger. Eine quartalsmäßige oder halbjährliche Zwischendividende würde erheblich zur Entspannung der Debatte beitragen.

Viele Unternehmen halten sich eine mögliche Zahlung der Dividende bis zur Hauptversammlung offen. Da kommen neue lösungsorientierte Ansätze genau zum richtigen Zeitpunkt.