Schriftzug am Eingang der BaFin in Bonn

Eine Finanzaufsicht auf Abwegen? Die rätselhafte Rolle der BaFin im Fall Wirecard

von Angela Göpfert

Stand: 19.03.2019, 13:31 Uhr

Mitte Februar hat die BaFin in einer beispiellosen Aktion Leerverkäufe der Wirecard-Aktie verboten. Einen Monat später werfen der Fall Wirecard und speziell die Rolle der deutschen Finanzaufsicht immer noch Fragen auf.

Für alles gibt es ein erstes Mal. Vor einem Monat hat die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) einen spektakulären Präzedenzfall geschaffen: Am 18. Februar verhängte sie ein Leerverkaufsverbot für die Wirecard-Aktie.

Wirecard-Logo auf einem Smartphone vor Kurstafel

Der Fall Wirecard ist ein echter Börsenkrimi. | Bildquelle: Imago

Dem Verbot vorangegangen war ein Kurssturz der im Dax notierten Papiere, nachdem die "Financial Times" in mehreren Artikeln schwere Vorwürfe gegen den Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München erhoben hatte: Mitarbeiter eines Tochterunternehmens der Wirecard AG in Singapur sollen Bilanzen manipuliert und Umsätze fingiert haben.

Noch nie dagewesen

Ein solches Leerverkaufsverbot für eine einzelne Aktie aber ist eine drastische Maßnahme, von der die deutsche Finanzaufsicht in ihrer Geschichte noch nie Gebrauch gemacht hatte. 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hatte die BaFin zwar bereits Leerverkäufe in elf Finanztiteln untersagt.

Doch damit ist der Fall Wirecard keineswegs vergleichbar, das muss sogar die BaFin zugeben: "Für einen Einzelwert war Wirecard der erste Fall, in dem wir Netto-Leerverkaufspositionen verboten haben", erklärt eine BaFin-Sprecherin auf Anfrage von boerse.ARD.de.

Wie funktionieren Leerverkäufe?

Short-Sale

Leerverkäufer sind Anleger, die auf fallende Kurse setzen. Dafür leihen sie sich Aktien und verkaufen sie. Das Kalkül dahinter: Sinkt der Kurs, können sie die Titel später zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz zwischen Verkaufspreis und Rückkaufpreis ist ihr Gewinn.

Die offizielle Begründung

"In der derzeitigen Situation besteht das Risiko, dass die Verunsicherung des Marktes zunimmt und sich zu einer generellen Marktverunsicherung ausweitet", heißt es in der offiziellen Begründung der BaFin.

Die Behörde befürchtete also, dass die Unsicherheit auf andere Unternehmen übergreifen könnte. Genau diese Begründung ist aber aus Sicht vieler Marktteilnehmer schlicht nicht nachvollziehbar.

Ganz anders als zu Zeiten der Finanzkrise, als im Zuge einer allgemeinen Marktverunsicherung Finanzinstitute und Banken generell auf den Abschusslisten der Anleger standen, konzentriert sich die Verunsicherung der Anleger in diesem Fall ganz klar auf ein Unternehmen.

Kursverlauf Wirecard, 1. Januar bis 19. März 2019

Die Wirecard-Aktie hat zeitweise fast 50 Prozent ihres Werts verloren. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Woher kommen die Informationen?

Wer jetzt schon die Stirn runzelt über das Vorgehen der BaFin, sollte besser nicht weiterlesen. Denn die Gretchenfrage lautet: Auf Basis welcher Informationen hat die BaFin eigentlich ihre Entscheidung getroffen?

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
153,65
Differenz relativ
+2,54%

Laut "Süddeutscher Zeitung" und "Der Aktionär" soll ein Fax der Staatsanwaltschaft München I an die BaFin eine zentrale Rolle bei dem Leerverkaufsverbot gespielt haben. Darin heißt es, die Wirecard AG sei zur Zahlung einer hohen Geldsumme aufgefordert worden sein, sonst drohe weitere negative Berichterstattung.

Es liegt auf der Hand: Wer, wenn nicht das Unternehmen selbst könnte der Staatsanwaltschaft diese Information zugespielt haben?! Auf Nachfrage von boerse.ARD.de gibt sich die BaFin allerdings sehr zugeknöpft: "Zur Herkunft von Informationen äußern wir uns generell nicht."

Wirecard kommt nicht zur Ruhe

Markus Braun, CEO, Wirecard

Markus Braun, CEO und Großaktionär von Wirecard. | Bildquelle: Unternehmen

Bezeichnend ist überdies: Trotz des Leerverkaufsverbots kann sich die Wirecard-Aktie nicht nachhaltig erholen - sehr zum Leidwesen von Wirecard-Chef Markus Braun. Braun ist nämlich selbst größter Aktionär von Wirecard und hält 7,1 Prozent aller Anteile.

Der negative Nachrichtenstrom reißt einfach nicht ab: So wirft die Staatsanwaltschaft Singapur Wirecard vor, die Ermittlungen behindert zu haben. Die Untersuchungen sollen laut Medienberichten mittlerweile auf Indien ausgeweitet worden sein.

Sollten sich die Vorwürfe gegen Wirecard erhärten, die Staatsanwaltschaft in Singapur gar Anklage erheben, hätte die BaFin mit ihrem Leerverkaufsverbot dem Ansehen des Finanzplatzes Deutschland in der Welt einen Bärendienst erwiesen.

Skyline von Singapur bei Nacht

Entscheidet sich in Singapur das weitere Schicksal des Unternehmens? . | Bildquelle: Imago

Leerverkäufer erfüllen wichtige Rolle

Die BaFin sollte nämlich eines bedenken: Investigative Journalisten wie die Kollegen bei der "Financial Times", aber auch Leerverkäufer sind nicht per se "böse", sondern erfüllen eine wichtige Rolle am Markt.

Leerverkäufer sind ein wichtiges Korrektiv, um Kursexzesse nach oben abzuschwächen. Zumal Leerverkäufer nicht auf Dauer gegen ein gesundes Unternehmen spekulieren können. Ihre Rechnung geht nur dann auf, wenn dort wirklich etwas im Argen liegt.

Wie schrieb der britische "Economist" vor kurzem? Der Leerverkauf von Aktien eines Unternehmens, das falscher Buchführung bezichtigt wird, unterminiert nicht die Märkte. "Es zeigt vielmehr, dass sie funktionieren." Dem ist nichts hinzuzufügen.