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Von Corona gelähmter Unterhaltungskonzern Disney: Ist die Magie jetzt raus?

von Lothar Gries

Stand: 24.03.2020, 06:45 Uhr

Heute geht hierzulande der neue Streaming-Dienst von Walt Disney an den Start - allerdings zunächst mit reduzierter Bildqualität. Dennoch ist Disney+ ein Schlüsselangebot für den Unterhaltungskonzern, den die Coronakrise in Mark und Bein getroffen hat.

In den vergangenen beiden Wochen prasselte eine Hiobsbotschaft nach der anderen auf Walt Disney ein. So musste der Konzern zunächst seine Freizeitparks in Hongkong, Shanghai und Tokio schließen. Zuletzt wurden auch die Pforten der Vergnügungsparks in Kalifornien, Florida und in Paris bis April verriegelt.

Eine bitterer Schritt, denn die Attraktionen auf dem Gelände in Anaheim bei Los Angeles, in Orlando oder im Osten von Paris sind gigantische Touristenmagneten. Allein der Park in Orlando/Florida zählte im vergangenen Jahr gut 21 Millionen Besucher.

Shutdown der Filmindustrie

Besonders hart hat es auch die ebenfalls zum Konzern gehörende Sportsendergruppe ESPN getroffen. Die hat Milliarden für die Übertragungsrechte von Basket- und Baseballspielen der großen US-Teams bezahlt. Doch nun sind wegen der Corona-Seuche sämtliche großen Sportveranstaltungen im Land abgesagt, auf unbestimmte Zeit. Und worüber sollen die Sender der Gruppe nun berichten, wenn es keine sportlichen Wettkämpfe mehr gibt?

Zudem leidet Disney unter der Schließung der großen Kinos und dem Shutdown der gesamten Filmindustrie in Hollywood. Der Start von etlichen Projekten - darunter die Neuverfilmung von "Mulan" - musste bereits verschoben werden und wird die Terminpläne bis in das nächste Jahr hinein durcheinander wirbeln. Auch die Kreuzfahrtflotte des Unternehmens mit ihren vier Schiffen liegt komplett vor Anker. Damit brechen dem Disney-Konzern flächendeckend und nahezu weltweit die Einnahmen weg. Hat das einst so glänzende Unternehmen also seine besten Tage hinter sich?

150 Milliarden Dollar in Luft aufgelöst

Bei den Investoren herrscht große Verunsicherung. Der Aktienkurs von Disney ist seit seinem Hoch Ende letzten Jahres um fast die Hälfte eingebrochen. Damit haben sich fast 150 Milliarden Dollar in Luft aufgelöst - und das innerhalb weniger Wochen. Disney-Papiere kosten nun wieder soviel wie Anfang 2014.

Denn niemand weiß, wie hoch die Einkommensverluste sein werden, weil sich nicht absehen lässt wie lange die Freizeitparks, Kinos und Stadien geschlossen bleiben. Die momentane Lage lässt jedoch vermuten, dass die Unterbrechungen über einen längeren Zeitraum bis mindestens Ende April anhalten könnten.

Damit droht sich der wirtschaftliche Schaden auf mehrere Milliarden Dollar zu summieren. Glaubt man Neil Begley, Analyst bei der Ratingagentur Moody’s, verfügt Disney über ausreichend Reserven, um einige Monate durchzustehen. So sollen 12,25 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln bereit stehen, die derzeit nicht in Anspruch genommen würden. Zudem dürfte sich das Unternehmen bemühen, die laufenden Kosten zu drücken, Investitionen zu verschieben und für das Geschäftsjahr 2020 deutlich niedrigere Steuern zu zahlen.

Dringend benötigte Einnahmequelle

Vor diesem Hintergrund ist der neue Streaming-Dienst des Unternehmens eine dringend benötigte Einnahmequelle. Mehr noch: Disney+ gilt als ein Schlüsselelement zur Weiterführung des Unterhaltungsriesen. Statt über Kabelverträge erhalten die Verbraucher damit direkten Zugang zu den populären Angeboten von Disney wie die "Star Wars"- und Marvel-Filmreihen - aber auch den mit der Fox-Übernahme dazugekommenen "Simpsons"-Staffeln. Zudem will Disney den anderen Streaming-Anbietern Druck machen - allen voran Netflix, das der klassischen Kabel-TV- und Entertainment-Industrie in den vergangenen Jahre viele Kunden abgejagt hat.

In den USA ist der Streaming-Dienst von Disney bereits am 12. November 2019 gestartet - offenbar mit großem Erfolg. Anfang Februar hatte Disney+ eigenen Angaben zufolge bereits 28,6 Millionen Kunden. Das Wachstum habe sogar die höchsten Erwartungen übertroffen, tönte der damalige Konzernchef Bob Iger.

Ewan McGregor (l) als Obi-Wan Kenobi und Liam Neeson als Qui-Gon Jinn in einer Szene des Films

Obi-Wan Kenobi und Qui-Gon Jinn. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Dass der Auftakt von Disney+ so erfolgreich verlief, liegt an beliebten Produktionen wie der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian", aber auch daran, dass der Streamingdienst das Angebot von Netflix preislich bislang erheblich unterbietet. In Deutschland will Disney+ monatlich 6,99 Euro verlangen oder 69,99 Euro im Jahr.

Streaming-Dienst verursacht hohe Kosten

Allerdings wirft auch hier die Corona-Krise erste Schatten. So musste Disney auf Bitten der französischen Regierung den Start seines Streaming-Dienstes in dem Land auf den 7. April verschieben, um keinen zusätzlichen Druck auf die Netze aufzubauen. Hierzulande und in anderen europäischen Ländern soll Disney+ unverändert heute online gehen. Genauso wie der Rivale Netflix will Disney allerdings den Datendurchsatz in Europa um ein Viertel reduzieren, wodurch Nutzer nicht die bestmögliche Bildqualität bekommen dürften.

Dass der neue Geschäftszweig in den USA dermaßen boomt, hat zudem seinen Preis. So sorgten die hohen Kosten für den Ausbau des Streaming-Geschäfts im vierten Quartal für einen Gewinneinbruch. In den drei Monaten bis Ende Dezember 2019 fiel das Nettoergebnis aus dem fortgeführten Geschäft verglichen mit dem Vorjahreswert um 23 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar. Der Umsatz stieg indes um gut ein Drittel auf 20,9 Milliarden Dollar.

In diesem Jahr dürften die Zahlen des Konzerns noch schlechter ausfallen. Somit erscheint Disney eher wie ein Opfer als ein Profiteur der Corona-Krise.