Uhrzeiten verschiedener internationaler Börsen an der Warschauer Wertpapierbörse

Zwangspause gegen die Panik? Analysten diskutieren vollständige Schließung der Börsen

Stand: 17.03.2020, 14:42 Uhr

Das Corona-Beben an den internationalen Börsen lässt Rufe nach einer historischen Zwangsmaßnahme laut werden. Um die grassierende Panik an den Handelsplätzen zu bekämpfen, schlagen Analysten eine vollständige Schließung der Börsen über einen längeren Zeitraum vor.

Befürworter dieses dramatischen Schritts wollen so die Pandemie ohne weitere Kursrutsche aussitzen. Gegner warnen jedoch, dass sich die Märkte von einer vorläufigen Unterbrechung nicht dauerhaft austricksen lassen.

S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 6 Monate
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An der New Yorker Börse gibt es bereits einen - wenn auch nur kurzzeitigen - Anti-Panik-Mechanismus bei einbrechenden Kursen. Wenn der Index S&P 500 der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen um mehr als sieben Prozent sinkt, wird der Handel für 15 Minuten unterbrochen. Bereits drei Mal kam dieser Notmechanismus während der vergangenen sechs Handelstage zum Einsatz. Sollte der S&P 500 um mehr als 20 Prozent sinken, würde der Handel für den Rest des Tages ganz eingestellt.

Der Druck auf die Verantwortlichen wächst, denn seit Mitte Februar hat der Dow Jones rund 25 Prozent an Wert verloren. Auch in Deutschland sieht es nicht besser aus: Seit Anfang des Jahres rauschte der Deutsche Aktienindex (Dax) mehr als 30 Prozent nach unten. Manche Analysten fordern eine drastische Ausweitung der Zwangspausen nach dem Vorbild der Wall Street. Den Märkten müsse in Zeiten der Coronavirus-Pandemie vorläufig "der Stecker gezogen" werden, sagt etwa Stephen Innes, Chefstratege bei AxiCorp. Abgesehen von den kurzen Panikmomenten sei das Handelsvolumen derzeit gering, aber die Schwankungen groß. Verlierer seien Kleinaktionäre wie Arbeiter, die für ihre Altersvorsorge an der Börse investiert haben.

"Für die aktuelle Krise keine Lösung"

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
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12.854,66
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Auch Christopher Dembik, Ökonom der Saxo Bank, geht diesen Überlegungen nach. Intern spiele sein Institut bereits seit Tagen eine mögliche Schließung der Märkte durch. Bislang gibt für ein solches Vorgehen nur wenige historische Vorbilder. Börsenschließungen erfolgten stets in Ausnahmesituationen. Während der Weltwirtschaftskrise 1933 wurde die New Yorker Börse für einige Tage geschlossen, ebenso nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Analysten wie Dembik warnen jedoch, dass dies für die aktuelle Coronakrise keine Lösung sei. Das neuartige Virus werde sich nicht nur tagelang, sondern mindestens noch über Wochen hinweg verbreiten.

Auch SEC skeptisch

Aber eine Handelspause wie zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, als die New Yorker Börse viereinhalb Monate lang dicht gemacht wurde, hält Dembik heutzutage für "unvorstellbar". Vorerst winkt auch die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC ab. "Die Märkte müssen auch in Phasen wie jenen funktionieren, die wir derzeit durchlaufen", sagte SEC-Chef Jay Clayton dem Sender CNBC. Wall-Street-Chefin Stacey Cunningham erklärte im Onlinedienst Twitter, sie verstehe zwar die Angst der Investoren vor neuen Kursstürzen. Doch der Markt spiegle lediglich die Unsicherheit der Weltgemeinschaft angesichts der Corona-Pandemie. Eine länger anhaltende Schließung würde im Gegenteil der Panik nur weitere Nahrung geben.

Auch der Finanzmarkt-Historiker Richard Scylla warnt eindringlich vor einer Auszeit für die Börsen. "Wenn die Märkte schließen, ist es vorbei", sagt er. Der Schritt würde Investoren künftig davon abhalten, in Aktien und Anleihen zu investieren. Die Folge wären Liquiditätsengpässe für Unternehmen in der Zeit nach dem Ende der Pandemie.

Juliette Michel, afp