Corona schlägt zu Dividenden: Auf so viel müssen Anleger verzichten

Stand: 02.04.2020, 16:13 Uhr

Viele Anleger wissen es bereits: Die Corona-Krise schlägt mit voller Wucht auf die Dividendensaison durch und wird die Ausschüttungssumme kräftig schrumpfen lassen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Der heute von der DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) und dem isf Institute for Strategic Finance an der FOM Hochschule veröffentlichten Untersuchung zufolge werden die 160 in der Dax-Familie enthaltenen Firmen in diesem Jahr 14 Prozent weniger ausschütten als im Vorjahr - im günstigsten Fall. Damit bekämen die Aktionäre gut 44 Milliarden Euro.

"Je nachdem, wie lange der virusbedingte Schockfrost der Wirtschaft anhält, könnte das Ausschüttungsvolumen aber auch noch deutlich niedriger ausfallen“, warnen die Autoren der Studie, die mittlerweile in elfter Auflage vorliegt. Insgesamt könnte die Dividendensumme sogar unter die 40-Milliarden-Euro-Marke fallen.

Gutes Beispiel Bayer

Die vom Berliner Investor und Autor Christian W. Röhl erstellte Studie basiert auf den per 31. März 2020 vorliegenden Ankündigungen und Gewinnverwendungsvorschlägen der Unternehmen. Dabei ist vielfach nicht klar, wann und wie die Ausschüttungen beschlossen und gezahlt werden, denn diverse bis Ende Mai terminierte Hauptversammlungen wurden mittlerweile abgesagt.

Dividendensumme nach Marktsegmenten

Dividendensumme nach Marktsegmenten. | Bildquelle: dividendenadel.de, Grafik: boerse.ARD.de

Und inwieweit Firmen von der gerade geschaffenen Sonderregelung Gebrauch machen, einen Dividendenabschlag auch ohne HV-Beschluss auszuschütten, lässt sich noch nicht abschätzen. Immerhin gehe die Bayer AG mit gutem Beispiel voran, urteilt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Denn das Leverkusener Unternehmen will an der angekündigten Dividende für das Geschäftsjahr 2019 festhalten.

"Daran sollten sich zumindest die Gesellschaften ein Beispiel nehmen, die aufgrund ihres Geschäftsmodells oder ihrer Liquiditätslage nicht Gefahr laufen, wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in eine finanzielle Schieflage zu kommen", so Tüngler.

Liquidität hat Vorrang

Isf-Direktor Eric Frère zeigt jedoch Verständnis für die zögerliche Haltung vieler Firmen, habe doch die Sicherung der Liquidität zunächst Vorrang. Vor diesem Hintergrund verwundere es nicht, dass der Anteil der Unternehmen, die trotz eines Bilanzgewinns nicht ausschütten, mit knapp einem Fünftel sogar noch höher ausfällt als 2008. Nicht zu unterschätzen sei auch die politische Brisanz, ergänzt Tüngler: Jetzt üppige Dividenden auszuschütten und später gegebenenfalls nach dem Staat zu rufen, passe nicht zusammen.

Wie ernst die Vorstände die Lage einschätzen, zeigen die Ausfälle bei einigen Firmen mit langer Dividenden-Tradition. So überweist der Autozulieferer Sixt erstmals seit dem Börsengang 1986 nur die Mindestdividende auf Vorzugsaktien. Beim Optik-Filialisten Fielmann endet ein Track Record von 14 Anhebungen in Folge und auch Fraport, MTU Aero Engines oder die Deutsche Euroshop hatten selbst in den Krisenjahren 2008-2010 kontinuierlich gezahlt. "Aber nicht einmal die vermeintlich epochale Finanzkrise taugt als Blaupause für das, was momentan passiert“, sagt Frère.

Kürzungen auch ohne Corona

Allerdings wäre es auch ohne die Corona-Krise zu Dividendenkürzungen gekommen. Das betrifft etwa die Autobauer Daimler und BMW, die wegen gravierender Umbaukosten weniger ausschütten als im Vorjahr. Auch die Komplettausfälle bei Thyssenkrupp und der Deutschen Bank resultieren aus strukturellen Defiziten und konjunkturellen Bremsspuren, die lange vor der Corona-Krise aufgetreten sind.

Für eine positive Überraschung sorgen die beiden Versorger und früheren Sorgenkinder Eon und RWE: Sie heben ihre Ausschüttung sogar an und sorgen mit positivem Ausblick für etwas Zuversicht. Auch Linde hat eine Anhebung der Dividende in Aussicht gestellt.

Dividende versus Kontinuität, Verlässliche Dividendenzahler versus Dax-Familie

Dividende versus Kontinuität. | Bildquelle: dividendenadel.de, Grafik: boerse.ARD.de

Kann VW sein Versprechen halten?

Zumindest für den Moment weitgehend abgesichert erscheint auch die Anhebung bei der Allianz, die mit rund vier Milliarden Euro fast ein Zehntel der Dividendensumme aller Index-Firmen überweisen will. Die Rückversicherer aus München und Hannover dürften ebenfalls wie angekündigt ausschütten, genauso wie die Unternehmen aus dem Technologie- und Gesundheits-Sektor, SAP, Bechtle und Fresenius. Risiken sieht die Studie dagegen bei zyklischen Konsum- und Industriewerten.

So will Volkswagen zwar an der Anhebung der Dividende auf 6,56 Euro (plus 35 Prozent) festhalten, doch je länger die Werke geschlossen bleiben, könnte es auch aus Wolfsburg noch eine negative Überraschung geben, glauben die Autoren der Studie.

Weniger Dividende auch in der EU

Wie in den Vorjahren warnen die Autoren auch diesmal vor der Suche nach Unternehmen mit hohen Dividendenrenditen. "Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, dass die Dividende nicht der neue Zins ist", erinnert Frère und fühlt sich bestätigt: "Einerseits sind die Dividenden deutlich rückläufig, andererseits haben sogar Aktien von Unternehmen mit hoher historischer Ausschüttungsqualität in den letzten Wochen ähnliche Kursverluste zu verzeichnen gehabt wie der Gesamtmarkt."

Außerhalb Deutschlands sieht es sogar noch schlechter aus. Die am Terminmarkt Eurex gehandelten Futures auf die Unternehmen im EuroStoxx 50 gehen deuten darauf hin, dass die Ausschüttungssumme in diesem Jahr noch geringer ausfallen dürfte als im Jahr 2000.

lg