Equinor Johan Sverdrup

Equinor setzt auf Wind und Öl Die norwegische Doppelmoral

Stand: 06.02.2020, 06:40 Uhr

Ob bei Elektroautos oder in der Stromproduktion - Norwegen brüstet sich gerne als Klimaschutz-Vorreiter. Auch der staatliche Ölkonzern Equinor gibt sich ein grünes Image und setzt auf Windenergie. Tatsächlich bohren Norwegen und Equinor munter weiter nach Öl.

Mit einem großen Festakt eröffnete Anfang des Jahres Norwegens Premierministerin Ema Solberg den größten ungehobenen Schatz des Landes, "Johan Sverdrup". Dort - 140 Kilometer westlich der norwegischen Küstenstadt Stavanger - liegt tief in der Nordsee schwarzes Gold im Wert von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Das drittgrößte norwegische Ölfeld, das 2010 entdeckt wurde, soll Öl und Gas für die nächsten 50 Jahre liefern. Pro Tag sollen irgendwann einmal mehr als 600.000 Barrel gefördert werden.

Debatte um neues Ölfeld

Premierministerin Solberg spricht stolz von "Norwegens größtem Industrieprojekt" der vergangenen Jahre. Die Opposition hingegen kritisiert das Ölprojekt als "Generationenraub". Es werde massiv zur Klimakrise beitragen, schimpfen die norwegischen Grünen. Auch die Klimaschützer machen Front gegen "Johan Sverdrup". Greta Thunberg, das Gesicht der Fridays-For-Future-Bewegung, wirft der norwegischen Regierung "Heuchelei" vor. Norwegen wasche sich die Hände rein und exportiere das Klima-Problem.

Das in Norwegen geförderte Öl wird nämlich größtenteils ins Ausland ausgeführt - und füllt die Staatskassen. Die heimische Bevölkerung hingegen ist nahezu unabhängig vom Öl. Sie erhält ihren Strom zu über 98 Prozent aus erneuerbaren Energien, vor allem Wasserkraft.

CO2-Emissionen nicht gesenkt

Kritiker sehen darin eine Doppelmoral oder auch eine klimapolitische Scheinheiligkeit. Während Norwegen bei der heimischen Stromversorgung fast ausschließlich auf Ökostrom setzt und prozentual den weltweit höchsten Anteil von Elektroautos im Straßenverkehr pro Kopf der Bevölkerung zählt, hat das wohlhabende skandinavische Land es nicht geschafft, seit 1990 seinen CO2-Ausstoß zu verringern. Schuld daran sind die deutlich höheren Emissionen aus der Öl- und Erdgasförderung.

Equinor Johan Sverdrup

Equinor Johan Sverdrup. | Bildquelle: Unternehmen

Das soll sich nun ändern – mit dem "Johan Sverdrup"-Feld. Dort sollen der Treibhausgas-Ausstoß bei der Förderung nur rund 700 Gramm pro Barrel betragen – statt wie im weltweiten Durchschnitt 18 Kilogramm. Denn auf "Johan Sverdrup" wird die Förderung nicht wie sonst üblich mit Gasturbinen, sondern mit Ökostrom vom Festland betrieben. Die norwegische Ölindustrie produziere Öl klimafreundlicher als der Rest der Welt, argumentiert Equinor, Norwegens Ölriese, der zu 67 Prozent dem Staat gehört.

Equinor will bis 2050 klimaneutral werden

Der Staatskonzern will mit gutem Beispiel vorangehen. Bei der Förderung von Öl und Gas auf dem Heimatmarkt will Equinor bis 2050 klimaneutral werden. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll bis 2030 um 40 Prozent und bis 2040 um 70 Prozent zurückgehen, verspricht das Unternehmen.

Kritiker sehen das als Augenwischerei. Denn der größte Teil der Emissionen entstehe nicht bei der Förderung, sondern bei der Verbrennung des Öls. Insofern verlangen Klimaaktivisten wie Greta einen Stopp der Ölböhrungssuche und eine schrittweise Senkung der Fördermenge in den bestehenden Feldern.

Offshore-Windenergie wird ausgebaut

Windpark  von Equinor

Windpark von Equinor. | Bildquelle: Unternehmen

Equinor steht symbolisch für die norwegische Doppelmoral. Der Staatskonzern, der einst Statoil hieß, hat sich umbenannt, um nicht mehr länger nur mit Öl assoziiert zu werden. Equinor setzt inzwischen zunehmend auf erneuerbare Energien und entwickelt unter anderem in der Nordsee vor der britischen Küste den größten Offshore-Windpark der Welt, Dogger Bank. Gut 11 Milliarden Dollar investiert dort Equinor gemeinsam mit dem britischen Partner SSE Renewables.

Diesen Bereich wollen die Norweger ausbauen. Bei der Entwicklung von Tiefsee-Windfarmen, bei denen die Windmühlen nicht im Boden verankert, sondern nur mit Seilen oder Ketten befestigt sind oder gar nur schwimmen, gilt Equinor inzwischen als Pionier. Denn die Technologie wird auch bei Öl-Förderplattformen eingesetzt.

Von wegen "Equi(librium)"....

Dennoch wird vorerst die Windenergie nicht die entscheidende Rolle für Equinor spielen. Das Kerngeschäft der Norweger dürfte auf absehbare Zeit Öl und Erdgas bleiben. Das spiegelt sich im neuen Namen des Konzerns wider. "Equi" von Equinor soll den Begriff "Equilibrium" signalisieren, also Gleichgewicht beim Strom-Mix.

Das neue Öko-Image von Equinor hat die Börse bisher offenbar nicht überzeugt. Die Aktien des staatlich kontrollierten norwegischen Ölriesen sind auf Einjahres-Sicht um 15 Prozent gefallen. Damit entwickelten sich die Titel ähnlich schwach wie die anderer Ölkonzerne, die unter den sinkenden Ölpreisen litten. Offenbar betrachten die meisten Anleger Equinor immer noch vorwiegend als Öl-Aktie.

Ölaktien unter Druck

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
39,59
Differenz relativ
-3,70%

Die Coronavirus-Pandemie könnte kurzfristig den Ölkonzernen weiter zusetzen. Laut Bloomberg ist die Nachfrage aus China wegen der Stilllegung vieler Fabriken und der Einstellung von Flugverbindungen um rund drei Millionen Barrel pro Tag gesunken. Das entspräche einer Reduzierung des gesamten Ölverbrauchs um gut 20 Prozent. Kein Wunder, dass der Preis für das schwarze Gold in den letzten Tagen rasant gefallen ist.

Langfristig dürften auch die zunehmenden Klimaschutz-Vorschriften den Ölsektor belasten. Aufgrund der ESG-Ausrichtung würden viele Investoren Aktien mit hohem CO2-Ausstoß aus ihren Portfolios nehmen, beobachtet DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen mit Sorge. Nach den Versorgern könnte der nächste Sektor, der unter Druck käme, die Ölbranche sein. "Große Investoren fassen Ölaktien kaum noch an", warnte Kaldemorgen.

Aktivistische Investoren machen Druck

Zuletzt haben mehrere Analysten die Kursziele von ExxonMobil und Chevron gesenkt. Aktivistische Investoren wie die niederländische Gruppe Follow This erhöhen den Druck auf die Ölkonzerne. Auf den Hauptversammlungen von Shell, BP und auch Equinor wollen sie die Konzerne dazu auffordern, die Pariser Klimaziele zu erreichen.